Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 12 (18.3.1879)
- Date
- 1879-03-18
- Page
- Seite 178 (sequence 2)
- Language
- German
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178 selbst den Judenfeinden, die o? sonst mit Jubel begrüßt hätten, unsympathisch machen werden. Denn das ist selbst diesen zu viel. Sogar die „Germania" weiß deshalb nichts daraus zu machen (s. Nr. vom 5. März), und belobt nur, daß der Verfasser die Juden der Theitnahme am „Culturkampfe" bezichtigt; und im Gegentheil bemerkt ein Hamburger radicales Blatt von demselben Datum, daß der Verfasser seine Schrift besser nicht geschrieben hatte, denn das gerade Gegentheil sei wahr, „der vorgeschrittene Culturstaat sauge das Judenthum auf", wie England. Frankreich und Nordamerika bewiesen. — Die ganze geschichtliche Auffassung des Herrn Marr beruht auf der irrigsten, befangensten Ansicht. Die Juden haben durchaus keinen Kampf gegen den gesummten Orient geführt. Ein Volk, das anderthalb Jahrtausende in seinem kleinen Binnenland besteht und niemals die Waffen über seine Grenzen trägt, sondern nur die Feinde, die sein Land überfluthen wollen, abzuwchren sucht, ist wahrlich kein Volk, das den ganzen Orient bestreitet. Auch sind weder die Aegypter, noch Assyrer und Chaldäer, weder die Perser noch die Macecedonier und Syrer ausgezogcn, um Israel zu bekämpfen und niederzuwerfen. Sie fanden nur auf ihren gewaltigen Kriegszügen zur Erwerbung der Weltherrschaft auch das kleine Israel vor, das sie demnach ebenfalls unterwerfen wollten, und hierbei auf mehr oder weniger Widerstand stießen. Dazu gehörte weder Haß von Seiten der Eroberer, noch Streitlust von Seiten des kleinen Völkchens. Auch standen die Juden friedlich fast drei Jahrhunderte unter der Oberherrschaft der Perser, weiterhin unter der der Syrer und der Römer, und nur als dieser Beider Herrscher die Religion Israels antasteten, erhob es sich siegreich gegen die erfteren, zu bitterer Niederlage gegen die letzteren. Von einem Kampfe gegen den ganzen Orient und von einem Hasse desselben kann daher gar nicht die Rede sein. Dazu war auch das Völkchen zu unbedeutend. Ebenso gut könnte man sagen, daß die Schweiz von ganz Europa gehaßt sei, weil sie im Laufe der Zeiten von den Burgundern, den Oesterreichern, den Franzosen angegriffen wurde und sich mannhaft vertheidigte. Hiermit fallt schon die ganze geschichtliche Basis des Herrn Marr zusammen, und sein Wahngebilde von der, durch die Juden stetig geplanten Weltherrschaft erweist sich als der Traum einer überhitzten Phantasie. Schon Moses weist ihnen die engsten natürlichen Grenzen und die Existenz eines ackerbauenden Volkes an, und diese überschritten sie niemals. Die furchtbaren Erschütterungen des Orients seit Alexander, welche Niemandem mehr ein friedliches selbstverständlich auch Marr gehört, den willkürlich ausgeschlossenen, blutig verfolgten, auf jede Weise verhöhnten und gemißhandelten Stamm, noch dazu recht bitter schmähen, beschimpfen und verdächtigen wollen, oder, wie es Andere thun, der geschichtlichen Gerechtigkeit zu genügen suchen. Wer die socialen Verhältnisse der Juden im römischen Reiche vor dem Siege des Christenthums unparteiisch beobachtet, wer die allmälige Beraubung kennt, welche die christlich-römischen Kaiser seit Constantin an den Juden hinsichtlich ihrer bürgerlichen Rechte und Stellung vollzogen, und die Beschlüsse schon der ersten Concilien gegen die Juden liest — der weiß, von wem der Kampf ausging und was dessen Zweck und Ziel gewesen. Die semitische Race des Handels- und Schachergeiftes zu beschuldigen, dazu, gehört das ganze arische Vorurtheil. Denn wer sind die großen, und nach unserer Ansicht um die Civilisation hochverdienten Handels- und Schachervölker, wenn nicht die Venctianer, Genuesen, Portugiesen, Holländer und Engländer? Und haben diese durch ihre Handelscolonieen nicht stets auch die. Unterwerfung, zum Theil auch die Vernichtung der Völker bezweckt und erreicht, die sie mit ihrem Handelsnetze umsponnen hatten? Fürwahr, es erscheint Einem doch sonderbar, daß man deutschen, wenn nicht Gelehrten, doch Gebildeten stets die ersten Lectionen der Geschichte wiederholen muß, während sie doch den kleinsten geschichtlichen oder geographischen Jrrthum Schriftstellern anderer Völker höhnisch vorwerfen! — Doch dies ist nicht die Hauptsache. Diese ist Herrn Marr die Behauptung, die Juden hätten bereits die ganze Herrschaft über ganz Europa, namentlich aber über Deutschland an sich gerissen. Diese lächerliche Behauptung ist nicht neu und bereits schon so oft abgeleiert, daß sie allmälig ihren Stachel verloren, hat, da schließlich der thatsächliche Beweis immer ausbleibt. So weit hat sich aber noch Niemand verstiegen, wie W. Marr, der mit dem Schmerzensruf endet: „Finis Gcrmaniac!“ Fragt man sich einfach, worin denn die Herrschaft der Juden sich bekunde? so sieht man sich vergebens im Bereiche des Thatsächlichen um. Außer einem badischen Finanzminister existirt vom jüngsten Regierungsrathe an in allen deutschen Negierungen und der deutschen Neichsregierung kein einziger Jude. Wenn in einigen Collegien hier und da ein Abkömmling eines getauften Juden sitzt, was geht dies die Juden an? und welche Verbindung besteht zwischen jenem und diesen? Bekanntlich sind solche Abkömmlinge getaufter Juden den Juden selbst in der Regel sehr abgeneigt. Der gesummte Grundbesitz ist bis auf einen verschwindenden Bruch- Leben gestalteten, ivaren es, welche schon Jahrhunderte vor theil in den Händen der Christen, und Juden besitzen nur Titus Millionen Juden über die damalige Culturwelt zer- einige Häuser in den Städten, deren Anzahl kaum das numestreuten, und Titus, Hadrian und Spätere vollendeten nur'rische Verhältniß der Bevölkerung erreicht. Ebenso nehmen dies Werk. Ueber die Geschichte der Juden in Europa bis 1 die Juden an dem Handwerkerstande nur einen sehr verhältnißzur neueren Zeit ist freilich ein Mißverständniß nicht möglich? mäßigen Antheil. Die große Industrie hat noch lange nicht Es kommt nur darauf an, ob gewisse Schriftsteller, zu denen'so viel Juden aufzuweisen, wie das numerische Verhältniß