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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-04-08 · Heft 15 (8.4.1879) · p. Seite 227

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 15 (8.4.1879)
Date
1879-04-08
Page
Seite 227 (sequence 3)
Language
German
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227 Wir müssen uns an dieser Stelle mit obigem Citate begnügen, welches den Grundgedanken Claude Bernard's enthält, den er nach allen Richtungen hin verfolgt und ausführt. Er, der große Experimentator, der Begründer der neueren Physiologie, tritt hiermit entschieden der weitverbreiteten materialistischen Schule entgegen, welche in den physico-chemischen Phänomenen die ganze Natur, auch die der belebten Wesen, bestehend und erfaßbar hält. Ebenso entschieden wendet er sich gegen den Darwinismus, .wenn er sich gegen jede Spontaneität auch in den lebenden Wesen erklärt, die doch nur von einer capriciösen Macht (Bedürfniß) oder vom Zufall abhängig wäre. Die schöpferische und leitende Idee ist (wie Claude Bernard bemerkt) in jedem Keime eines Organismus bereits vorhanden und bewirkt und leitet die Entwicklung der Organisation innerhalb der Bedingungen, welche die physico-chemischen Phänomene und ihre Gesetze abgeben. Hiermit ist ab-? auch Claude Bernard zu der eigentlichen Grenze der Naturwissenschaft gekommen. Mit der Wiederanerkennung einer schöpferischen und leitenden Idee, einer Lebenskraft im organisirten Wesen, die verschieden ist von den physico-chemischen Gesetzen und eigenthümlich in jeder Art, ja in jeden: Individuum, ist der Naturwissenschaft der Grenzpfahl abgesteckt, aber auch die nothwendige Voraussetzung einer Ideenwelt, die über das Körperliche hinausgcht, gegeben, ohne daß diese Gegenstand der Naturwisienschaft wäre — während die materialistischen Naturforscher jede Geistesthätigkeit nur als ein Product der physicochemischen Beschaffenheit ansehen und deshalb auch jene als ihrem Bereiche verfallen betrachten. Ist aber über das Physico-Chernische hinaus schon in allem Organischen eine schöpferische und leitende Idee vorhanden, so muß diese nothwendig eine Quelle aller dieser Ideen haben; ist eine Lebenskraft, die nicht mit den physico-chemischen Bedingungen identisch ist, vorhanden, so muß diese nothwendig zur Quelle eine Kraft haben, welche die Quelle alles Lebens und aller Kräfte ist. Gerade also, wo Claude Bernard die Grenzlinie der Naturwiffenschast zieht, beginnt das Reich der Philosophie und der Religion, und wird dies festgehalten, so liegen beide mit der Naturwisienschaft in keinem Streite. Claude Bernard, der nicht einen Schritt weitcrging, als oben gezeichnet worden, ist demnach ein leuchtendes Beispiel für jeden echten Naturforscher und ein Beweis mehr für unsere Behauptung gegenüber den naturwissenschaftlichen Hypothesenmachern. Die confessionelle Gleichheit an einer preußischen Universität. In Paris besteht eine Gesellschaft für das Studium der Fragen des höheren Unterrichts (Soeiete pour l’Etude des (jucstions d’Enseigncment siiperieur), Dieselbe sandte im; verflossenen Sommer einen Herrn E. Dreyfus-Brisac nach Bonn, um die dortige Universität genau kennen zu lernen und darüber zu berichten. Herr Dreyfus kam nach Bonn mit Empfehlungen der Minister des öffentlichen Unterrichts und des Auswärtigen, sowie des Präsidenten der genannten Gesellschaft, des bekannten Schriftstellers und Akademikers Laboulaye, und weiß die Freundlichkeit und Bereitwilligkeit der Universitätsbehörden, der Profesioren und aller Beamten nicht genug zu rühmen. Sie stellten ihm Acten und Schriftstücke zur Einsicht, ertheilten ihm ausführliche Auskunft über alle Details, eröffneten ihm alle Hörsäle und Anstalten nnd empfingen ihn in gastfreiester Weise. Derselbe hat nun einen ausführlichen Bericht;lf)8 S. gr. 8) erstattet, und dieser ist in Buchform unter dem Titel: Uno Univcrsite alleinande ouTEnseigncment siiperieur fi Tionn. (Paris, Uacliette & Comp. 1879) erschienen. Der Bericht ist nach allen Seiten hin gründlich und umsichtig abgefaßt, und giebt alle wünschenswcrthen Aufschlüsie über die Geschichte, die Organisation, den Lehrkörper, die Institute, die Lehrcurse und Lehrweise, die Prüfungen, die Studenten und deren Lebensweise. Obschon er überall die Universität Bonn im Auge hat und bespricht, wirft er doch auch Blicke der Vergleichung auf andere deutsche Universitäten. Der Verfasser benutzt die Urkunden, Actcnstücke und statistischen Mittheilungen und bestrebt sich, auf diesem Grunde möglichst objcctiv zu sein. Da er aber seinem Zwecke gemäß auch das. eigene Urthcil mitsprechen läßt, und dies, wo er von den Persönlichkeiten handelt, auch nicht anders vermochte, so muß ihm für manche Aeußerungcn die eigene Verantwortlichleit überlassen werden. — Vergessen wir nicht, daß der Berichterstatier ein Franzose ist, und daß er als solcher ganz besonders an die völlige, confessionelle Gleichheit gewöhnt ist. Denn welche Wandelungen Frankreich auch seit 90 Jahren durchgemacht hat, die confessionelle Gleichheit ist unter all' den verschiedenen Regimes, namentlich seit 1890, treu bewahrt tvorden, und selbst wenn zu Zeiten die clerikale Richtung von großem Einflüsse war, vermochte diese doch nicht, die confessionelle Gleichheit aus dem Staats-', und gesellschaftlichen Leben zu verdrängen. Es ist daher sehr natürlich, daß dem französischen Beobachter Alles auffiel, tvas ihm gegen diese confessionelle Gleichheit zu streiten schien, und dazu hatte er gerade an der Universität Bonn durch die Eigenthümlichkeit ihrer Stellung mehrfache Veranlasiuug. Mit der Herstellung des Norddeutschen Bundes und noch inehr mit der Gründung des deutschen Reiches und dem von beiden promulgirten Gesetze über die Gleichheit aller Confessionen glaubte man alle confessionelle Berücksichtigung und Beschränkung wenigstens von Staatsseiten auf immer entfernt. Hinsichtlich des Ministeriums Falk konnte man, was insonders die Juden betrifft, auf dem Unterrichtsselde Schritte gewahren, tvelche dieser Hoffnung entsprachen. Schließlich hat sich aber dennoch die Sachlage 15*

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