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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-03-11 · Heft 11 (11.3.1879) · p. Seite 172

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 11 (11.3.1879)
Date
1879-03-11
Page
Seite 172 (sequence 12)
Language
German
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172 der mögen zu jeder ihnen beliebigen Synagoge gehen und thun dies auch, ich finde keine Sünde darin, auf Englisch zu beten. Ter Neformgottesdienst ist sehr eindrucksvoll. Ich.habe ihm manches Mal beigcwohnt. Ich, ein Mann von 6!) Jahren, habe nur hebräisch gebetet, ich gehe gewöhnlich in die alte „Schul" ( Synagoge.) Meine .(linder werden zur neuen gehen. Darüber habe ich keinen Kummer." Schließlich fragte ich ihn nach dem Zustande seiner Glaubensgenossen in seiner Hcimath. Zu meinem Erstaunen fand ich ihn ganz ohne Leidenschaft. Er glaubte, die große Masse der Rumänicr hege keine. Feindschaft gegen die Juden. Die ganze Verfolgung werde künstlich hervorgerufen. Das Volk werde von heuchlerischen absichtlichen Demagogen aufgehetzt. Die theoretische Frage, ob Freiheit oder nicht, verstand mein Mann nicht recht. Schutz der Person und des Eigenthums ist Alles, was er verlangt. Als .(lind eines anderen Zeitalters versteht er nicht das krankhafte Verlangen, die edlen Bestrebungen, die Befürchtungen, die Hoffnungen, die Eifersüchteleien und die Dualen der jetzigen Generation. Zu 6-l Jahren in's Exil getrieben, als bescheidener Handelsmann ein klägliches Brod verdienend; fortwährend der Kälte und der Hitze, dem Hunger und dem Durste ausgesetzt; weit tveg von den Seinen; seine Waare von Thür zu Thür anbietend; seinen Hunger mit Brod und Wasser befriedigend; von Nacht zu Nacht sein Lager wechselnd, ein Fremder in einem fremden Welttheile, dessen Sprache er nicht versteht; von Jedem kalt, gleichgültig, fast zornig angesehen, als wandernder Jude wegen seiner Kleidung, seines Aussehens und seiner Sprache erkannt; als Siebzigjähriger wie ein schiffbrüchiges Wrack an eine unbekannte Küste geworfen — all' dies fühlt er lebhaft und doch ist er rcfignirt. Seiner rumänischen Verfolger gedenkt er fast ohne Groll. Er, der thätige, ehrliche, nützliche Bürger wurde ansgcstoßen; sie, die faulen, müßigen, spielenden Demagogen, die Blutsauger leben zu Hause in einem üppigen ckoleo iar niente; verzehren das Fett des Landes; schwelgend in Ausschweifung und tollen Streichen; dabei suchen sie die Augen Europas in Betreff des Zustandes des Landes zu täuschen; treten seinem Fortschritte entgegen, indem sie dummer Weise jeden Anspruch, jeden Wetteifer unter seinen verschiedenen Nationalitäten ausschließen; wie Spanien am Schlüsse des Mittelalters, so. beeinträchtigen sie Rumäniens Zukunft, indem sie den gesündesten Theil seiner dringend nöthigen Bevölkerung feindlich vertreiben, und dies am Ende des neunzehnten Jahrhunderts; sie versuchen, ein so junges, uneiniges Land durch den Ruin, das Blut und die Thränen des nützlichsten Theiles seiner Einwohner aufzubaucn, indem sie Vorurtheile, Eifersüchteleien und Verdächtigungen im Namen, der Religion, der Nace und der politischen Oeconomie befördern, wie im Zeitalter von Ferdinand von Spanien und der Inquisition. Das Gewicht alles Dieses fühlte mein rumänischer Gast wohl, wenn auch nicht in klaren Worten, so doch in schmerzlicher, düsterer Empfindung, und bei alle dem sprach er mit Nuhc von den Verfolgern seiner Brüder. Er entschuldigte sie fast. Er glaubt: „Sogar die Bojaren, die Aristokratie wünschen den Wegzug der Juden nicht. Sie wollen ihnen nur das Recht des Grunderwerbs entziehen." Das ist die Sache. Die Adeligen wollen ihr Erbe vergeuden und es doch behalten. Sie brauchen das Geld der Juden und wollen ihren wirklichen Besitz zurückbehalten. Und er, der Enterbte, spricht von diesen Abnormitäten mit Aeäßigrmg. Er entschuldigt fast jene verrottete byzantinische Oligarchie, jene „Fanarioten" oder Barone türkischer Mache. Er, der wandernde Jude, „segnet jene, welche ihm fluchen", leidet ruhig für die Sünden seiner Verfolger. Der intelligente Leser wird sich genau erinnern, daß wir hier nur reine Thatsachen berichten und nichts Erfundenes niederschreiben. Er wird auch erkennen, daß unser Emigrant ein Durchschnitts-westeuropäischer-Jude ist, und keine Ausnahme von der Regel. Die Einfachheit seiner Worte und seines Benehmens erweist ihre Aufrichtigkeit und Wahrheit. Sie beweist auch die Aebereinstimmung mit seinen Leidensbrüdern in Rumänien. Mein Besucher bringt uns von Neuem zu dem Gedanken, daß die rumänischen Emigranten für Amerika eine höchst wcrthvolle Acquisition sein würden, sollten sie sich dazu entschließen, hier «ne gastfreie Heimath aufzusuchen. Die ursprüngliche Frömmigkeit, Einfachheit und Mäßigkeit der Puritaner, welche in Plymouth Rock landeten, würde noch einmal in dieses Land durch solche südeuwpäische Uebersiedler gebracht werden, denn solche Tugenden gehören zu dem Grundstock der alten hebräischen Eigenschaften. Da es nur Ivenige wirkliche hebräische rumänische Emigranten in diesem Lande giebt, wird diese Skizze intereffant und lehrreich sein. Man wird daraus ersehen, daß sie nicht eine Menge barbarischer, fauler, «nivissender und fanatischer Feinde der Civilisation und für das praktische Leben unbrauchbar sind; sondern im Gegenthcil, daß sie sehr große primitive Tugenden besitzen, welche gerade sehr nochwendig zum Aufbau eines Landes sind. Während ihre schwachen Seiten und ihre Mängel das Ergebniß der Mßrcgierung, ihrer socialen Ausnahmestellung und des Varbarismus ihrer Gesetzgeber sind, sind ihre Tugenden ihr Eigcnthum; ihre Lage und ihre Laster sind ihren Feinden zuzuschreiben. Ja, ihre verdorbenen regierenden Elassen sind zu tadeln wegen des allgemeinen Zurückbleibens des Landes, lvährend die donauländischen Juden die schönsten Hcrzenscigenschastcn zu besitzen scheinen, denn sie arbeiten unter großen Schwierigkeiten und werden nichtsdestoweniger von edlen Grundsätzen aufrecht erhalten..

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