Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1879)
- Date
- 1879-04-15
- Page
- Seite 248 (sequence 8)
- Language
- German
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248 A. A. 2aboto reichte gegen das freisprechenbe UrtheiL einen Protest an den Cassationshof ein. Bei ber Publication des Urtheils brach das anwesende Publicum in Freudenrufe aus. Die Freigesprochenen, weinten wie kleine Kinder und küßten Hände und Kleider des Vertheidigers Alexandrow. — Zu Lodz (Polen) hat Herr Israel Posnanski, Fabrikant, ein israelitisches Hospital mit einem Aufwands von 60,000 Rubeln auf seine Kosten errichtet. Marokko. Berlin, 3. April. (Privatmitth.) Ein an die hiesige Gemeinde aus Gibraltar gerichtetes Schreiben berichtet, in welcher großen Gefahr die Juden im Marokkanischen Staate gegenwärtig schweben. Man braucht nur eine oberflächliche Kenntniß von dem Faatismus der Marokkanischen Bevölkerung sowie von den völlig zerrütteten Verhältnissen dieses Landes, in welchem die Befehle des Kaisers von Marokko nicht weit von seiner Residenz selten. Gehorsam finden und die Paschas und Unterbeamten thun, was sie wollen, das Volk aussaugen und jede Gewalthat ausüben, man braucht, sage ich, nur eine oberflächliche Kenntniß vondiesen Zuständen zu haben, um sich vorzustellen, daß die dortigen Juden nur in dem Schutze eine Rettung finden, welchen ihnen die Vertreter der europäischen Mächte gewähren. Als englische, französische, portugiesische Unterthanen können sie den Schutz der Consulen anrufen. Diese haben sich der Unglücklichen auch wiederholt kräftig angenommen, sogar die spanischen Consulen, wenn ihre Einwirkung auch nicht immer den Schaden wieder gutmachen kann, den die muselmännische Mord- und Raubsucht angerichtet hat. -Jetzt will dieMarokkanische Negierung dieses ihr oft lästige Verhältniß aufheben und unter dem Vorgeben, die Juden unter die allgemeinen bürgerlichen Psiichten zu stellen, ihnenden Schutz der auswärtigen Mächte entziehen. Es wäre dies das größte Unglück für die wehrlosen Juden. Denn weder die Negierung noch die Bevölkerung hat im Sinne, die Ausnahmsgesetze, die Beschränkungen und Bedrückungen, die Mißhandlungen und Verhöhnungen zu vermindern, denen die Juden dort wie in keinem anderen Lande mehr, selbst in Persien nicht, unterworfen sind. Man will ihnen vielmehr nur das letzte Nettungsmittel nehmen. Fast unglaublich ist es, daß die fremden Consulen sich dem Verlangen der Marokkanischen Regierung geneigt zeigen sollen. Es wäre nur erklärlich aus den Beschwerden und Nöthen, die ihnen selbst dieses Verhältniß bisweilen bereitet und daß sie dadurch in Opposition mit der Regierung kommen, die ihren übrigen Interessen nicht günstig sein mag. Man wendet sich daher von dort an die einflußreichen jüdischen Instanzen, damit diese bei den betr. Regierungen Vorstellungen erhöben, das bisherige Schutzrecht nicht aufzugeben. Unsre besten Wünsche begleiten diese Bemühungen. Da die europäischen Juden überall für ihre Glaubensbrüder die Aufnahme in das bügerliche und staatsbürgerliche Verhältniß ersteben, so können sie in diesem Falle nicht bezichtigt werden, eine Ausnahmestellung einhalten zu wollen. Es wäre ein doktrinärer Unsinn, dem Tausende zum Opfer fallen würden.*) I) Wir können nicht umhin, auf die schmachvolle Gehässigkeit hinzuweisen, welche die „Germania" in ihrer Nummer vom 27. Marz bei Gelegenheit des obenbesprochenen Vorgangs erweist. Sie spricht davon: „Wie solidarisch die Juden der ganzen Welt miteinander verbunden sind und für einander einstehen." Als ob dies gegen die streng gegliedert Organisation der katholischen Kirche und ihrer Anhänger durch alle Länder der Welt auch nur den geringsten Vergleich aushält.' Sie bez'chtigt die Juden, „den Schutz der Regierungen mißbraucht" zu haben, sie, die sofort ihre völlige Ilnkenntniß verräth, indem sie' der marokkanischen Regierung die Absicht unterschiebt „die Juden den anderen Marokkanern gleichzustellen." Sie nennt die Alliance „ben internationalen Judenverein" und beklagt den Einfluß, den er auf den Berliner Eongreß geübt habe, als ob Bismarck, Waddington und die anderen Mitglieder des Congresies Männer wären, die sich von einer Hand voll Juden beeinflussen lassen, wenn diesen nicht das Staatswohl und die Gerechtigkeit znr Seite stehen. Sie spricht von der angeborenen Dreistigkeit der Juden und findet in dem Ganzen „ein beredtes Zeichen der Zeit." Ein solches ist eS allerdings, denn es bezeugt, wie sehr die Gefühle der Humanität und die Grundsätze der Gerechtigkeit sich ausgebreitet haben, um aller Orten Anklang und Unterstützung für die Unterdrückten und Wehrlosen zu finden, trotz, allen Anstrengungen der Gesinnungsgenossen der „Germania!" Redaction. Bonn, 23. März. (Notizen.) Da wir einmal des Socialdernokraten Arthur Freemann, recte Ahron Liebermann, erwähnt haben, so sei hier über dessen ferneres Schicksal aus der „N. Fr. Pr." Folgendes bemerkt. Dieser, welcher vor mehreren Monaten social-demokratischer Untriebe wegen in Wien vor Gericht stand und freigefprochen worden war, wurde bekanntlich damals aus Oesterreich ausgewiesen. Die österreichische Negierung lieferte ihn indeß nicht an Rußland aus, sondern stellte es ihm frei, die österreichische Grenze an einem ihm beliebigen Punkte zu überschreiten. Freemann erklärte, nach der Schweiz reisen zu tvollen. Unvorsichtigerweise benutzte er eine bayerische Bahn. Auf Veranlassung des Berliner Gerichts, welches schon in Wien seine Auslieferung verlangt hatte, weil man ihn wegen mehrfacher Verbindungen mit den Berliner Socialdemokraten in Verdacht hatte, wurde Freemann in Bayern verhaftet und der Stadtvogtei in Berlin eingeliefert. Er wird nun vor allein Andern in Berlin vor Gericht gestellt werden, und da man daselbst die Gelegenheit nicht verabsäumen dürfte, sich Rußland gefällig zu bezeigen, jedenfalls an Rußland ausgeliefert werden, wo ihn die sibirischen Bergwerke erwarten. — Die Berliner Blätter berichten Folgendes: In dem Städtchen Vietz an der Ostbayn feierte am vergangenen Sonntag der frühere Rabbiner, jetzige Rentier Simon Silberstein mit seiner Gattin das seltene Fest der „eisernen H o ch z ei t". Simon Silberstein, am 25. September 1786 geboren/ war am 9. März 7809 mit Rosalie Jaffü, geboren am 15. Juli 1790, ehelich verbunden worden. Von der Nachkommenschaft des Jubelpaares, die sich gegenwärtig auf