Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 12 (18.3.1879)
- Date
- 1879-03-18
- Page
- Seite 182 (sequence 6)
- Language
- German
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182 aber wollen wir die Bemerkung nicht unterdrücken, daß, wenn ' der Papst in seiner Ansprache an die Journalisten diesen „eine' ernste und gemäßigte Sprache ohne Bitterkeit und Par- ' teilichkeit" anempfahl, wir dies von Herzen loben und ihm von | Seiten der katholischen Zeitungsschreiber den strengsten Gehorsam wünschen. Niemand würde dies wohlthätiger empfinden, als wir Juden, gegen welche die ultramontane Presie aller Länder, besonders aber Deutschlands, einen so maßlosen gehässigen Ton' angeschlagen, daß er sicher von Leo XIII milgemeint sein muß. Alle diese Blätter thun ja, als ob die Ausrottung der Juden zu den höchsten Pflichten der Römlinge gehöre. Mögen diese es > sich also von ihrem Oberhaupte gesagt sein lassen, damit Friede j und Wohlwollen, diese wahrhaften Grundlagen der Religion,^ auch zwischen ihnen und uns wieder hergestellt werden. Sind wir Juden uns doch bewußt, keine wirkliche Veranlassung zu diesem wüsten Streite gegen uns gegeben zu haben. Der Papst gab auch zum Schluffe, die Erklärung ab, „daß die Kirche nicht j daran denke, in Jemandes Recht einzugreifen, sondern im Gegen- * theil bestrebt sei. Aller Recht zu schützen und zu kräftigen.", Wenn dies nicht leere Worten sein sollen, so muß auch das Recht der Juden auf Gleichberechtigung in Staat und Gesell- ■; schaft anerkannt, geschützt und gekräftigt werden — die ultra- ■ montane Presse hat bis jetzt das Gegentheil gethan. Mögen sie; also nach dem Willen ihres Oberherrn auch hierin Umkehr halten! Königsberg, i. Pr., 25. Februar. (Privatmitth.) Bereits im 4. Jahrgange erscheint hier eine, besonders für Rußland bestimmte hebräische Zeitschrift hpn, redigirt von L. Rodkinssohn. Zur Ehrenrettung dieses Mannes möge auch hier eines eigenthümlichen Vorfalles gedacht sein, den er in Nr. 11 seines Blattes selbst erzählt, wo er auch folgende beide Piecen mittheilt. Die Hart. K. Z. in Nr. 277 enthielt Folgendes: Die von hier zur Versendung gelangende „Königsb. Corr." schreibt: Es erscheint hier in der Druckerei des Herrn Jacoby und im Selbstverläge des Redacteurs R. eine russische Zeitung für Israeliten: „Die Stimme" und dasselbe Blatt noch einmal in populärer Form unter dem Titel „Die Volksstimme". Bei dem Redacteur R. erschien nun eines Tages ein Polizeibeamtcr, erklärte R. für verhaftet und belegte seine Bücher und Manuscripte mit Beschlag. Auf der Polizei wurde die Durchsuchung fortgesetzt. R. wurde entkleidet, gründlich durchsucht und, nachdem ihm Geld, Uhr und Ringe abgenommen, in das Polizeigefängniß gebracht. Erst Nachmittags gegen vier Uhr wurde er vor den Richter geführt. Er wurde vernommen und' nach der Tendenz des von ihm redigirten Blattes gefragt, wo-' rauf R. erwiderte, daß das Blatt „orthodox-jüdisch conservativ" ' sei. Das Blatt wird mit neuhebräischen Lettern gedruckt, ist also nicht von jedem Laien zu lesen, und R. wurde daher gej fragt, wodurch er seine Versicherung beweisen könne. R. berief sich auf die Thatsache, daß die russische Eensur seinen Blättern stets ungehindert den Eingang nach Rußland gestattete, worauf der vernehmende Beamte die etwas verwunderliche Frage an R. that: „Ja, warum sind Sie denn verhaftet?" Dieselbe Frage wünschte R. nun auch beantwortet zu haben. Er wurde einstweilen abgeführt und nach kurzem Warten mit der Bemerkung in Freiheit gesetzt, daß hier ein Mißverständniß vorliege. R. bat diesen Vorfall nicht weiter zur Sprache gebracht. Offenbar handelt es sich hier um eine leichtfertige oder gar böswillige Denunciation, und müßte R. daher Alles daran setzen , den intellcctuellen Urheber seines unbehaglichen Abenteuers zur Rechenschaft zu ziehen. In Nr. 281 theilt die H. K. Z. Folgendes mit: Bezüglich der in Nr. 277 von uns aus der „Kgsbg. Corr." entnommenen Mittheilung über die Verhaftung des Redacteurs des hier erscheinenden russisch-israelitischen Blattes „Die Stimme" gebt uns von dem gedachten Herrn M. L. Rodkinssohn folgende ergänzende Berichtigung zu: „all I) wurde ich Nachmittags 6 Uhr dem königl. Staatsanwalt vorgesührt, welcher mir erklärte, daß meine.Verhaftung darum erfolgt sei, weil in einigen socialistischen Schriften aus Oesterreich mein Name genannt sei. Auf meine Frage, ob darin gesagt sei, „ich sei Socialist," antwortete derselbe „verneinend" und erklärte mir, daß ich sofort auf freien Fuß gesetzt würde; ad 2) die mit Beschlag belegten Manuscripte rc. erhielt ich nach 12 Tagen zurück, ebenso ersuchte mich der königl. Staatsanwalt, das Blatt in demselben Sinne weiter zu führen und auf die russische Jugend in demselben Sinne weiter zu wirken. Ebenso hat mir die königliche Staatsanwalt auf meine Bitte in Folge meiner unschuldigen Verhaftung ein Leumundattest in Aussicht gestellt, worin vielleicht auch der Grund meiner Verhaftung angegeben sein wird." Magdeburg, 2. März. (Privatmitth.) Wie auch in dieser Ztg. seiner Zeit mitgctheilt worden, hat das evangelische Consistorium der Provinz Sachsen in einein Erlaß eine Förderung der christlich-socialistischen Bestrebungen, bez. des betr. Vereines empfohlen. Jetzt bringt die hies. Ztg. einen Auszug aus einer Ansprache des evangelischen Oberkirchenraths an die Geistlichen, in welcher sich eine entgegengesetzte Strömung bekundet. Nachdem das volle Gewicht auf die religiöse Erziehung der Jugend, auf Einrichtung von Sonntagsschulen, die Bildung von Jünglings- und Jungfrauen-Vereinen, Errichtung von Jugendbibliotheken, überhaupt auf die freie Vereinsthätigkeit u. s. w. gelegt wird, besonders aber die Geistlichen vor Streitigkeiten und Spaltungen des Parteiwesens gewarnt worden, heißt es weiter: „Kaum Etwas hat den Einfluß der amtlich organisirten Kirche nicht nur in den höher gebildeten Kreisen so geschädigt, als der von verschiedenen j Seiten unternommene Versucht die Kirche, ihr Vekenntniß und .ihre Organe als Mittel für bestimmte politische Parteizwccke zu gebrauchen." — Sehr, ausführlich wird dann auf die grade unter den Geistlichen hervorgetretenen „christlich-