Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 12 (18.3.1879)
- Date
- 1879-03-18
- Page
- Seite 179 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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179 zuließe. Fragt dem Großhandel in Bremen, Hamburg, Lübeck, Königsberg, Danzig, Berlin, Cöln u. s. w. nach, und die Liste der betheiligten Firmen wird Euch zeigen, daß die Juden darin auch nicht im Entferntesten überwiegend erscheinen. Es find nur einige wenige Branchen, wie z. B. die sog. Manufacturwaaren, in welchen die Juden en gros und er detail vorwiegend beschäftigt find. Daß in der deutschen Armee die Juden es nur in äußerst geringen Fällen zum Lieutenant bringen, ist bekannt, während die französische ein ganz anderes Resultat aufweist. Es befinden sich unter den mehr als tausend Universitätsdocenten in Preußen nur ca. 16 Juden, von denen nur 4 zu ordentlichen Professoren ernannt worden. In einigen wenigen Kreisrichtern und Rechtsanwälten participiren die Juden am deutschen Juristenstande, und das ganze Geschrei über den jüdischen Einfluß auf die Gesetzgebung stützt sich darauf, daß fünf oder sechs Juden im Reichstage und im preußischen Abgeordnetenhause sitzen. Unter diesen mögen zwei zu den Parteiführern gehören, aber darum den Juden die Herrschaft über die deutsche Gesetzgebung zuzuschreiben, ist doch wahrlich ein Verrath am deutschen Genius! So bleiben nur zwei Zweige übrig, und diese sind es denn auch, welche die Schreier über die Herrs chaft der Juden anzuführen pflegen: das Finanzfach und die Journalistik. Wir geben zu, daß es in Deutschland — in England und Frankreich ist es nicht der Fall — unter den Banquiers mehr Juden giebt, als auf den Antheil derselben kommen sollte. Aber ist denn die Finanz wirklich die Herrin, die diese Leute in ihr erkennen wollen? Sie ist es nicht; sie ist die Magd der Industrie, von dieser abhängig. Von den Bewegungen der Industrie hängen die der Finanz ab und nicht umgekehrt. Die Ucbertreibungen' der Industrie waren es, welche auch den Schwindel der Finanz herbeiführten, und die Finanz blieb erst stecken, als die Industrie nicht mehr fort konnte. Die Industrie riß die Finanz mit sich herunter, während die letztere noch Mittel genug gehabt hätte, um sich zu halten. Und was die Journalistik betrifftso bleiben unsere Gegner stets die Antwort schuldig, wenn man ihnen mit wahrheitsgetreuen Zahlen die Unrichtigkeit ihrer Behauptungen erweist. In der That braucht man nur die ungeheure Mehrzahl der deutschen Blätter allen Kalibers aufzufchlagen, um sich zu überzeugen, daß dieselben von den Juden nicht einmal beeinflußt, viel weniger beherrscht werden. Hiervon machen selbst viele liberale Blätter keine Ausnahme. Sie find der Anklagen und Schmähungen gegen die Juden voll, und es wird einer Vertheidigung derselben sehr schwer, auch nur das bescheidenste Plätzchen zu gewinnen. Das sind argumenta ad oeulos! — Aber ich will es Euch sagen, was das Motiv zu allen Euren und zwar den abenteuerlichsten Behauptungen, zu allen Euren unaufhörlichen Angriffen gegen die Juden ist: Ihr möget Euch noch so schönfärben, der alte Religions- und Racenhaß ist in Euch noch so lebendig wie früher; aber wo und so fern Ihr ihn verleugnet, wie z. B. Marr ihm, ist es der niedrigste Concurrenzncid, der Euch beseelt. Dies war vor der Erlangung der Gleichstellung ein Hauptmotor gegen diese — wir erinnern an den Bärenführer und den Oberbürgermeister, an unzählige Petitionen von Kaufleuten und Handwerkern — und dieser Brodneid beherrscht Euch noch heute. Ihr könnt' es nicht ausstehen, daß ein Jude neben Euch ein Stück Brod, ein Stück gesellschaftlicher Stellung oder gar ein Aemtchen haben soll! Diese Mißgunst wohnt auch in Denen, welche selbst mit Gütern, Ehren und Aemtern genügend gesegnet sind — um wie viel mehr in Denen, tvelche daran Mangel haben. Ein verfehlter Journalist wird nicht seinem eigenen Mangel an Talent oder seinen persönlichen Ausschreitungen seine Mißerfolge zuschreiben, sondern nur über den Nachtheil einer Handvoll jüdischer Journalisten Zeter schreien. Woraus ist denn die Gleichstellung der Juden geflossen? Etwa aus dem Gerechtigkeitsgefühle der Einzelnen, namentlich in den höheren Elasten? Wir bezweifeln dies. Die Principien, aus denen der moderne Staat erwachsen ist, verlangten sie gebieterisch. Der letztere konnte sich nicht länger selbst verleugnen, sich selbst in Frage stellen. Jetzt nun kommt es Einzelnen, ja vielen Einzelnen, gar nicht darauf an, diese Principien zu verleugnen, und ein Mensch, der sein Lebelang in radicalen Principien „gemacht" hat, erklärt das Princip der Gleichheit des Bürgers vor dem Gesetze fiir einen Sieg des Judenthums über das Gerinanenthum!!! Doch dies sei genug. Wenn wir nicht wüßtendaß die Judenfeinde sich selbst der Erzeugniste des Blödsinns bemächtigen, wenn in denselben etwas enthalten ist, was sie benutzen könnten, würden, wir uns kaum mit des Herrn Marr Broschüre so lange beschäftigt haben, da sie in allen ihren Theilcn gar zu sehr an's Lächerliche und Alberne streift. Die Gleichstellung -er Culte in Preußen. Die bürgerliche und staatsbürgerliche Gleichberechtigung in Preußen wurde durch die Verfassung vom 3 U Januar 18f)0 verbürgt, jedoch von dem Ministerium der Reactionszeit durch die Interpretation umgangen, daß die bez. beschränkenden Bestimmungen des Judengesetzes vom 23. Juli 1847 als eines Spccialgesetzes noch in Geltung seien. Mit dem Sturze dieses Ministeriums wurde diese Interpretation beseitigt und durch das Vundesgesetz vom 3. Juli 186t) unmöglich gemacht. Dennoch sind wir von der Gleichstellung der Eulte, die aus jenen Versastungsbestimmungen in logischer Weise fließen sollte, noch weit entfernt, und haben sie uns Schritt vor Schritt zu erkämpfen. Nicht allein, daß die jüdische Neligionsj,emeinde vom Staate keinerlei Subvention erhält, lasten auf ihr noch Ausschließungen, die unter Umständen recht fühlbar werden, 18*