Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 15 (8.4.1879)
- Date
- 1879-04-08
- Page
- Seite 229 (sequence 5)
- Language
- German
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229 Srcltiuicj äitac&uclateu/. Deutschland. Berlin.. 26. März. (Privatmitth.) Daß ich in der Behauptung, der Abrüstungsantrag des Abg. v. Bühler habe mehr Anklang im Herzen des Volkes als bei seinen Vertretern im Reichstage gefunden, nicht Unrecht hatte, erweist die Zustimmungsadreffe die dein Abg. aus seinem Wahlkreise zugekommen. Man weiß wohl, daß die politischen Verhältnisse und Zustände vielleicht in keinem Zeitraum während des laufenden Jahrhunderts dem Anträge so ungünstig gewesen, wie sie es gegenwärtig sind. Der internationale Friede hatte sich niemals um mehr Klippen herum zu winden und der internationale Geist war niemals schwächer. Aber gerade desto mehr ist es Pflicht, das Ziel, wonach zu streben wäre, nicht aus den Augen zu lasten und das Bewußtsein desselben zu heben und zu stärken. Das deutsche Reich war auch lange Zeiten eine Utopie und wurde doch eine Wirklichkeit. Uebrigens sage ich absichtlich „die politischen Verhältnisse", denn die socialen Zustände verlangen ihrerseits, man möchte sagen gebieterisch, eine solche allgemeine Abrüstung. Das wäre ein ganz anderes Mittel als eine Zollreform. Jndeß lehrt die Geschichte, daß sich die socialen Verhältniste stets den politischen unterordnen mußten, weil eben die leitenden Mächte der Völker diese, die politischen Momente, als die wichtigsten ansahen. — Am 21. d. M. wurde die l 00jährige Vollendung des „Nathan der Weise" in einem öffentlichen Locale durch eine Feier begangen. Sie war jedoch ohne große Bedeutung. Es ist mitten im Gewühle der Parteikämpfe und der schroffen religiösen und kirchlichen Gegensätzen gerade ebenso viel Raum für den Geist des Nathan wie für jenen Abrüstungsantrag und gerade weil er um so mehr Roth thäte. Es gereicht dies unsrer Zeit nicht eben zur Ehre. — Am 7. April d. I. begeht der erste Rabbiner der hiesigen Gemeinde, Irr. Aub, sein öOjähriges Jubiläum als Rabbiner. Dr. Ungcrleider wird anläßlich desselben die Predigt Hallen. Di-. Aub wird mit diesem Tage des Predigtamtes enthoben, aber als Rabbiner weiter fungiren, und zwar mit Beibehaltung seines vollen Gehaltes. Berlin, 28. März. In der gestrigen Sitzung des Reichstages bei der dritten Lesung des Etats wünschte beim Etat des Auswärtigen Amtes Or. Hänel nähere Auskunft über die Ausführung des Berliner Vertrages hinsichtlich der Gleichberechtigung der Juden in Rumänien mit den übrigen Staatsbürgern. Es habe den Anschein, als wolle die rumänische Regierung die bezügliche Bestimmung des Vertrages umgehen.. Er habe die Erwartung, daß die Unabhängigkeit Rumäniens deutscherseits nicht eher anerkannt werde, als bis Rumänien der Vertragsbestimmung gerecht geworden sei. Wind thor st schließt sich den Ausführungen Hanel's völlig an, drückt jedoch dabei den Wunsch aus, daß die Bestimmung des Berliner.Vertrags von der Gleichberechtigung der Eonfessionen doch auch in Preußen gelten möchte! (Große Heiterkeit. Beifall im Centrum.) — Es ist immerhin intercstant, daß sich Fortschritt und Ccntrum darin begegnen, für die Gleichstellung der rumänischen Juden einzutretcn. Leobschttk;. (Oberschlesien den 24. März. (Privarmitly.) Hier besteht neben einer klösterlichen, höheren Töchterschule noch eine andere private, paritätische, dreiklassige Töchterschule, deren Schülerinnen meist Mädchen jüdischer Confession sind. An dieser Schule wirkt außer dem Prediger Grunwald als jüdischer Religionslchrer noch eine jüdische Lehrerin. Am 1. April wird in Folge der Maigesetze die Klosterschule geschloffen und die paritätische Töchterschule wird durch eine namhafte Subvention von Seiten der Negierung einen ofsiciellen Charakter annchmen. Der hiesige weltliche Kreisschulinspector (kathol. Confession) als Vertreter der Regierung hat jedoch im Geheimen mit der Schulvorstcherin (evangcl. Confession) einen Compromiß abgcschlosten, nach welchem Letztere sich verpflichten mußte, zwei katholische Lehrerinnen anzustellen, resp. die an der Schule wirkendejüdische Lehrerin zu entlassen. Die Schulvorsteherin, die sich die Gunst, ihres Vorgesetzten nicht verscherzen wollte, ging auf diesen Compromiß ein, kündigte der jüdischen Lehrerin und engagirte Zwei kathol. Lehrerinnen. Als aber dieses Attentat gegen den Charakter der Schule als auch gegen die jüdische Lehrerin hier unter den jüdischen Familien bekannt wurde, begann ein allgemeiner Widerwillen gegen das Verfahren des Krcisschulinspectors sich kund' zu geben, zumal die jüdische Lehrerin, Frl. Emma Wiener, eine tüchtige Lehrkraft ist. Herr Fabrikbesitzer M. Teichmann, der zwar keine schulpflichtige Tochter mehr in die Schule zu schicken hat, in,dem aber ein warmes Herz sür's Judenthum schlägt, und der Prediger Grunwald stellten sich an die Spitze dieser Vetvegung und erwirkten, durch Androhung, daß sämmtliche jüdische Schülerinnen die Schule Verlusten, daß Frl. Wiener vorläufig als Hilfslehrerin und später wenn eine Vacanz eintritt als ordentliche Lehrerin angestellt werden muß. Der weltliche! Kreisschulinspector geht ob dieser Gewaltthat gegen sein göttliches Werk verhüllten Hauptes einher und muß außerdem noch so manchen aber verdienten Spott über sich ergehen lasten. — Frankfurt a. M., im März. (Privatmitth.) Mit aufrichtiger Freude durchlesen wir den Bericht, welchen das vor zwei Jahren gegründete israelitische „Mädchenstift" durch seinen Schriftführer Herrn Adolf Tebl6e über 1878 erstattet hat. Der Verein bezweckt, „herangewachsenen und einer geeigneten