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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-03-11 · Heft 11 (11.3.1879) · p. Seite 171

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 11 (11.3.1879)
Date
1879-03-11
Page
Seite 171 (sequence 11)
Language
German
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171 wird sich bald Verbeirathen und mein jüngster Sohn ist in! einem Geschäft. Er bekommt 4 Dollar die Woche." „Nun, dann können Sie sich sicher über Amerika nicht beklagen; so leicht hätten Sie in Jassy oder Fokschan fünf Kinder nicht! versorgt." „Nein, ich murre auch nicht. Wenn meine Tochter' erst verheirathet ist, brauche ich nicht mehr so weit fort von 1 meinem Hause hausiren zu gehen. Dann werde ich nur kurze! Reisen in der unmittelbaren Nähe machen und das wird mich und meine Frau sehr leicht ernähren." „Warum hausiren Sie nicht mit ettvas werthvolleren Artikeln?" „Weil diese zu schwer sind, die kann ich nicht tragen."- „Warum haben Sie nicht lieber das Handwerk fortgesetzt, das > Sie zu Hause betrieben?" „Weit ich erstens die Sprache nicht verstehe; dann weil meir- Art und Weise hier nicht anerkannt wird. Ich bin zu alt, um Neuerungen zu lernen, denn ich bin jetzt 69; ich bin zu alt, um ein Emgeborener zu werden." „Würden Sie ein Geschenk anuehmen? Bitten Sie jemals um Unterstützung?" „Nie, Ich verlange nie Almosen, noch nehme ich solche an, nicht einmal ein Unterkommen umsonst. Wenn ich an einen neuen Platz komme, frage ich nur um die Erlaubnis mit meinen Waaren zu hausiren, welche Erlaubniß ich gewöhnlich erhalte. Ich hoffe, ich brauche nie zu betteln, wie ich noch nie gebettelt habe." „In welchem Hause wohnen Sie hier?" „In einem deutschen Gasthvfe von Herrn —. Ich bezahle 25 (Sent§ für die Nacht und kaufe mir mein kaltes Esten selbst. In Buffalo bot man mir ein halbes Fahrbillet an, als einem armen Manne. Ich schlug es aus." „Können Sie nicht andere Kleidung haben? Fühlen Sie sich denn in dieser behaglich?" „O ja, zu Hause) wo meine Kinder sind, trage ich gute Kleider; zum Hausiren im Lande halte ich diese für gut genug, sie halten mich lvarm; ich muß für meine noch zu verheirathende Tochter sparen." Ich wandte mich um, um eine Thräne zu trocknen, es war mir wie Joseph zu Muth, sein fortwährendes Sorgen für seine Kinder war wirklich rührend. So dreht sich die Magnetnadel zum Pol. So wacht der Adler über sein Nest und trägt seine Jungen unter seinem schützenden Flügel. Diese Unterredung fand im jüdisch-deutschen Jargon statt, in kurzen, klaren, lebhaften und logischen Sätzen, voll hebräischer Citate und midraschischer Gleichnisse, oft sogar citirte er ganze Stellen aus Raschi und anderen Commentatoren. Don moderner Bildung hatte er keine Ahnung — der Mann eines anderen Jahrhunderts, er schaute ruhig in die halbgeöffnete Thür der Gegenwart „Uebten Sie jemals irgend eine geistliche Function aus? Waren Sie jemals Dorbeter, Schächter oder so Etwas?" „Nie. Ich bin rin Handelsmann und ein Handwerker. Auf einen Gelehrten mache ich keinen Anspruch." „Lernten Sie in Ihrer Jugend in der Schule jemals j Talmud?" „Ein wenig." Ich nahm einen Band vom Talmud vom Bücherrück herrunter. Es war die Abhandlung „Sanhedrin." Ich forderte ihn auf, vorzulesen, indem ich auf die erste Stelle zeigte, die ich zufällig öffnete. Er las sehr geläufig und ohne sich zu besinnen. Seine Betonungen und Gesten bezeugten, daß er einst mit rabbinischen Studien ganz vertraut gewesen. Es soll mich wundern, ob er nicht eines Tages noch ein. Reverend werden wird! „Ich hoffe. Sie werden eine Tasse Kaffee annchmen?" „Das werde ich." „Trinken Sie einstweilen ein Glas kaltes Master, dann werden Sie ein Stück warmes Fleisch annehmen.^ Hier richtete er seine Augen halb fragend, halb mißtrauisch auf mich. „Das Fleisch, das ich Ihnen anbiete, ist „koscher" und ganz in Ordnung; darüber können Sie ruhig. sein." „Ist es wirklich koscher?" fragte er bittend. „So gewiß, lute irgend Etwas in Amerika koscher ist. Wir haben einen besonderen orthodoxen Fleischer; ein Thier, das von seinem frommen Messer getödtet ist, wird nie wieder aufleben." So beruhigt, nahm er es än; trank seinen Kaffee und sein obligatorisches Wasser. Nun stellte ich das Fleisch vor ihn hin, wobei ich bemerkte, daß ich ihn bei Tische bedienen wolle, wie Abraham es mit seinen himmlischen Gästen gethan, obgleich Rumänien sehr weit vom Himmel entfernt sei; da bemerkte ich von Neuem eine Unruhe in ihm. „Was giebt es?" Er murmelte ganz demüthig, indem er seine bittenden Augen auf mich richtete: „Verzeihen Sic, mein Herr; ich habe mich noch me zum Essen hingesctzt, ohne vorher meine Hände zu waschen." „O, da-haben Sie recht. In Amerika vergißt man das, es giebt eine solche Menge ungewaschener Thaten und Hände auf unserer Halbkugel. Hier, lieber Freund, hier ist Wasser." Er wusch seine Hände, brach sein Brod mit dem üblichen Segensspruch und war „glücklich in seinem Glauben." All' seine Scrupeln waren nun überwunden. Er aß tüchtig, doch bescheiden. An der Art, wie er aß, konnte man nicht sehen, daß er seit Tagen nichts Warmesgenossen hatte. Er zeigte viel Sinn für Reinlichkeit und Anstand. Es war das alte rabbinische Anstand (dercch erez;) er aß langsam, mit häufigen Pausen, leerte nie ganz die Schüssel, unterbrach seine Mahlzeit mit Citaten aus den biblischen Auslegungen und Midrasch; erzählte mir von seinen Sorgen und Freuden, seinen verschiedenen Erlebnissen in der alten und neuen Welt, seinem persönlichen „Aegypten mit den Ostcrkuchen und bitteren Kräutern"; von seiner Gemeinde und dem Gottesdienst in Cincinnati und vor Allem von seiner Familie, den Mitgliedern seines vervielfältigten zweiten Ich. „Was ist Ihre Meinung über unseren Reformgottesdienst? fragte ich ihn. „Nun", antwortete er sehr ruhig, meine Kin«

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