Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 13 (25.3.1879)
- Date
- 1879-03-25
- Page
- Seite 203 (sequence 11)
- Language
- German
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203 durch Annahme des Mehrheitsantrages den europäischen Mächten beweise, wie es durchaus keinen Has; gegen die Israeliten hege. Wir unsererseits werden dies erst aus den von der Revisionskammcr gefaßten Beschlüssen Zu ersehen vermögen. Wien, H). März. Nach einer Miltheilung der Polit. Corr. aus Bukarest hätte die auf die Annahme einer begründeten Resolution in der Juden frage abzielende Haltung der Minderheit der Deputirtenkammer zu einer Eabinetsfrage geführt. In einer gestern Statt gehabten vertraulichen Sitzung der Kammer hätte der Ministerpräsident Bratiano erklärt, der berliner Vertrag habe nur den Grundsatz der Gleichheit aller Religionsbekenntnisse aufgestellt. Rumänien habe diesen Grundsatz angenommen; dagegen würden die nationalen und wirthschaftlichen Interessen durch besondere Gesetze vor einer unverhältnißmäßigen Ausbreitung der Juden gesichert werden müssen. Rußland. Petersburg, 12. März. (Privatmitth.) Es ist den Lesern der Allg. Zeitg. d. Jud. aus dem VI. Petersburger Briefe des Herrn F. G. in Nr. 10 schon bekannt, das; in Petersburg gegenwärtig eine von der Regierung berufene Rabbiner-Eommifsion sich befindet. Vorgestern, den IO. März, mn Schuschan-Purim, gab die hiesige jüdische Intelligenz der Eommission zu Ehren ein Festmahl, dem über 20o Personen beiwohnten. Es bezweckte eine nähere Verbindung und einen Gedankenaustausch der hiesigen jüdischen Intelligenz, der sonst gar keine Gelegenheit geboten wird, sich zu diesem Zwecke zu versammeln, wodurch die Bestrebungen und Thätigkeit der Einzelnen gelähmt werden und die jüdische Sache inr Allgemeinen litt. Dieses Mahl, zu dem fast Alle, die sich zur jüdischen Intelligenz zu zählen das Recht haben, in einem Saal sich versamu'.elten, wird hoffentlich unserer Sache stützen gebracht und den einzelnen Bestrebungen zum Wohl unserer Brüder mehr Kraft und Nachdruck verliehen haben; wir wollen hoffen, daß diese Versa,umlung auch die Nothwendigkeit der Organisirung eines näheren Verkehrs ztvischen der Intelligenz erwiesen hat. Mit der Einrichtung des Festes beschäftigte sich eine Eonunission, die aus fünf Mitgliedern bestand: Herr Rabbiner I)r. Drabkin, I)r. Mallis, Herr Rosenseld, Herr Kulischer und Herr Baxt. Dem Mahle wohnten bei: die Mitglieder der Rabbinercommission, die Mitglieber der hiesigen Gemeindeverwaltung, der Rabbiner, der Director der israelitischen Schulen, fast alle sich in Petersburg befindenden Juden, tvelche die Hochschulen absolvirt oder sich durch ihre Werke bekannt gemacht haben, mehr als zehn Vertreter jeder Hochschule und außerdem noch viele Andere. Bei demselben wurden viele Reden und Toaste gehalten; die erste war die des Herrn Rabbiner L>r. Drabkin, der seine Worte mit einen: Toast für den Kaiser und den Großfürftcn-Thronfolger schloß, welcher mit einem langanhaltenden Hurrah aller Antvesenden begleitet tvurde; darauf bewillkommte Sack im Namen aller Anwesenden die Nabbinercommission. Von den übrigen Reden wollen wir die des Herrn l)r. A. Soloweitschik erwähnen; er schilderte die schwere Lage der jüdischen studirenden Jugend vor fünfundzwanzig Jahren, verglich sie mit der jetzigen und constatirte das erfreuliche Factum, daß die letztere bei Weitem besser ist, als die erste war. „Vor fünfundzwanzig Jahren", sagte der Redner, „waren nur drei jüdische Studenten vorhanden, um den Ukas von der Verleihung einiger Privilegien an die Juden, die Hochschulen absolvirt haben, zu begrüßen." (Von diesen drei ist der Redner allein in dieser Gesellschaft.) „Die folgende Generation der jüdischen Studenten lies; sich so stark von der Bildung hinreißen, daß sie für das jüdische Interesse schwächer wirkte; in der letzteren Zeit aber bemerken wir eine höchst erfreuliche Veränderung; die Jugend hat es als möglich erkannt, den Kampf für die Bildung mit dem Kampfe für das Judenthum zu vereinigen. Hier in diesem Saale, vor unseren Augen sehen tvir den Vetveis dieser Veränderung; nahe an hundert jüdische Studenten feiern mit uns zusammen unser religiöses Fest Purim!" Die Rede, die alle Antvesenden tief ergriff, erhielt einen donnernden Beifall. Außerdem sprachen noch viele Andere, darunter Herr Vlumenfeldt, Vorsitzender der Nabbinercornmisfion, über die Nothwendigkeit des Zusammenwirkens der Studirten, Studirenden und der Masse; Herr M. S. Warschawsky, der jüngste, aber auch einer der trefflichsten Redner des Abends, der die Aufmerksamkeit darauf richtete, daß bis jetzt die jüdische studirende Jugend mit den übrigen Juden nur eine Geldverbindung hatte; das, sagte der Redner, kann keine stete Vereinigung bilden; dazu ist nicht nur eine materielle, sondern auch eine geistige Verbindung nothtvendig; wie das Wachsthum eines Baumes durch das Anbinden eines geraden Stockes noch nicht gefördert ist, da dazu noch eine innere Lebens- und Wachsthuinokraft erforderlich ist. Es wird jetzt in der jüdischen Gesellschaft das -Bewußtsein dieser Nothwendigkeit rege, tvas unser heutiges Fest beweist. Es sprachen noch Gebrüder Bart, von denen der Eine betonte, daß das heutige Fest — die Initiative der jüdischen studirenden Jugend ist; Herr Nonimsky, Herr Kaufmann, Herr Otlschwanger und Andere. Fast alle Reden fanden allgemeinen Beifall und wir möchten den Inhalt aller wiedergeben, wenn es in dem Rahmen einer Eorrespondenz möglich wäre. Das Fest trug ohne Zweifel viel zur Erweckung des Bewußtseins ihrer geistigen Kraft in der hiesigen jüdischen Intelligenz bei. Wenn die hiesigen hervorragenden Männer öfter Gelegenheit hätten, sich so zu versammeln, tväre man gewiß im Stande, kräftiger und nachdrucksvoller für das Wohl der jüdischen Gesannntheit zu wirken. lV. Ii. IV