Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 17 (22.4.1879)
- Date
- 1879-04-22
- Page
- Seite 264 (sequence 8)
- Language
- German
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264 Rumänien. Bukarest, L. April. Der Gesetzentwurf über die Abänderung der Verfassung ist vom Senat und der Deputirtenkammer in dritter Lesung angenommen worden. Der Fürst Karl hat allen Deputirten, welche für die, die Unabhängigkeit betreffenden Fragen votirt haben, die Denkmünze der „Vertheidiger der Unabhängigkeit" verliehen. Rom, 9. April. Wie die „Riforma" erfährt, hätte der hiesige diplomatische Agent Rumäniens am 7. b. M. eine Unterredung mit dem Ministerpräsidenten Depretis über die Anerkennung der Unabhängigkeit Rumäniens gehabt. Depretis habe hierbei wiederholt, daß das italienische Cabinet beabsichtige, in dieser Angelegenheit in Uebereinstimmung mit den übrigen Unterzeichnern des' Berliner Vertrages vorzugehen. Bukarest, 8. April. Die Wahlen für die neuen Kammern, welche sich mit der Revision der Verfaffung zu beschäftigen haben werden, sind nunmehr ausgeschrieben. Die Wahlen zur Deputirtenkammer finden am 15., 17., 19., und 21. Mai statt, diejenigen zum Senate gm 23. und 25. Mai, am 27. Mai wählen die Universitäten Bukarest und Jassy. Bukarest, 9. April Der Zeitpunkt für den Zusammentritt der behufs Durchsicht der Verfaffung neu zu bildenden Kammern ist auf den 5. Juni festgesetzt worden. Der Einfluß der oppositionellen Bojarenpartei sowie der Moldauer Fraction, welcher sich Kogalniceanu angeschloffen hat, ist entschieden gegen die Gleichstellung der Juden gerichtet und tritt' bereits recht lebhaft auf, so daß die Regierung einen schweren Stand bekommen dürfte. (Es versteht .sich von selbst, daß die rumänische Presse die ganze Angelegenheit mit Wuth gegen die Juden und mit verbissenem Ingrimm gegen die Großmächte behandelt. Wir gehen darauf nicht weiter ein. Der Worte sind genug gewechselt. Wir haben es nur noch mit den Thatsachen zu thun. Redaction.) Jassy, 7. April. Wir bemerkten zu der, der „Polit. Corr." entnommenen Mittheilung aus Jassy in Nr. 15 sofort, daß diese einen einseitigen, die Wahrheit verschleiernden.Bericht enthalte. Wie sich nun herausstellt, handelte es sich bei dieser Darstellung um ein Manöver, durch welches gegen die Juden Stimmung gemacht werden sollte. Nach der „Nordd. Allg. Ztg." — dieselbe stützte sich auf einen Bericht des Jafsy'er Journals „Stafetta" — ereignete sich in der genannten Stadt folgendes: Am 23. März fand das Leichenbegängniß des Rabbiners Schorr unter außerordentlich zahlreicher! Betheiligung der jüdischen Einwohnerschaft statt. Als der Kondukt in der Nähe des jüdischen Spitals anlangte, flog plötzlich aus dem Hofe eines, dem Spital gegenüber liegenden Hauses eines Priesters ein förmlicher Hagel von Steinen und Koth auf den Sarg und die Menge. Diese, ob der vor ihren Augen geschehenen Profanation entrüstet, drang in den Hof und zertrümmerte hier einige Fensterscheiben, beruhigte sich aber auf Intervention eines einzigen Polizeibeamten sofort und der Leichenzug konnte sich ungestört wieder in Bewegung setzen. Das Gerücht, als sei die Frau des Priesters schwer verwundet tvordcn, widerlegte sich von selbst dadurch, daß die Betreffende Tags darauf gesund und wohlbehalten behufs Zeugnißabgabe vor Gericht erschien. Gleichwohl konnte die Behörde es sich nicht versagen, die Verhaftung zahlreicher, vom Friedhofe zurückkehrender, an dem Krawall unbetheiligt gewesener Juden anzuordnen, so daß nunmehr über 30 Personen arretirt und unter die Anklage des Landfriedenbruches gestellt sind. Nach dieser Darstellung kann es nicht zweifelhaft sein, von welcher Seite die Provokation ausging. Rußland. Ssamara, (an der Wolga), 23. März. Die öffentlichen Blätter berichten: Dieser Tage fand hier eine kleine Judenhetze Statt. Einer Arbeiterfrau war während ihrer Abwesenheit vom Hause ihr kleines, ungefähr N/.,jähriges Söhnchen verschwunden. Die auf ihr Jammern herbeieilenden Nachbarn halfen ihr suchen, jedoch vergeblich, das Kind war nicht zu finden. Schließlich erzählten auf der Straße spielende Kinder, ein Mann wäre mit einem Kinde aus dem betreffenden Hause sortgegangen; sie deuteten dabei auf eine nicht weit entfernte ' Materialwaaren-Handlung, welche ein Jude inne hatte und wohin der Mann gegangen sein sollte. Sofort wurden nun Vermuthungen laut, der Jude habe das Kind gestohlen, um es als Sühnopfer zu schlachten. Das erregte Volk drang in den Laden und in die Wohnung des Juden, welchem alles Vetheucrn, daß er das Kind nicht gestohlen habe, nichts nützte; es wurde alles genau durchsucht, tvobei natürlich vielerlei zerbrochen und mancherlei gestohlen wurde. Als man nun sogar in der Küche eine zinnerne Schüssel, welche etwas mit Blut befleckt war, fand, drohte die Sache für den Juden gefährlich zu werden, vergeblich betheuerte dieser, in der Schüssel seien Hühner gerupft worden, das Volk verlangte unter Verwünschungen das Kind und" begann sogar schon gegen den Juden thätlich vorzugehen. In dieser kritischen Lage erschienen als Netter einige Polizisten, welche mit vieler Mühe den Juden den Angriffen der drohenden Menge entzogen und letztere aus dem Hause entfernten. In Folge der Nachforschungen der Polizei stellte sich heraus, daß das Kind von seinem eignen Vater, welcher schon seit einiger Zeit von seiner Frau getrennt lebte, geholt worden war, weil er das Kind sehr liebte und es nicht seiner Frau lassen wollte.- Der Jude, welcher bei dieser Angelegenheit außer dem Schreck auch einen ziemlich bedeutenden Schaden erlitten hat, ist gegen die Arbeiterfrau i klagbar geworden, jedoch abgewiesen, weil er nicht nachzuweisen