Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 15 (8.4.1879)
- Date
- 1879-04-08
- Page
- Seite 228 (sequence 4)
- Language
- German
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228 verändert, und wo die Aenßerungen darüber so bestimmt auftreten, wie in dem Berichte des Herrn Dreyfus, können wir sie nicht übersehen, und müffen sie auch unsrerseits an's Licht ziehen. Heben wir daher die betreffenden Stellen aus seinem Berichte hervor. Zunächst bespricht er den Grundsatz der Parität, welcher bei Gründung der Universität Bonn als das Fundament derselben statutenmäßig festgestellt wurde. Diese Parität sollte also die gleiche Berücksichtigung der Katholiken und Protestanten verbürgen. Aber schon 3862 erschien eine Broschüre, welche über die Zurücksetzung der Katholiken an der Universität Bonn heftige Klage erhob. Herr Dreyfus untersucht die Sache statistisch nach der jetzigen Lage und findet diese Klage vollständig gerechtfertigt. Ziffermäßig nehmen die Katholiken, obgleich die Bevölkerung in der Rheinprovinz zu mindestens drei Viertel katholisch ist, einen viel geringeren Theil an dem Beamten- und dem Lehrkörper ein. Seit den« Eintritt des Culturkampfes ist das Mißverhältniß noch ärger geworden, und namentlich hat in der katholisch-theologischen Facultät die größte Verwirrung Platz gegriffen, da sich in derselben gegenwärtig drei altkatholische Profefforen mit drei Studirenden und ein römisch-katholischer Professor mit ca. 80 Studenten befinden. — Sehen wir nun, was Dreyfus hinsichtlich der Juden sagt. Schon S. 31 begegnen wir dem Satze: „In Bonn, ausgenommen die medicinische Facultät, wo. die Standcseifersüchteleien sehr lebhaft zu sein scheinen, hat jeder außerordentliche Professor von mittelmäßigem Verdienste, wenn er weder praktischer Katholik (eatkoliquo pratiquant),. nod) Israelit ist, große Aussicht, nach Verlauf von drei oder vier Jahren ordentlicher Professor zu werden." S. 70: „Ich werde weiter unten von Herrn Bernays sprechen. Die Vorlesung eines Mannes von solcher Gediegenheit (trampe) kann nur zu gleicher Zeit glänzend und gründlich sein." S. 72: „Herr Philippson, außerordentlicher Professor, beschäftigt sich gewöhnlich mit französischer Geschichte. Ich habe ihn über die Schlacht bei Leipzig sprechen hören, er war sehr parteiisch für Blücher, und schien mir sich ausschließlich auf den preußischen Gesichtspunkt zu stellen'). Der Professor Philippson trägt stets ganz frei vor — was nur sehr wenige Universitätslehrer thun — und die Vorlesung war sehr gut ausgearbeitet. Herr Philippson würde ohne Zweifel schon ordentlicher Professor sein, wenn er nicht Israelit wäre." S. 104: „Herr Bernays ist der dritte Obcrbibliothekar der Universität. Er folgte zwei hervorragenden Männern, Welcker «bis 1854) und Ritschel, l) ös kann dies nur als ein französisches Urtheil angesehen werden, denn Niemand kann der historischen Unparteilichkeit mehr huldigen und sich mehr befleißigen, als Professor Philippson, wie auch seine schriftstellerischen Arbeiten erweisen. Derselbe ist übrigens bekanntlich seitdem als ordentlicher Professor nach Brüssel berufen worden und dahin übergesicdelt. Doch müssen wir der Unparteilichkeit wegen hinzufügcn, daß Philippson, als Herr Dreyfus in Bonn weilte, erst drei Jahre außerordentlicher Professor war. den er 1866 ersetzte. Bernays ist ganz und gar seiner Vorgänger würdig und auf der Höhe seiner sehr schwierigen Functionen. Sohn eines Rabbinen, geboren 1824 in Hamburg, studirte er 1844—1848 Philologie und Philosophie in Bonn, wurde dann Privatdocent und hielt bis 1853 Vorlesungen über die classische Philologie. Als Lehrer an das jüdische Seminar nach Breslau berufen, lehrte er zugleich an der dortigen Universität. Im Jahre 1866 wurde er zum außerordentlichen Professor und Oberbibliothekar in Bonn ernannt. Man hat von ihm Arbeiten von tiefer Gelehrsamkeit. Wäre Bernays nicht Israelit, so würde er längst ordentlicher Professor in Bonn sein. Zu bescheiden, um sich geltend zu machen, geben seine Schriften ein schwaches Bild seiner hohen Geistesfähigkeitem Sein wunderbares Gedächtniß, sein lebhafter und durchdringender Geist, die Blitze seiner sarkastischen und beißenden Verve setzen die wenigen Personen in Erstaunen, welche, wie ich, das Glück haben, sich ihm zu nähern. Bernays spricht mehrere Sprachen und frappirt beim ersten Zusammentreffen durch eine Mischung von Originalität und Freundlichkeit. Unverehelicht geblieben, ist sein Leben ein Muster strenger Sittlichkeit. Freisinnig und fromm zugleich, ist er einer jener seltenen Beispiele, die beweisen, daß-es nicht unmöglich ist, die Unabhängigkeit des Geistes mit dem glühendsten Glauben und der strengsten Ausübung der religiösen Satzungen zu verbinden." Endlich S. 138, wo er über die obengedachte Hintenansetzung der Katholiken spricht, fügt der Verfasser hinzu: „Die Katholiken sind übrigens nicht die Einzigen, welche von dieser systematischen Ausschließung zu leiden haben: die Israeliten werden nicht mehr begünstigt in Bonn. Man hat mir versichert, daß. kein Israelit jemals an dieser Universität ordentlicher Professor werden könne; gewiß ist, daß gegenwärtig keiner es ist, obgleich man hier eine gewisse Anzahl Privatdocenten und mehrere außerordentliche Professoren israelitischer Religion zählt. Unter den Letzteren führe ich Bernays an, den Obcrbibliothekar, der sicherlich seit langer Zeit ordentlicher Professor wäre, wenn er nicht Israelit wäre. Man wird über diese Unduldsamkeit nicht erstaunen, wenn man erwägt, daß die Carriöre als Gymnasiallehrer den Bürgern dieser Confession fast ganz verschlossen ist. Ich habe mich übrigens während meines Aufenthalts in Bonn überzeugen können, daß alle Professoren, welche nicht dem Cultus der Majorität angehören, fast gänzlich auf den Index gesetzt sind." Das Obige bezieht sich allerdings nur auf die Universität Bonn, da wir an anderen, wie Marburg, Breslau, Berlin und Königsberg einige ordentliche Professoren, zusammen allerdings wenige, jüdischer Religion haben. In anderen deutschen Staaten, wie Sachsen und Bayern, findet dasselbe wie in Bonn statt.