Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 15 (8.4.1879)
- Date
- 1879-04-08
- Page
- Seite 226 (sequence 2)
- Language
- German
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226! Leidenschaft und diese besticht und verblendet, daß das Auge in ihrem Feuer mehr sieht, als vorhanden ist, und sie sich selbst m höchsten Glanze der Macht erblickt. Hier ist es jedoch, wo wir der echten Wissenschaft vertrauen muffen und können, daß sie von solchen Verirrungen bald wieder zurückkomme, da ihr beim weiteren Fortschritt die Trugschlüsse ihrer Jünger bald wieder offenbar werden, und da mitten im Gewühle der Tagesmeinungen und im Treiben der Hypothesenmacher die echten Meister der Wiffenschaft Besonnenheit und Klarheit genug bewahren, um das Falsche vom Nichtigen Zu unterscheiden und die Grenzen sestzuhalten, die vor. wie nach bestehen. Denn das ist die Erkenntniß, die den echten Meistern der Wissenschaft nicht entschwindet, daß diese innerhalb ihres Gebietes zu immer ausgedehnterem Wissen und dadurch zu immer klarerer Anschauung der einfachen Naturgesetze gelange und hierdurch eine Menge Jrrthümer der vergangenen Zeiten aus dem Wege räume, daß aber gewisse Grenzpunkte nach der Natur der Dinge selbst vorhanden sind, über welche die Wissenschaft nicht hinauszugehen vermöge, ohne sich selbst untreu zu werden, und sich anzueignen, was ihr niemals gehört. Wir haben diese Ansicht schon zu oft ausgesprochen, als das; es uns nicht freuen sollte, abermals einen Beweis dafür heranbringen zu können. Doch zuvor noch eine Bemerkung. Der Gegensatz, in welchem sich gegenwärtig Religion und Wissenschaft, namentlich Naturwissenschaft, bei vielen Geistern befinden, bat häufig zu dem Versuche veranlaßt, die innere Uebcreinstimmung beider nachzuweisen und jede Differenz zwischen „Glauben und Wissen" zu beseitigen. Wir meinen, daß diese Versuche mißglücken, weil die Resultate auf der einen Seite durch den, an den Buchstaben der Schrift sich fesselnden Glauben, auf der anderen durch die wissenschaftliche Hypothese unmöglich zum Einklang gebracht werden können, und wrcderum Vertuschungsvcrsuche, um einen scheinbaren Ausgleich hcrzustellen, keinen Bestand haben. Vielmehr liegt das Hauptgewicht in dem Momente, daß sowohl die Religion wie die Wissenschaft die Grenzen ihres Gebietes genau kennen und getreulich festhalten. Geschieht dies in Wahrheit, so besteht auch kein Conslict und die beiden großen geistigen Mächte Pflegen ihres Amtes mit gesegneter Wirksamkeit. Wir glauben daher, daß die Entwicklung sowohl der Religion als der Wissenschaft dahin führen werde, - daß die naturgemäßen Grenzpunkte beider sorgfältig erkannt und einfür allemal festgcstellt werden. Am 10. Februar 1878 verstarb zu Paris der bedeutendste französische Naturforscher der Gegenwart, dessen Verdienste, insbesondere um die Physiologie, von aller Welt anerkannt sind, Claude Vernard, in seinem 65. Lebensjahre. Durch seine vielfältigen Entdeckungen im Gebiete der Physiologie und durch die scharfsinnige Combination, mit welcher er aus seinen Experimenten und Beobachtungen die entscheidendsten wissenschaftlichen Erkenntnisse zu ziehen verstand, hat er dieser Wissenschaft eine neue und sichere Grundlage und auf dieser einen neuen Ausbau geschaffen. Claude Vernard war Zeit seines Lebens ein Experimentator, und Alles, was er erzielte, erreichte er Schritt vor Schritt durch zahllose Experimente, ohne welche es für ihn keine Gewißheit gab. Es versteht sich daher von selbst, daß er dem Determinismus anhing, d. h. der Ansicht, welche nur das gelten läßt, was sich durch Anatomie, Physik und Chemie darstellen läßt. Dennoch blieb er in seiner Anschauung und Ueberzeugung bei dem Determinismus nicht stehen. Er erkannte, daß derselbe nur im Bereiche des Physico-Chemischen die unbedingte Geltung habe. Er unterscheidet zwischen den physico-chemischen Bedingungen und dem Leben in den organischen Wesen. Er sagt: „Wir trennen uns von den Materialisten, weil, so sehr auch die Lebensäußerungen unmittelbar unter dem Einfluß der physico-chemischen Bedingungen bleiben, diese Bedingungen die Phänomene in der Ordnung und Aufeinanderfolge, welche sie speciell in den lebenden Wesen bethätigen, nicht zu gruppiren und zu harmonisiren vermöchten. Diese Gruppirung, diese Harmonie, diese strenge Folge der Lebensphänomene, die Einheit, die sie verbindet, der Endzweck, nach welchem sie streben, alles Dies erweist uns eine eigenthümliche und leitende Ursache. Wenn man das Leben mit einem einzigen Worte desiniren sollte, so würde ich sagen: das Leben ist die Schöpfung. Denn was die lebende Maschine charakterisirt, ist nicht die Natur ihrer physico-chemischen Eigenthüm lichkeiten, sondern, die Schöpfung dieser Maschine, die sich unter unsren Augen in den Bedingungen entwickelt, die ihr eigen sind und nach einer bestimmten Idee, welche die Natur des lebenden Wesens und die Wesenheit des Lebens selbst ausdrückt. Was dem Leben wesentlich angehört, das gehört nicht der Physik, nicht der Chemie, nicht einem anderen Dinge an, das ist die leitende Idee dieser Lebensentwicklung. In jedem lebenden Keime giebt cs eine schöpferische Idee, die sich entwickelt und kundthut durch die Organisation. Während seiner ganzen Dauer bleibt das lebende Wesen unter dem Einfluß dieser selben schöpferischen Lebenskraft und der Tod tritt ein, wenn sie sich nicht mehr realisiren kann. Hier wie überäll hängt Alles von der Idee ab, die allein schafft und leitet; die Mittel der physicochemischen Manifestation sind allen Phänomenen der Natur gemeinsam und bleiben unter cinandergemischt, wie die Charaktere eines Alphabets in einem Kasten, wo eine Kraft sie aufsucht, um die Gedanken oder die ve rschiedenartigsten Mechanismen auszudrücken. Es ist immer die selbe Lebensidee, welche das Wesen erhält, indem sie die durch den Gebrauch desorganisirten oder die durch Zufälle und Krankheiten zerstörten lebenden Theile wiederherstellt 1) L’Introduction ä l’Etude de 1s. mddecine expcrixaentäle.