Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 13 (25.3.1879)
- Date
- 1879-03-25
- Page
- Seite 194 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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194 immer frecher und dreister; so wachst stündlich unsere Noth und Niemand, Niemand eilt zur Hülfe. Die „alten" nicht, weil sie nicht können, die „neuen", weil sie nicht wollen. Unsere „alten" haben zwar ihr altes bewährtes Jnteresie für das Wohl ihre..' Brüder, ihre alte vielgepriesene Opferwilligkeit noch nicht ganz eingebüßt, nur wisien sie nicht die rechte Art, wie ihr Interesse zu äußern und ihre Opferwilligkeit zu verwenden, und die „neuen" sagen sich immer mehr vom Judcnthum los und wollen nichts von ihm wissen. Das ist keine Verleumdung, sondern leider bittere Thatsache. Schreiber dieser Zeilen hat mehr als ein Mal auf seine Aufforderung, die er gelegentlich an jüdische intelligente junge. Leute ergehen ließ, sich bei irgend einem das Judenthum berührenden Unternehmen zu betheiligen, zu hören bekommen, was er doch Wohl von ihnen, der jetzigen jüdischen Intelligenz denke, oder: „Verschonen Sie uns mit Ihrem Judenthum, wir sind und wollen keine Juden mehr sein. Wir sind Russen, Menschen und damit basta." Und das sagten Juden! Es ist nicht lange her, als auf einer Versammlung zum Zweck einer Herausgabe eines jüdischen Organs.in russischer Sprache, in meiner Gegenwart, ein jüdischer, recht talentvoller Journalist erklärte, er würde gern seine Mitarbeiterschaft anbieten, aber nur unter der Bedingung, wenn das betreffende, Organ sich die Auflösung und Selbstzersetzung des Judenthums zur Aufgabe machen würde. Da, meinte er, die Religion ein überwundener Standpunkt sei, so habe die Existenz der- Juden ohne Territorium und gemeinsame Sprache keinen Sinn. Und das sagte ein Jude! Doch ich habe noch Aergeres gehört! Und zwar sind es meist Juden, deren Eltern fromme Leute waren oder noch sind. Ja, so weit hat uns bereits unsere innere Spaltung gebracht! Was hilft es uns, muß ich oft fragen, daß die „alten" wie die „neuen" Juden Alles aufbieten, ihre Kinder bilden zu lassen, daß der Zudrang der jüdischen Jugend zu allen öffentlichen Lehranstalten ein im höchsten Grade erfreulicher ist, wenn diese Freude uns verleidet wird, wenn wir in jedem sich bildenden Juden einen Juden mehr verlieren, ja nicht selten auch einen Feind mehr gewinnen. Ohne die Religion ihrer Väter und ohne die Geschichte ihres Volkes zu kennen, fällt ihnen am meisten die Kehrseite ihrer Stammesgenossen in's Auge, und im Verlangen, ihren christlichen Mitbürgern sich mehr anzunähern, entfernen sie sich immer mehr von ihren Brüdern. Pochend auf einen verwässerten Patriotismus oder mißverstandenen Cosmopolitismus, verleugnen sie unverschämt brutal die heiligen Bande des Blutes, der Nationalität, die doch weder von einem Territorium, noch von einer gemeinsamen Sprache abhängig sind. Solche junge Leute, denen es an dem festen sittlichen Halte gebricht, welchen eine religiöse Erziehung giebt, lassen sich leicht in die Netze der russischen Communisten und Nihilisten fangen. Der Procentsatz der bei allen unseren politischen Processen betheiligten > Juden ist ein zu bedeutender, als daß er nicht in's Auge fallen und ernste Bedenken wecken sollte. Wer ist an allen diesen Nebeln schuld, wenn nicht wir selbst, unsere eigene Indolenz und unser Jndifferentismus gegen unsere Religion. Es ist nun die höchste Zeit, daß wir über unsere ernste Lage ernstlich Nachdenken, daß wir uns genau überlegen, was zu thun sei. Die jüdische Frage bei uns ist keine blos äußere, sondern vielmehr eine innere. Der Krebsschaden liegt nicht so sehr in unserer politischen, socialen, öconomischen Lage, als in unserer ethisch-religiösen- Wir Juden haben in politischer, socialer und öconomischer Beziehung viel schwerere Zeiten durch- und überlebt, jedoch war nie die Judenfrage eine so brennende, war nie unsere Lage eine so ernste und gefahrdrohende wie jetzt. Warum? Weil wir in religiöser Beziehung einig und daher stark und mächtig genug waren?, allen Verfolgungen, allem Elend Trotz zu bieten. Das aber sind wir jetzt nicht mehr. Wir sind uneinig und schwach und werden es immer mehr. Wollen wir daher die jüdische Frage lösen und unserer Noth abhelfen, so müssen wir vor Allem zur Religion zurückkehren. Wie wichtig materielle Hülfe und von welcher Tragweite Emancipation für uns auch sei, so sind doch beide nicht im Stande, unserm Elende völlig ein Ende zu machen, wenn nicht die Religion die erste Rolle übernimmt. Ohne Religion bleibt die Existenz des jüdischen Volkes ein bloßer Schatten und der Name „Jude" ein leeres Wort, vielleicht nur noch ein Schimpfwort. Zudem müssen wir nicht vergessen, daß materielle Hülfe zu leisten oder Emancipation zu erlangen', mehr von äußeren Umständen, als von uns selbst abhängt. Ganz anders aber verhält es sich mit der Religion. Dafür können und sollen in erster Linie nur wir Sorge tragen. Dazu gehört durchaus nicht sehr viel, wenn wir nur ordentlich wollen. Gründen wir nur ein Confistorium, eröffnen wir eine Hochschule für jüdische Theologie, wie die zu Breslau oder Buda-Pest, und führen wir Prüfungen für die alten Rabbiner ein, und wir haben fast Alles gethan, was zu thun nöthig, möglich und unsere Pflicht ist. Ueber die Bedeutung und den Charakter eines Consistoriums habe ich in meinem letzten Briefe gesprochen und mir bleibt nur noch übrig, auf die vorgeschlagene theologische Hochschule und das besagte Examen etwas näher einzugehen. Ich werde rs in großen Umrissen thun. Eine jüdisch-theologische Hochschule ist in doppelter Beziehung wichtig. Sie könnte Rabbiner wie Religionslehrer heranbilden. Das Bedürfniß nach den crsteren ist zwar vor der Hand noch ein ziemlich geringes, weil wir noch sehr wenige Gemeinden aufzuweisen haben, die Vertrauen zu einem studirten Rabbiner fassen würden, dafür aber ist das Bedürfniß nach tüchtigen Religionslehrern ein sehr mächtiges. In allen öffentlichen Lehranstalten begegnen wir. Gottlob, einer beträcht-