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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-04-29 · Heft 18 (29.4.1879) · p. Seite 278

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 18 (29.4.1879)
Date
1879-04-29
Page
Seite 278 (sequence 6)
Language
German
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278 Neigung und Opferwilligkeit für eine höhere Schulbildung ihrer Kinder sehr entwickelt ist und daß die Schulbildung bei den künftigen Gererationen der Juden sehr verbreitet sein wird. Uebrigens besteht dieses Verhältniß schon seit längerer Zeit, worüber wir bereits wiederholt berichtet haben. — In demselben Hefte befindet sich auch eine Ueberficht der Abiturienten von den Gymnasien und Realschulen im Jahre J 878 und werden dabei die Fächer angegeben, zu welchen diese sich bestimmt haben. Wir haben hier die Befriedigung, während früher die Rubrik für die jüdische Theologie neben der katholischen und evangelischen stets leer war, diesmal zwei darin verzeichnet zu finden, einen aus der Provinz Sachsen und einen aus der Provinz Schleswig- Holstein. *) Ratibor, 8. April. Der „Oberschl.-Anz." berichtet aus einer mährischen Grenzstadt folgenden sonderbaren Vorfall: „An einem bestimmten Tage sollte die durch Schönheit, Bildung und Anmuth ausgezeichnete und allerseits sehr beliebte Tochter einer wohlhabenden und geachteten jüdischen Familie verlobt werden. Nachdem nun zu dieser Feier sämmtliche Vorbereitungen getroffen waren, stellte sich plötzlich dem Verlobungsacte ein ungeahntes Hinderniß entgegen. Es trat nämlich eine alte Bäuerin ins Festzimmer und erklärte den Eltern der angehenden Braut, daß sie ihre Einwilligung zu der bevorstehenden Vermählung nicht ertheile. Man glaubte Anfangs es mit einer Irrsinnigen zu thun zu haben, doch die Bäuerin beharrte auf ihrer Erklärung und begründete diese wie folgt: Wie Ihr mich nun erkennen werdet (was auch geschaht war ich vor zwanzig Jahren bei Eurem Kinde Amme. Ich hatte in einer Nacht das Unglück, Euer Kind im Schlafe zu erdrücken. Aus Furcht vor Strafe beseitigte ich das todte Kind und legte an dessen Stelle mein in gleichem Alter stehendes Töchterchen. So wurde dieses mein eigenes Kind bis zum heutigen Tage von Euch ernährt und wohl erzogen und ich danke Euch dafür, doch, da cs jetzt verheirathet werden soll, werdet Ihr begreiflich finden, wenn ich als Mutter mein Recht ausübe, und somit verbiete ich als gute Christin, daß mein in der christlichen Kirche getauftes Kind einen Juden heirathe." Die Situation der unglücklichen Braut, des Bräutigams und besonders der sehr bestürzten Eltern Und Geschwister ist bei dieser consequenten Behauptung und Erklärung der alten Bäuerin eine unbeschreibliche. Vorläufig ist diese tragische Begebenheit der zuständigen Behörde zur Untersuchung angezeigt worden. Der betreffende 1) Nach der „Voss. Ztg." werden die drei höheren Töchterschulen in Berlin zusammen von 2551 Schülerinnen besucht, und zwar von 1818 evangelischen, 26 katholischen, 700 jüdischen und I, ftcireligiösen. Dabei ist dre numerische Größe der katholischen Bevölkerung Berlins viel stärker als die der jüdischen. Nach dem wirklichen Bevölkerungsverhältniß (40,000 Juden unter einer Mikron Seelen in Berlin) kämen ca. l 00 Jüdinnen auf die Frequenz dreser drei Töchterschulen. Gs findet also ganz dasselbe Verhältniß be, der weiblichen jüdischen Jugend wie bei der männlichen bezüglich der höheren Lehranstalten statt. Bräutigam aber ist bis zur endgiltigen Entscheidung dieses Dramas zurückgetreten." — Es versteht sich von selbst, daß, wie die Untersuchung auch ausfalle. Niemand das Mädchen zwingen kann, Christin zu werden, da sie bereits das Alter der Selbstbestimmung erreicht hat. Brcslatt, 16. April. Von hier läuft die Trauerkunde ein, daß am 16. April der Director des jüdisch-theologischen Seminars, Dr. Lazarus, gestorben ist. Er bekleidete diese Stelle, nachdem er schon sein 25jähriges Amtsjubiläum als Rabbiner in Prenzlau gefeiert hatte, etwa 3 Jahre, und ist während dieser Zeit seine Abhandlung über die Ethik des Talmud's erschienen. Oesterreich-Ungarn. Wien, 6. April. (Privatmitth.) Der Bericht, den Sie aus dem Werke des Herrn Dreyfuß-Brisac in Nr. 15 gegeben, hat doch überrascht, da man sich neuerdings das Verhältniß an den preußischen Universitäten nicht so schroff gedacht hat Wie. anders ist es bei uns in Oesterreich bestellt. An der hiesigen Universität wirken zahlreiche Professoren als ordinarii, die sich zur jüdischen Religion bekennen und zwar an der rechts- und staatswissenschaftlich.en Facultät: Karl Samuel Grünhut, Handels- und Wechselrecht, an der medicinischen Facultät: Salomon Stricker, allgemeine experimentelle Pathologie, an. der philosophischen Facultät: Max Büdinger, allgemeine Geschichte, Leo Königsberger, Differential- und Integralrechnungen, Adolf Lieben, allgemeine Chemie, Theodor Gomperz, griechische Staatsalterthümer, Edmund Weiß, theoretische Astronomie. Wie übrigens bekannt, giebt es sogar an der Jnsbrucker Universität jüdische Professoren. Nebenher mag bemerkt werden, daß cs in Oesterreich keine Titular-Professoren giebt. Am 13. d. M. fand ich in einer berliner Correspondenz die Ansicht ausgesprochen, daß die Rabbinervetsammlungen und Synoden keine Resultate hatten. Gestalten Sie mir, es auszusprechen, daß ich diese Ansicht nicht theile, denn abgesehen davon, daß sie thatsächlich manche erfreuliche Resultate zu Wege brachten, so haben sie die Massen aufgerüttelt und in reichlicher Weise Anregungen gegeben *). Jüngst besuchte ich den neuen Friedhof, und fast möchte ich sagen, er ist einladend, so nett, rein und hübsch ist Alles. Die Parcelle des jüdischen Friedhofes ist von dem christlichen nicht durch eine Mauer, sondern durch einen Fahrweg, der von einer Allee eingesäumt ist, begrenzt. _l),.Unser,gesch._Mener, Corresp. hat die Worte seines Berliner College» wohl nicht genau gelesen. Der letztere bestritt den Rabbinervcrsammlungen und Synoden ihre allgemeine Wirkung durchaus nicht; er hob nur hervor, daß die Gemeinden bei der Um-

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