Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 18 (29.4.1879)
- Date
- 1879-04-29
- Page
- Seite 276 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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276 I stets die Geschichte seiner Vorvater zu studiren, und sie lehrten sie ihren Kindem, noch bevor sie ihnen in der Geschichte ihres eigenen Landes Unterricht ertheilten. Sie sangen allwöchentlich in ihren Kirchen die Hymnen, Klagegesänge und Danklieder der jüdischen Dichter. Und endlich — sie beteten den Sohn eines jüdischen Weibes als ihren Gott an. Und nichtsdestoweniger schlossen sie mit Verachtung von ihrer Gesellschaft und deren Parlamenten die Race aus, der sie alle ihre Feste und alle ihre Psalmen, ihre halbe Cultur, ihre Religion und ihren Gott verdankten — als wäre sie ein Auswurf der Menschheit. Er grübelte. Er war kein Kind, das Legenden für Wirklichkeit nahm; er war ein scharfblickender Jüngling, in einer Bibliothek des achtzehnten Jahrhunderts von einem skeptischen Gelehrten erzogen, der schon als Knabe sein Französisch im Voltaire gelernt hatte. Ihm selbst hatte der Vater, da er als Knabe sich in Schwärmereien versenken zu wollen schien, die Werke des großen Franzosen in die Hände gegeben, und er hatte sie verschlungen , die hundert Bände, sie mit Lachen, mit tiefer Bewunderung, mit bitterm Harm über das Schicksal der Menschheit gelesen. Es war ihm wie eine Offenbarung gewesen, die Weltgeschichte war an ihm vorbeigezogen, Pedanten und Pfaffen und Tyrannen; die Foliobände von Dummköpfen, die Scheiterhaufen der Inquisitoren, die Gefängnisse der Könige und das langwierige, einfältige System von Betrug und Mißregierung, das so lange wie ein Alp auf der Brust der Natur gelegen — kurz, all' unsre Unwissenheit und all' unsre Schwäche und all' unsre Thorheit. Er brauchte nicht sich selbst zu fragen, ob die Orthodoxie aus dieser langen Anklageschrift gegen die Feinde des Gedankens unangetastet hervorging. Aber was kümmerte das ihn? Die, welche die jüdische Nace geringschätzten, nahmen ja eben immer die Offenbarung als gegeben, die Voltairianer hatten immer der Toleranz das Wort geredet. Außerdem sah er die Sache gar nicht von diesem dogmatischen Gesichtspunkte an. Er sah sie practisch reell. Der asiatische Stamm, dem er angehörte, hatte im geistigen Sinn Europa und die Welttheile, welche von Europa bevölkert worden, erobert. Nordeuropa betete den Sohn einer jüdischen Mutter an und gab ihm Platz zur rechten Hand des Schöpfers; Südeuropa betete außerdem als Himmelskönigin eine jüdische Jungfrau an, das war der ganze Unterschied zwischen den beiden religiösen Gruppen, die in der Verachtung seines Volkes übereinstimmten. Er war stolz auf seine Herkunft, stolz auf seine Abstammung von einer Race, die zersplittert und verwiesen, gemartert, geplündert und erniedrigt Jahrtausende hindurch von ägyptischen Pharaonen, assyrischen Königen, römischen Kaisern, scandinavischen Kreuzfahrern, gothischen Fürsten und heiligen Inquisitoren, dennoch ausgehalten hatte, sich ungemischt erhalten, und noch immer dastand, unvertilgbar, unerschöpflich, unentbehrlich, energisch, genial. Wenn er sich in diese Gedanken vertiefte, war es ihm, als erlebte er die ganze Geschichte des Geschlechts, und als lebte das ganze Geschlecht in ihm, das ganze gestorbene Volk Jsrael's in ihm, Disraeli; alle jene Entschlafenen, jene in Niedrigkeit und Elend Gestorbenen, jene Verspotteten, Gepeinigten, auf den Scheiterhaufen Verbrannten, die lebten in ihm und sollten durch ihn ihre Genugthuung empfangen." „Träume! Träume! er war ja ein Pariah unter den Aristokraten seines. Vaterlandes . . . Aristokraten wurden sie genannt, schöne Aristokraten in Wahrheit, alter Adel! Die paar Allervornehmsten unter ihnen führten mit Mühe ihr Geschlecht achthundert Jahre zurück zu einer Schaar normannischer Reiter, deren Väter nordische Strandräuber, baltische Piraten waren, denen die Elemente der Cultur mit Roth beigebracht wurden von Priestern, die sie asiatische Religion lehrten und wem verdankten die übrigen großen Familien ihren Reichthum und ihren Adel? Der Adel schrieb sich oft genug von einem schlauen Kammerdiener her, der es verstanden hatte, einem tyrannischen König gegenüber Augendienerei zu treiben; oder von einem ehemaligen Clubkellner, der sich als Nabob den Varontitel gekauft hatte, und der Reichthum hatte meistens eine und dieselbe Quelle: Plünderung; nur mit dem Unterschiede, daß einige Vermögen durch Kirchenraub und Klosterplünderung tvährend der sogenannten Reformation erstanden waren, andere durch Aussaugung von Indien während der sogenannten Colonisation dieses Landes." Dies genügt, um die Motive zu erklären, aus welchen seine Begeisterung für die jüdische Race entsprang, die ihn zu manchen Uebertreibungen verleitete, welche uns eher schadeten als nützten. 2oei/fciuicj ditöccßticßUu/. Deutschland. Berlin, 16. April. Wir haben in voriger Nummer abermals aus Rußland einen Fall jener scheußlichen Blutverbrauchbeschuldigungen zu berichten gehabt, und müssen eine gleiche traurige Pflicht auch in dieser Nummer (s. u. Petersburg) erfüllen. Das unser „Protest" in Nr. 16 — wir haben ihn einer Anzahl größerer Tagesblätter zugesandt und hoffen ihn darin abgedruckt zu sehen — am Platze war, ist deshalb ersichtlich. Um so erfteulicher ist es, daß auch Berthold Auerbach seine nachdrückliche Stimme erhebt. In Nr. 14