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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-04-01 · Heft 14 (1.4.1879) · p. Seite 215

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 14 (1.4.1879)
Date
1879-04-01
Page
Seite 215 (sequence 8)
Language
German
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215 stettengaffe gegen den Wucher. Der Redner kehrte sich in scharfen Worten gegen Diejenigen, „welche nicht würdig sind, der Menschheit anzugehören, die keinen Gott haben und nur das goldene Kalb, den Götzen Mammon anbeten" — gegen die Wucherer. Im Verlaufe der Predigt erklärte er, daß man schonungslos gegen den Wucher Vorgehen müsse, der durch das hebräische Wort „Neschech" (Biß) am trefflichsten charakterisirt wird. Gleich einer giftigen Schlange, deren Biß ursprünglich eine kaum merkbare Wunde hervorbringe, die sich aber zusehends vergrößert und den Tod des Gebiffenen herbeiführt, treibt der herzlose Wucherer sein Opfer dem gänzlichen Verderben entgegen. Zum Schluffe forderte der Redner die Zuhörer auf, die Wucherer zu verfolgen und sie öffentlich zu brandmarken. Mir lebhaften Zeichen der Zustimmung folgte das Auditorium dem Redner, und als er geschloffen hatte, ließen einzelne der Anwesenden sich sogar zu Bravorufen hinreißcn. Die Rede verdient wegen ihrer Zeitgemäßheit alles Lob, die Haltung der Zuhörer ist charakteristisch und erinnert an gewiffe Kunstgriffe von Leuten, die am lautesten schreien, um nicht gepackt zu werden. Damit wollen wir durchaus nicht sagen, daß die Bravorufer in der Wiener Synagoge von der Sorte der „Neschech" seien." — Ta die „Germania" in dem ablaufenden Quartal ihre früheren stürmischen Angriffe gegen die Juden nicht wiederholt hat, so wollen wir ihr die kleinen bissigen Bemerkungen, die sie gegen uns in jeder Nummer umhcrstreut, verzeihen. Sollten wir von jeder Büßpredigt, die in christlichen Kirchen gehalten wird/darauf schließen, daß die davon ergriffenen Zuhörer alle die Verbrechen gethan haben, vor welchen in der Predigt gewarnt worden, so würde man uns mit Recht eines lächerlichen Vorurtheils zeihen. Nun, solcher Vorurtheile sind freilich die Herren von der „Germania" voll. Frankreich. Paris, 1 •>. März. Wir haben des ungünstigen Berichtes erwähnt, welchen ein Abgesandter des Montefiorevereins, Pines, über die israelitische Ackerbauschule zu Jaffa abgestattet. Herr Natter, der eigentliche Begründer dieser Anstalt, richtet eine Entgegnung an die Aroli. Isr., in welcher er darauf hinlvcist, daß er vor noch nicht zehn Jahren mit allen möglichen Feinden zu kämpfen gehabt, worunter auch die Juden selbst eine Nolle spielten, selbst die aufgenommenen Schüler, die am Tage, nachdem sie bekleidet und besticfelt worden, aus der Anstalt zu entwischen versuchten. Trotzdem sei das Resultat: Der friedliche Besitz in einer gesunden Oertlichkeit vor den Thoren von Jaffa, durchschnitten von der großen Straße nach Jerusalem, mit einem weiten Grundstück von trefflicher Bodenbeschaffenheit, zum Theil mit Bäumen und Weinreben bepflanzt, mit zahlreichen Bauten, von Gräben umgeben und von Wegen durchschnitten. Hier wurde eine gewiffe Anzahl von Kindern,!die für die Bettelei bestimmt waren, zu achtenswerthen Arbeitern gebildet, und eine größere Anzahl hat die Aussicht zu; gleichem Erfolge. Auch ist jetzt die ganze jüdische Bevölkerung ' Palästinas für die Anstalt günstig gestimmt. Die Anklagen j feien also ganz am Unrechten Platze. — Der neue Seineprä- ' fcct hat zu seinem Cabinetschef Herrn Lyon, Auditor im Staats-! rathe, und der neue Polizeiprcfäct zu seinem besonderen Secretär Herrn Nichtenberger gewählt: beide junge Beamte sind Israeliten. — In ihrer Jahrcssitzung hat die Akademie der Wiffenschaften den Preis Poncelet für Mechanik Herrn Moritz' Levy,-Ingenieur der Brücken und Wege, Professor am College | de France und an der Centralschule, und einen der Preise Dionthon dem Dr. G. Haycin von der medicinischen Facultät bestimmt. Großbritannien. London, 16. März. Bekanntlich weilt gegenwärtig der englische Botschafter in Consiantinopel, Layard, hier, und zwar der Erholung wegen. Die Israeliten London'S haben ^nicht verfehlt, diesem ebenso als' Alterthumsforscher wie als 'Staatsmann verdienstvollen Diplomaten eine Dankadresse zu überreichen für die außergewöhnlichen Anstrengungen, denen er sich zu Gunsten der jüdischen Flüchtlinge in Constantinopel unterzogen hat. Rumänien, v Bonn, 10. März. Mit Fug und Recht sieht man die Beschlüsse der beiden rumänischen Kammern über die Revision des Art. 7 der Verfassung als durchaus noch von keiner Entscheidung an, und das Nähere, was man aus den Verhandlungen erfährt, ist nicht befähigt, uns größere Ruhe oder Sicherheit einzuflößen. Eine der Pol. Corr. aus Bukarest zukommende Mittheilung skizzirt die Rede, welche der rumänische Ministerpräsident Vratiano anläßlich der dortigen Kammerdebatten über die Vcrfaffungsrcvision gehalten hat. Da die Rede als das Programm des Ministeriums in der I udenfrage gilt, wird ihr besondere Bedeutung beizulegen sein. . Bratiano sagte unter Anderem, daß man nicht glauben könne, Europa wolle Rumänien zwingen, seine Thore allen auf rumänischem Gebiete befindlichen Juden, welche größtentheils außerhalb des Landes geboren sind und keinen bestimmten Erlverb haben, durch massenhafte Verleihung des rumänischen Bürgerrechtes ihrer ganzen Weite nach zu öffnen. Europa müsse, wissen, daß Rumänien dadurch einen Selbstmord begehen würde. „Bei aller Huldigung, welche wir dem Principe der Gleichheit in Betreff der bürgerlichen und politischen Rechte darbringen", sagte Bratiano, „könnte doch keine Macht um dieses Principes willen 'den Untergang unserer Nationalität verlangen. Die Religion!soll für das Jndigenat kein Hinderniß mehr bilden; wir sind

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