Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 13 (25.3.1879)
- Date
- 1879-03-25
- Page
- Seite 197 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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197 läge vergehen muß, vom Tage der Lesung und nicht vom Tage der Annahme der Vorlage gerechnet wird. Daraus folgt, daß die zweite Lesung am 7. (19.) März und die dritte am 22. März (3. April), also neun Tage vor Ostern, erfolgen muß; ferner, daß die Kammersession, welche bis zum 2.8. März verlängert wurde, nochmals um zehn bis zwölf Tage verlängert werden muß. Der obige Bericht, den wir der „N. fr. Pr." entnehmen, eröffnet uns noch wenig Aussicht auf die wirkliche Gestaltung der Dinge in Rumänien. Die Annahme des Princips will so gut wie gar nichts sagen, denn die Rumänen behaupten, daß sie dieses Princip immer gehabt hätten. Sie wollen dagegen sämmtliche Juden als Fremde betrachten, und was sie dem Berliner Vertrage gegenüber concediren wollen, besteht darin, fortan den Juden die Naturalisation zu ermöglichen, während der Artikel 7 ihrer Verfassung die Juden hiervon ausschloß. Die Hauptfrage wird also darin bestehen, welche Bedingungen sie für diese Naturalisation aufstcllen werden? Factisch ist also noch nichts geschehen und die vier Großmächte Deutschland, England, Frankreich und Italien werden die Anerkennung der Unabhängigkeit Rumäniens so lange zurückhalten muffen, bis die Rcvisionskammer die obige Frage in angemeffener Weise gelöst haben wird. (S. w. u. die Zeitungsnachrichten aus Bukarest.) Literarischer Wochenbericht. Bonn, 11. März. Bekanntlich hat die Assyriologie in neuester Zeit einen schweren Angriff auszuhalten gehabt, der gegen die Zuverlässigkeit der bereits gegebenen Uebertragungcn und Auslegungen der Keilinschriften gerichtet war. Wir sind durch ihn aufmerksam gemacht, daß wir die Resultate, welche die Assyriologen mit Zuversicht vortragen, noch nicht als sichere Fundamente der Geschichte zu betrachten haben. Dennoch vermochte er nicht das Vertrauen zu erschüttern, daß die Assyriologie auf gutem Wege sei und diejenige Stufe der Gewißheit erreichen werde, welche sie zur Benutzung auf dem historischen und linguistischen Gebiete geeignet macht. Aus diesem Boden nun steht die vor Kurzem erschienene Schrift: Die Geheimwiffcnschaften Asiens. Die Magie und Wahr'agckunst der Chaldäer. Von Franc-ois Lenormant, Professor der Alterthumskunde an der Nationalbibliothek zu Paris. Autorisirte, vom Verfasser bedeutend verbesserte und vermehrte deutsche Ausgabe. Zwei Theile in einem Bande. Jena, Her- ' mann Costenoble. 1878. Die Magie der Chaldäer ist von jeher durch viele Stellen griechischer und römischer Autoren berufen; aber durch eine reiche Sammlung von akkadischen und affyrischen Inschriften auf zahllosen Täfelchen wird unsre Kenntniß derselben sehr umfassend und die gründliche Bearbeitung dieses mannigfaltigen Stoffes bildet den Gegenstand des vorliegenden Werkes, das freilich durch seine Gründlichkeit, durch die Mittheilung so vieler ziemlich gleichlautender Inschriften und durch die Breite der Ausführung dem Leser eine nicht leichte Aufgabe stellt. Die Beschwörungen, die Talismane, die Zauberformeln zur Heilung von Krankheiten und zur Beseitigung von Unglücksfällen und die Mittel zu Weiffagungen sind im reichsten Maße vorhanden. Neben dem culturhiftorischen Interesse erhält die Sprach- und die Völkerkunde wesentliche Bereicherungen, wenn hier auch noch Vieles vorerst hypothetisch bleibt. Für uns bietet das Werk noch ein besonderes Interesse. Durch Nichts kann die weite Kluft, welche die religiöse und sittliche Anschauung, wie sie in der Bibel niedergelcgt ist, von der der Chaldäer trennt, gelte es die religiösen Ansichten der arischen Akkadier oder die der semitischen Affyrer, mehr bezeugt werden, als durch diese, die zahlreichen Keilinschriften umfassende Darstellung. Diese vielgestaltige Dämonologie, diese bunte, meist schwarzfarbige Mythologie hat mit der einfachen biblischen Gotteslchre nichts Gemeinsames, und wird durch die strenge Verbannung aller Zauberei und Wahrsagerei aus dem israelitischen Religionssysteme in das gerade' Gegentheil zu diesem versetzt. Möchten dies doch endlich die Schematiker unv Geschichtsmacher einschen, wozu sie in der That nur die Augen zu öffnen brauchten. Die äußerst geringen Spuren, die von jener in einigen wenigen Stellen der geschichtlichen und prophetischen Bücher der heiligen Schrift zu finden sind, bctveisen dies erst recht *). In den vorhandenen Urkunden, sowie in den vielen talismanischen Inschriften auf babylonischen oder assyrischen Gegenständen aller Art „erschließt sich uns", wie Lenormant bemerkt (S. 231, „eine ganze Welt von bösen Geistern, deren Rangordnung genau festgestellt, deren Persönlichkeiten sorgfältig unterschieden und deren besondere Eigenschaften scharf präcisirt sind." Gleiches ist ja bei den Jnoern der Fall. „Das Hinduvolk", sagt Roberts, „hat mit einer so großen Anzahl von Dämonen, Göttern und Halbgöttern zu thun, daß cs in beständiger Furcht vor der Macht derselben schwebt." Allerdings^hat diese babylonische Dämonologie auf das talmudische Judenthum einigen Einfluß geübt. Der Glaube an die höchste und unwiderstehlichste Macht, die in dem gchcimnißvollen göttlichen Namen ruht, die Sagen von der Nachtgöttin Lilith und viele andere Märchen sind von jener in dieses übergegangen. Gerade darum haben wir die Freiheit der biblischen Autoren von all' diesem Aberglauben, die von ihnen fcstgehaltene Vertversung des Glaubens an irgend eine Macht außer der Gottes um so mehr zu bewundern. 1) So z. B. 2. Kön. 13. 14 ff., wo das Schießen mit Pfeilen einem chaldanchen Äeifsagebrauch entspricht, ans dem Fluge abgeschossener Pfeile den AuSgang eines Krieges vorherzusagen. Jndeß ist unverkennbar bei dem Propheten Elisa der Vorgang symbolischer Aatur, wie wir bei FerermaS und Ezechiel vielt solcher symbolischer Darstellungen, um den Eindruck der Rede desto tiefer zu machen, finden. t