Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 18 (29.4.1879)
- Date
- 1879-04-29
- Page
- Seite 274 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3227231-3227250--37104-3256491- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
274 läßt. Ein Witzling kann bekanntlich keinen witzigen Einfall zurückhalten, und wenn dieser anch noch so verwundend und ungerecht ist. Einem Schönredner geht es nicht anders, wenn ihm eine glänzende Phrase m die Feder fährt. II. Die Jugendzeit Benjamin Disraeli's. Diejenigen, welche die Jahrgänge der A. Zeilg. d. Jud. durchmustern, gewahren, daß wir grundsätzlich höchst selten und nur unter besonderen Umständen über getaufte Juden sprechen- Mögen unter diesen sich Männer besin-en, die durch Talente und Vaü>irMe hervormM« und sich so vom allgemeinen Standpunkte aus Bedeutung und Anerkennung erworben haben: aus dem GHchMrmM des Judenthmns wird dies durch ihre Verleugnung desselben -ausgewogen, und es wäre eine Charakterschwache, sie um eitlen Glanzes willen unsren Reihen noch zuzuzählen. Wenn wir demungcachtet schon wiederholt von BenjanM Disraeli gehandelt haben, und auch heute und vielleicht noch öfter auf ihn Mückkonunen, so bewegen uns hierzu eben besondere Umstände. Nicht sowohl, daß er, aus einer alten wohlrenommirten Mischen Familie stannnend, in seinem dreizehnten LebenHrchve Ivr anglikanischen Staatskirche übergeführt, in dein ariftMatischM England bis zum Premierminister sich aüfschwang, und Zwar als Führerder Aristokratie und Staatskirchler, als Wchor 'bk höchsten Verdienste um das stolze Britannien sich erwerbend, sondern weil er, zugleich als Schriftsteller ausgezeichnet, in seinen Dichtungen und biographischen Schriften die jüdische Msee mit Enthusiasmus gefeiert, mit Entschiedenheit ausgezeichsrL und selbst mit einem gewissen mysteriösen Glanze umgebe« hat. Und. dabei hat er dennoch während des Kampfes um die staatsbürgerliche Gleichstellung der Juden in England nur eine passive Rolle gespielt, und man mußte zufrieden sein, daß er wenigstens nicht gegen sie auftrat. Dies giebt eine CompliQLLüm, die unser besonderes Jntereffe stets rege halten .wird. Die Erklärung, wie dies Alles gekommen, wird uns iacBwr gespannt halten. Im diesjährigen Januarheft der ,Z)cAlschcn Rundschau" beginnt Georg Brandes ein EKq über „die Jugend Benjamin Disraeli's", dem wir hier EnWcs entnehmen tvollen. Dem Verfasser erscheint es zunächst von Interesse, daß in Disraeli sich der ausgezeichnete Schriftsteller und Staatsmannin seltener Weise vereimgt. Hierauf sucht -er irr dem Wesen Disraeli's Das aufzufinden, was er edmihat seinen Ahnen verdanke. Bekanntlich war die FsvÄie Disraeli's bei der Vertreibung aus Spanien nach Mrredig übwgcsi^elt und blühte daselbst über zivei Jahrhunderte. . GeK» die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts ('1748) der Großvater Benjamin's nach London und wurde englischer Bürger ohne Bürgerrechte. „Seine Frau", wie Brandes berichtet, „die einer Familie angehörte, welche viel durch die Verfolgungen gelitten hatte, und die ein eitles und chsMßWL G««Mh besaß, schämte sich ihrer jüdischen Herkunft und übertrug, durch eine unedle, aber nicht seltene Jdeenassociation, ihre Erbitterung darüber, einer beschämten Kaste zugezählt zu werden, von den Unterdrückern auf ihre eigenen unterdrückten Stammesverwandten. Unterdesien verdiente ihr energischer Gatte sich schnell ein Vermögen, kaufte ein Landgut, legte einen Garten im italienischen Stil an, sah häufig Fremde, bei sich, aß Maccaroni, die der venetianische Consul in London zubereitet, spielte Whist, sang Canzonetten und führte, trotz einer Gemahlin, welche ihm niemals seinen Namen verzieh, und trotz eines Sohnes, der all' seine Pläne vereitelte, einekräftige und lebensfrohe Existenz, bis er fast neunzig Jahre alt wurde. Dem Charakter dieses Mannes gegenüber verweilt man, wenn man Voraussetzungen für die Eigenschaften des Enkels sucht, unwillkürlich bei den Zügen, welche dieser selbst hervorgehoben hat: er war ein Mann von heißem Blut, sanguinisch, kühn, unternehmend und erfolgreich, mit einem Temperament, das keine Enttäuschung aus dem Geleise bringen konnte, und einem Gehirn, dasselbst wenn ein Mißgeschick dem andern folgte, nie der Hilfsquellen entbehrte." — Brandes führt manche Eigenschaften Benjamin's auf diesen Großvater zurück. Wichtiger aber für unfern Zweck ist der Vater. Jsaac Disraeli sollte Geschäftsmann werden, und machte zum großen Schrecken der Eltern schon als Knabe — Gedichte. „Er wuchs auf, von seinen beiden Ellern unverstanden und ohne jemals ein gutes Wort von seiner Mutter zu hören, die ein. Leben voll Erniedrigung für ihr Kind voraussah. Er wurde nach Amsterdam geschickt, um in einer dortigen Schule seine poetischen Grillen zu vergessen, fand aber bei dem Schulvorsteher, der in der Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts lebte und athmete, eine reichhaltige Biblio:hek von den Schriftstellern des Zeitalters, die er verschlang. Vor seinem fünfzehnten Jahre hatte er Voltaire gelesen und seine Kräfte an Bayle geprüft; achtzehn Jahre alt kehrte er nach England zurück als ein Schüler Rousseau's. Sein Aufenthalt hier war ein kurzer. Der Vater theilte ihm seinen Beschluß mit, ihn nochmals fortzusenden, diesmal zu einem großen Handelshaus in Bordeaux; der unverbesserlich literarische Sohn antwortete, daß er ein großes Gedicht gegen den Handel als das Verderben der Menschheit geschrieben habe. Anstatt nach Bordeaux zu reisen, begnügte er sich damit, nach Paris zu gehen, wo er bis 1788 in Bibliotheken und mit Gelehrten seine Zeit vertrieb." Jsaac wurde ein noch jetzt geachteter literarhistorischer Schriftsteller und mittelmäßiger Dichter, der viele der angesehensten Männer in seinem Hause sah und trotz torystischer Anwandlungen seiner Geistesrichtung nach ein Anhänger der Encyclopädisten. „Er war ein entschiedener, wenn auch stiller Freidenker, confessiouslos im buchstäblichen wie im geistigen Sinne dieses Wortes, und ging lange mit dem Vorsatz um, die Geschichte der englischen Freidenker zu schreiben. Sein besonderer Freund