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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-04-08 · Heft 15 (8.4.1879) · p. Seite 231

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 15 (8.4.1879)
Date
1879-04-08
Page
Seite 231 (sequence 7)
Language
German
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231 die Gesammtverfaffung, theils durch die Beschlüsse der Einzelstaaten abgeschafft — während sie amerikanische Zustände nicht wollten. Die Anderen drohten damit, daß ein Berliner Congreß die Religionsfreiheit auch in Ungarn erzwingen dürfte. Schließlich wurde der Antrag Jrrmyi's auf ZKligionsfreiheit durch die Mehrheit verworfen, auf Civilehe angenommen. Wien, 25. März. (Privatmitth.) Nach dem officicllen Berichte über die Volks- und Bürgerschulen Wiens im Jahre 1877/78 besuchten die 171 Volks- und Bürgerschulen der Stadt (115 öffentliche und 56 private) 50,951 Katholiken, 942 Evangelische, 7223 Israeliten, 26 Griechisch-Orientalische und 19 anderer Glaubensbekenntniffe. Die Zahl der jüdischen Kinder läßt auf eine Bevölkerung von mehr als 45,000 schließen. Vemerkenswerth ist, daß im Jahre 1873 88 Privatschulen bestanden, die Zahl derselben also nach dem Krach um 32 zurückgegangen ist. An allen diesen Schulen waren zusammen 148 Religionslehrer angestellt. Frankreich. Paris, 25. März. Am 22. d. M. verstarb hier im 69. Lebensjahre Herr Simon Bloch, Nedacteur des Univers israelite, welcher 1844—45 in Monatsheften, 1846 als Wochenschrift und seit 1847 als Monatsblatt erschien, außerdem Verfasser einiger interessanter Schriften. Er verfolgte die neuorthodoxe Richtung, und zwar nicht ohne die Leidenschaftlichkeit, welche jene entstellt. Dabei war er jedoch talentirt und führte eine ebenso correcte wie scharfe Feder. — Daß die Juden den verschiedensten politischen Parteien angehören, erwies sich auch bei der neuesten Wandlung in der französischen Republik. Unter den Magistratspersonen, welche durch die neuere Wendung der Dinge in Frankreich beseitigt worden, finden sich auch Juden. So ist der Procurator der Republik zu Ryons, Nathan, und der Präfect des Cantal, Pinode» abgesetzt worden. — Der Capitän der 11. Train-Schwadron, Gustave Liovre (Israelit) hat eine silberne Rettungsmedaille erhalten, da er vier Kindern das Leben rettete vor einem wild gewordenen Pferde, wobei er selbst eine starke Verwundung davontrug. Rumänien. Bukarest, 19. März. Im Senate und in der Kammer hat die zweite Lesung der Vorlage betreffs Abänderung der Verfassung stattgefunden. Die Deputirteu-Kammer hat den Majoritätsantrag mit 67 gegen 13 Stimmen fast ohne Debatte angenommen. Der Minoritätsantrag erhielt heute blos 17 Stimmen. Bukarest, im März. Um den Gang, welchen die Judenfrage in Rumänien nehmen wird, genauer zu bezeichnen und der Geschichte zu überliefern, ist es nothwendig, etwas Näheres über die große und einflußreiche Rede zu berichten, welche Bratiano im Abzeordnetenhause gehalten — sie dauerte zwei Stunden und wurde 28 Mal durch 'stürmische Beifallsrufe unterbrochen. Die „Polit. Corresp." giebt folgende Analyse. Die Judenfrage ist die größte und die schwierigste Frage, die Rumänien je zu lösen hatte; diesebe wurde dem Lande nicht nur durch den Berliner Tractat allein, sondern auch durch die Macht der Verhältnisse auferlegt; denn sie ist eine sociale, ökonomische, nationale, internationale und eine Frage der Sitten und Gebräuche, die schon seit längerer Zeit jeden Denkenden mit Sorgen erfüllt habe.' „Kann nun", frug Bratiano, „Europa von uns verlangen, daß wir diese Frage mit einem Federzuge lösen sollend Wie viele Jahrhunderte sind dahin gegangen, bis Europa diese Frage für sich löste, und wann hat es dieselbe gelöst? Nach Jahren des Fortschritts und auch da erst dann, nachdem es, durch Feuer und Schwert durchpassirend, den größten Theil seiner Juden sich vom Halse geschafft hatte." Aus diesem Grunde habe denn auch der Berliner Congreß den Antrag auf die Lösung der Frage verworfen und nur einfach einen Artikel statuirt, in welchem „blos das Princip, aber durchaus nicht irgend eine Lösung enthalten ist." Könne denn Jemand glauben, fuhr Bratiano fort, daß Europa trotz aller Jntriguen es nicht schon längst begriffen habe, daß es von den Rumänen ein Selbstmord sein würde, wenn sie bei einer eingebornen Bevölkerung von fünf Millionen und einer Anzahl von 500,000 Israeliten allen diesen Israeliten heute in Masse das Jndigenat geben würden? Selbst Europa könne eine solche Verpflichtung nicht auferlegen. Wenn in den Parlamenten von Wien, Paris, Berlin, London und Rom Dcputirte israelitischer Confession sitzen, so sei dies nur ein Vortheil für jene Staaten, weil jene erleuchteten Israeliten ihre ganze Intelligenz, ihre ganze Activität dem Dienste jener Länder weihen, während die hiesigen Juden in der Cultur noch ganz zurück seien und man unter denselben keinen einzigen Dichter, keinen Musiker, keinen einzigen Gelehrten, keinen Großindustriellen, keinen einzigen Mann der Wissenschaft finde. Wie könne also unter solchen Verhältnissen irgend Jemand glauben, daß Europa daher kommen und uns die Pflicht auferlegen werde, den Juden in Masse Thore und Thüren des Landes zu öffnen? „Die Lösung der Judenfrage kann nicht schneller, als höchstens vielleicht erst in einem halben Jahrhundert herbeigeführt werden." Bratiano deducirte sodann, daß auch die von der Fraktion und der Gruppe Vernesc« beantragte Lösung im Wege der individuellen Jndigenatsverleihung gar keine Lösung sei, denn es würde sich eines schönen Tages ergeben, daß Einer mit einer Liste von 5000 Juden daherkäme, welche in einer Sitzung votirt werden müßte, „und wenn man sage: 5000 Juden, so könne man auch sagen: 100,000 Juden." Die einzige Rettung aus der drohenden Gefahr, von den Israeliten überfluthet zu werden, erblickt

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