Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 18 (29.4.1879)
- Date
- 1879-04-29
- Page
- Seite 275 (sequence 3)
- Language
- German
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276 war der Dichter und Epikuräer Samuel Rogers." Sein ältester Sohn war Benjamin. Brandes sagt: „Er wurde in die jüdische Gemeinde ausgenommen; als aber der Vater später sich mit ihr entzweite, gab er seinem Freunde Samuel Rogers die Erlaubniß, den Knaben mit in die Kirche zu nehmen und dort taufen zu lasten. Rogers war in religiöser Beziehung vollständig indifferent, aber es dünkte ihm Schade , daß der hübsche, aufgeweckte Knabe wegen seiner Confession von den wichtigsten bürgerlichen Rechten und höchsten socialen Gütern ausgeschlosten sein sollte. Die Taufe fand im St. Andrew's Kirchspiel am 31. Juli 1817 statt." — Hierdurch ist dieser Abfall von der väterlichen Religion hinlänglich erklärt. Diese selbst war als solche nicht daran betheiligt. Der Vater, ein encyclopädischer Skeptiker, der junge Sohn von dieser Skepsis angesteckt; ehrgeizige Pläne, denen die Lage der Juden einen Riegel vorschob, in Vater, Sohn und Freund lebendig. Brandes sagt: „Man versteht Nichts von dem Wesen Benjamin Disraeli's, wenn man übersieht, daß selbst die Theorien und Schwärmereien,, die bei ihm am vollständigsten das Gepräge der großen romantischen Reaction tragen, ohne Ausnahme ursprünglich von angeborener Skepsis und früh entwickelter Kritik desinficirt worden sind." Das Christenthum hatte ihn also nicht erobert, wohl aber das Judenthum verloren, dem er in Wirklichkeit niemals nahe gekommen war. Es bleibt nun noch das zweite Moment, die Verklärung der jüdischen Race durch Disraeli zu erklären. Was ging in der Seele des Jünglings vor? Brandes schlägt den richtigen Weg ein, aus den Jugendschriften Disraeli's, namentlich aus „Vivian Grey" und „Contarini Flemming", die Gesinnungen, Seelenstimmungen, Geistesrichtung des jungen Autors zu construiren, und zwar nicht sowohl aus dem allgemeinen Charakter und der Tendenz dieser Dichtungen, als aus den unwillkürlichen Ergüsten, aus den zwischengestreuten Monologen, in denen sich der Autor selbstbiographisch abzeichnet. , Es ergiebt sich, daß der aufstrebende Geist von Ehrgeiz und Machtbegierde beherrscht war und vorzugsweise die Frage ventilirte, auf welchem Wege zur höchsten Staffel der Macht zu kommen sei? Scho« in der Schule (1820) mußte der Knabe sich fremd und isolirt fühlen. Er sagt in „Contarini Fleming": „Sie wurden meine Brüder genannt, aber die Natur stempelte diese Behauptung zur Unwahrheit, wie oft sie auch wiederholt wurde. Ihre blauen Augen, slachsgelben Haare und weißen Gesichter standen in keiner Verwandtschaft zu meiner venetianischen Physiognomie. Wo ich ging und stand, und wohin ich sah, erblickte ich eine Race, die von mir selber verschieden war. Es war keine Sympathie zwischen meinem Körper und dem rauhen Klima, in welchem ich leben mußte." Zu dem „venetianischen Gepräge" kam noch die jüdische Abstammung. Der getaufte Jude hatte damals in England ebenso wenig Aussichten und eben so viele Schwierigkeiten zu überwinden, wie der'Jude selbst. Die Gewalt liegt in England in den Händen der Aristokratie, sei diese torystisch oder whiggistisch. Diese Aristokratie durchbrechen, sie durch Democratie ersetzen zu wollen, wäre Wahnsinn gewesen und lag auch nicht in den aristokratischen Grundzügen von Disraeli's Geist. Es galt vielmehr, dieser Aristokratie eine andere cntgegenzustellen, welche Benjamin gerade in dem Stamme fand, welchem er entsprungen war. Brandes setzt hier die Ansichten Disraeli's aus deffen Schriften, namentlich aus Contarini Fleming 124. Life of Lord; George Bentinck, Cap. XXIV. Sibyl 11, 89. Tancred 427 so bezeichnend auseinander, daß wir die ganze Stelle hier anzuführen uns nicht enthalten können, „So ehrgeizig war er also. Und mit diesem alldurchdringenden Bedürfniß nach Macht und Herrschaft sah er die. Hinderniffe bergartig zwischen sich und dem Ziel seiner Wünsche aufsteigen. Er war unbekannt, unvermögend, unadelig. England war ein durch und durch aristokratisches und vorurtheilsvolles Land, und er war — der Sohn eines Juden. Wohl wahr, er war durch eine Zufälligkeit formell in die christliche Glaubensgesellschaft ausgenommen worden, und das formelle, das absolute Hinderniß für seine politische Laufbahn war entfernt. Aber der getaufte Jude war dem Zweck nicht näher als der ungetanste. Das Racenmerkinal und der Racenhaß blieben. Ein geborener Jude der Premierminister einer Großmacht! Es war ein Unsinn; unerhört, seitdem Joseph als. der Günstling Pharao's Aegypten regierte. England wurde von Aristokraten regiert, und was war er? Ein Pariah." „Ein Pariah, aber warum? und hier quollen Fragen auf Fragen hervor. War denn diese buntgemischte Bevölkerung von Sachsen und Normannen, unter denen er das Licht erblickt hatte, von reinerem und edlerem Blute als er? O nein, er stammte in gleicher Linie ab von einer der ältesten Racen der Welt, von jenem streng abgeschlossenen und ungemischten Beduinenstamme, der seine hohe Cultur zu einer Zeit entwickelt hatte, als Englands Bevölkerung noch halb nackt ging und Eicheln in ihren Wäldern aß. Er war Vollblut; und sie? Sonderbar, sie betrachteten seinen Stamm als eine niedrigere Kaste und hatten nichtsdestotveniger von dieser niedrigeren Kaste die meisten der Gesetze und manche der Sitten ausgenommen, die schon in ihrer arabischen Heimath ihre Eigenthümlichkeit ausgemacht hatten. Sie hatten sich durch Adoption die ganze Religion und die ganze Literatur seiner Väter angeeignet Sic hatten diese Literatur für eine heilige, von Gott selbst inspirirte Schrift erklärt und diese Religion für eine Offenbarung, die wohl vervollständigt, aber nie aufgehoben werden könnte. Sie theilten ihre Zeit auf jüdische Weise ein: sie ruhten am Sabbath kraft eines jüdischen Gesetzes, deffen Jnnehaltung von ihnen kaum weniger buchstäblich und fanatisch gefordert wurde, als im alten Stammlande. Sie sahen es für eine Tugend, ja für eine Pflicht an.