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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-04-22 · Heft 17 (22.4.1879) · p. Seite 260

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 17 (22.4.1879)
Date
1879-04-22
Page
Seite 260 (sequence 4)
Language
German
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260 die nichts als das brutale Schwert gekannt haben sollen, sprechen, und alle Cultur und deren Entwicklung auf die Europäer beschränken, während das Mittelalter hindurch das gerade Gegentheil stattfand, so wird dieses Spiel der Unwissenheit hoffentlich nicht lange mehr dauern. Als vor Kurzem Schleiden seine Abhandlung über die wiffenschaftlichen Verdienste der Juden während des Mittelalters veröffentlichte, fand ein allgemeines Erstaunen statt und bald heimlich, bald öffentlich zuckte man die Achsel über die vermeintliche Liebedienerei des christlichen Gelehrten. Denn nicht blos der Masse, sondern sogar einer großen Anzahl Gelehrter war dies die Entdeckung einer terra incognita und eine recht unliebsame. Und doch war dies nichts Neues. Schon Kurt Sprengel in seiner noch unübertroffenen pragmatischen Geschichte der Medicin bat den Bestrebungen und Erfolgen der Araber und Juden auf dem Felde der Heilkunde und Naturwissenschaft volle Gerechtigkeit widerfahren lassen und mit der Sachkenntniß und dem Fleiße, die ihm eigen waren, eine Menge Daten aufgesucht und zusammengestellt. Seitdem ist die Geschichte der arabischen und der jüdischen Aerzte und Medicin mehrfach behandelt worden, namentlich von Leckere (1876), und diesen gesellte stch jüngst eine vorzügliche Monographie hinzu: „Das Arabische und Hebräische in der Anatomie. Von Dr. Joseph Hyrtl, emerit. Professor der Anatomie an der Wiener Universität. Wien 1879. Braumüller." Was wir in dieser, mit der größten Fachkenntniß, einem umfassenden bibliographischen Wissen und vollendeter Gründlichkeit abgefaßten Monographie nicht zu suchen haben, ist etwa eine Erklärung der in der Schrift und im Talmud vorkommenden anatomischen Ausdrücke, auch nicht eine systematische Darstellung der anatomischen Kenntniß der Araber und mittelalterlichen Juden, vielmehr etwas ganz Anderes. „Die Araber waren es".sagt der Verfasser, „welche von einem rohen, unbedeutenden und fast unbekannten Bedninenvolk sich durch die Macht religiöser Begeisterung nicht blos in kurzer Zeit zu Eroberern der halben damals bekannten Welt emporschwangen, sondern auch eine Eulturstufe erreichten, welche sie weit über die Völker des Abendlandes erhob. In den von ihnen eroberten Ländern in Syrien, Palästina und Aegypten wurden sie mit den griechischen Geistcswerken bekannt. Ihre angeborene Achtung vor der Wissenschaft, besonders vor der Medicin, bestimmte sie, durch Uebersctzungen sich dieselben anzueignen." Diese Ucbersetzungen wurden ihnen zumeist durch Juden vermittelt, welche die griechischen . Schriften theils in's Arabische, theils in's Hebräische und aus diesem wieder in's Arabische übertrugen. Der Verfasser sagt (S. 10): „Die Araber haben ihre Anatomie erwiesener Maßen nur aus den hebräischen Ucbersetzungen griechischer Aerzte bezogen." - „Ihre (der Araber) edlen und aufgeklärten Herrscher", sagt Hyrtl weiterhin, „zahlreicher als sie je in einem christlichen Staate gefunden worden, waren. Freunde der Wissenschaften und Gönner der Gelehrten. Sie förderten die geistige Ausbildung ihres begabten und entwicklungsfähigen Volkes. In Bagdad, in Kufa und Bassora, im arabischen Irak wurden schon im achten und neunten Jahrhundert von den arabischen Fürsten hohe Schulen errichtet, an welchen besonders die practisch-medicinischen Wissenschaften nach griechischen Vorbildern die sorgfältigste Pflege fanden." Die Akademie in Alexandrien wurde wieder hergestellt. Im 18. Jahrhundert kam die mcdicinische Schule in Damaskus auf eine hohe Stufe der Berühmtheit. „Mit diesen gelehrten Instituten wetteiferten bald die schon zur Zeit des ersten Kreuzzuges unter den maurischen Fürsten in Spanien in voller Blüthe stehenden Schulen von Cordova, Sevilla, Toledo, Murcia und Salamanca, deren Glanz aber nach der Wiedereroberung Spaniens durch die Christen fast vollständig erlosch." An allen diesen wissenschaftlichen Bestrebungen und Anstalten nahmen Juden einen wesentlichen Antheil. Sie waren in Syrien, Aegypten und Spanien beliebte und hochgeachtete Aerzte, oft auch Leibärzte der Kalifen und Sultane, an den gedachten Schulen theils als Lehrer thätig, theils als Schriftsteller mit ihnen verbunden. Der Verfasser spricht hierüber kurz (S. 127), ausführlich handelt darüber Leclerc im zweiten Bande seiner Histoire de la niedeeine arabe (Paris 1876). Wenn nun auch die Araber wie die Juden durch ihre religiösen Satzungen behindert waren, das anatomische Wissen bedeutend zu erweitern, so überkam dieses doch der christlichen Welt durch jene. Der erwachte Wissensdrang führte viele Christen nach den arabischen Hochschulen, und sie brachten die arabische Gelehrsamkeit in ihr Vaterland zurück. Sie übersetzten die arabischen ^Lehrbücher und Compendien in's Lateinische, und erkannten diese als die höchste Autorität an. Ävicenna galt ihnen in der Medicin, was Aristoteles in der Philosophie. Aber diese lateinischen Uebersetzer waren unwissende, des Griechischen ganz unkundige und nur in dem barbarischesten Latein sich auszudrückcn befähigte Männer. Sie verpflanzten daher die arabischen anatomischen Ausdrücke in ihre Uebersetzungen, behielten sie bei, wenn sie selbstständig schrieben, und ließen sich dabei die ärgsten Verstümmelungen zu Schulden kommen. Bis zu Vesal, dem Reformator der anatomischen Wissenschaft (gcb. in Brüssel 1514, gest. 1564) waren diese arabischen, zum Thcil latinisirten Bezeichnungen in der Anatomie gang und gebe und ivurden erst von dieser Zeit an zum größten Theile verdrängt, zu einem kleineren durch lateinische Uebersetzung «setzt. Dadurch aber, daß Juden die ersten Vermittler der griechischen Wissenschaft für die Araber dann ihre Mitarbeiter und endlich wieder vielfach Vermittler der arabischen Wissenschaft für die christliche Welt waren, geschah es, daß auch hebräische Bezeichnungen in die Anatomie gckonnnen waren. Das vorliegende Werk nun stellt sich die Aufgabe, die anatomischen Ausdrücke, die bis zu Vesal gebraucht

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