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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-04-22 · Heft 17 (22.4.1879) · p. Seite 265

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 17 (22.4.1879)
Date
1879-04-22
Page
Seite 265 (sequence 9)
Language
German
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vermochte, daß die Frau ihm etwas zerschlagen oder gestohlen habe. (Daß in einem Staate, der zu den europäischen Culturstaaten gehören will, derartige Vorgänge sich noch immer wiederholen, ist niederschlagend, jedoch erklärlich, so lange selbst die Gerichtshöfe.solche Beschuldigungen gegen die Juden als Verdachtsgründe, Untersuchungsmomente und Anklagepunkte annehmen, und auf dieselben hin eine Anzahl Juden monatelang in Hast behalten. Dieß muß im Volke jenes scheußliche Vorurtheil erhalten und nähren. Redaction.) Bonn, 30. März. (Notizen.) Wenn jeder Fortschritt im Religionsunterrichte uns interessirt, so möge hier auch aus Breslau notirt sein, daß in der Religionsunterrichts-Anstalt der Synagogengemeinde, die unter der Leitung des Di-. Samuelsohn steht, im Laufe des verflossenen Jahres die Zahl der Zöglinge um 83 gestiegen, so daß sie jetzt 306 beträgt. — In der anderen Gcmeindereligionsschule, die von Rabb. I)r. M. JoLl geleitet wird, nahm die Zahl der Zöglinge um 119 zu, so daß sie gegenwärtig 377 beträgt. Wir mischen uns in die Angelegenheiten anderer Neligionsgenossenschaften und Kirchen nicht ein. Was würden aber die Ultramontanen und pietistischen Blätter für ein Zetergeschrei erheben, wenn ein Rabbiner einen großen Bankrott machen würde, der viele Familien in Roth und Elend versetzt? Ein solcher Scandal geschah jetzt zu Cincinnati (Ohio), wo der katholische Erzbischof John B. Purcell einen Bankerott von 3,631,343 Dollars gemacht, was noch nicht einmal den Gesannntbetrag der Schulden repräsentirt, der erst ermittelt werden muß und jedenfalls 4 Miss, übersteigt. Dieser ungeheuren Summe stehen kaum 200,000 Doll. Aktiva gegenüber. Der Erzbischof hatte das Kirchenvermögen benutzt, in Verbindung mir seinem Bruder zu speculiren und im Vertrauen auf die kirchliche Autorität hatten ihm viele Familien ihr Vermögen anvertraut. Bei unfern Rabbinen kann dies nicht Vorkommen; denn einerseits haben sie mit der Verwaltung des Gemeindevermögens nichts zu thun, und andrerseits würde keine Gemeinde gestatten, daß ihr Rabbiner Geschäfte mache. — Man schreibt aus P e st: Der hier lebende Privatgelehrte Herr I. N. Landau feiert in den nächsten Tagen im Kreise einer zahlreichen und glücklichen Familie das Fest seiner diamantenen Hochzeit. Herr Landau hat durch mehrere philosophische und pädagogische Schriften die Aufmerksamkeit der wissenschaftlichen Kreise wiederholt auf sich gelenkt. Der Jubilar arbeitet trotz seiner 82 Jahre noch immer in geistiger Frische und körperlicher Rüstigkeit an einem neuen Werke, das demnächst die Presse verlassen wird. — Bonn, 6. April. (Notizen.) Wir machen mit Vergnügen auf einen Artikel des „Stuttgarter Beobachtet Nr. 39 aufmerksam, der, unter der Ueberschrift „Auch ein Zeichen der Zeit", den junkerlichen Kreuzzug gegen die Juden als Vorkämpfer des Liberalismus schildert und bekämpft. Er sieht diesen jüngsten Zug der Zeit, dessen man unsre Tage vor zehn Jahren noch nicht hätte für fähig gehalten, als vorübergehend an, da ihm jeder reale Inhalt fehle, ohne welchen ein dauernder Bestand nicht erlangt werden könne. Solcher mannhaften Vertheidigung begegnen wir jetzt selbst in liberalen Blättern so selten, daß wir davon Notiz zu nehmen um so mehr gedrungen sind. — Aus Wien schreibt man vom 3l. März: Die Kaiserin erschien gestern, Sonntag, um ®/42 Uhr im israelitischen Blinden-Jnstitute auf der Hohen Warte. Die Kaiserin wurde vom Curatoriums-Präses Dr. Ludwig August Frankl und der Curatorin Amalia Benedikt empfangen und in den Prüfungssaal geführt. Hier wurde Direktor Heller, dessen Gattin als Hausmutter, dann das Lehrpersonal vorgestellt, worauf Ihre Majestät den Wunsch aussprach, daß eine Prüfung der Zöglinge vorgenommen werde. Diese wurden in allen Schulgegenständen geprüft, wobei die Kaiserin mit besonderer Aufmerksamkeit dem in dieser Anstalt zuerst eingeführten Unterrichte im Modelliren, Stiftzeichnen, Maschi,mähen und Webstuhl-Arbeiten folgte. Auch die weiblichen Arbeiten, dann die Erzeugnisse der Korbflechterei und Bürstenbinderei wurden in den Nebcnsälen in Augenschein genommen. Wiederholt sprach die Kaiserin ihre volle Anerkennung aus und fragte auch, was die Zöglinge, wenn sie von hier au-treten, besonders erwerbsfähig mache. Ein Quintett (4 Violinen und Clavier) schloß die eine Stunde währende Prüfung. Hierauf durchschritt die Kaiserin alle Räume des Hauses und verweilte längere Zeit in der Werkstätte, wohin die Zöglinge mittlerweile zu ihren Arbeiten geeilt wären. Zum Schluffe sah die Kaiserin im Turnsaale dem oft kühnen Turnen der Blinden zu. Die Kaiserin fragte wiederholt besorgt, ob denn dadurch die Zöglinge nicht Schaden nehmen könnten, wurde aber über diesen Punkt vollkommen beruhigt. Dann zeichnete sich die Kaiserin in das Gastbuch unter dem Ausdruck Ivärmster Theilnahme und den Leitern und Lehrern Dank aussprcchend ein. Von einem blinden Mädchen nahm die hohe Frau ein von diesem geflochtenes, mit Blumen gefülltes Körbchen freundlichst an und sprach mit dem Kinde in herzlichster Weise. Während der Absingung der Volkshymne durch die im Vestibüle ausgestellten Zöglinge entfernte sich die Kaiserin nach anderthalbstündigem Aufenthalte. — Man schreibt aus Pest: Ein seltenes Familienfest feierte am 25. d. M. in Totis die Familie des Gründers der Herendcr Porzellanfabrik, des Herrn Moriz Fischer von Farkashäza. Herr Fischer feierte seinen achtzigsten Geburtstag, seine diamantene Hochzeit und die Trauung zweier Enkelinnen. — Die „Germania (vom 31. März) erhebt aus Posen einen Wehenrf über eine gegen zwei katholische Knaben verübt sein sollende Proselytenmacherei Seitens Protestanten. Sie mag sich daran ein Beispiel nehmen, wie es den Juden zu Muthe ist, wenn derartige Seelenfängerei gegen jüdischen Kinder von Katholiken und Proteftan-

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