Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 11 (11.3.1879)
- Date
- 1879-03-11
- Page
- Seite 170 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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170 gehabt hat. Ties waren also die christlich-socialistische Partei und ihr Sccretair, die in ihren Versammlungen so viel gegen die Juden geschimpft haben und hierin eine ihrer Hauptaufgaben fanden. — Man schreibt uns aus Altona vom 26. Febr.: Herr Louis Falk, der Sccretair der hiesigen Hochdeutschen Jsraelitengcmeinde, eine wegen seiner Tüchtigkeit und Gelehrsamkeit in jüdischen wie nichtjüdischen Kreisen hochangesehene Persönlichkeit, feierte am 23. Febr. sein 25jähriges Dienstjubiläum. Aus allen Kreisen hiesiger Bevölkerung wurden dem Jubilar bei dieser Veranlassung Ovationen zu Theil. Unter anderen Geschenken wurde demselben vom Vorsitzenden des Vorstands und dem Vorsitzenden der Repräsentanten ein größeres Werthpapier Namens der Mitglieder der beiden Collegien überreicht. Eine hebräische Ansprache des Oberrabbiners hiesiger Gemeinde erwiderte der Jubilar in fließendem Hebräisch. I e u i lt e t o n. Lin rumänischer Emigrant. Erie, Pa. 3. Januar. Anbei erhalten Sie den „Pittsburgh Commercial“ von gestern. Der darin veröffentlichte Artikel rührt vvn einer, seit 15 Jahren hier tbätigen rabbinischcn Autorität her, welche sich in der öffentlichen Meinung durch ihre Wahrheitsliebe und Humanität ein großes Ansehen erworben hat. Die Nedaction des Pittsb. Coimn. tritt in einer redactionellen Note selbst als Bürge hierfür ein. — Tie folgenden Zeilen sollen eine wahrheitsgetreue Schilderung eines rumänischen Juden geben, der vor fünf Jahren, im Alter von 64 Jahren, nach den Vereinigten Staaten auswanderte und jetzt den Schnee von 69 Wintern auf seinem Haupte trägt. Ein nunänischer Jude vom reinsten Typus der alten Schule und einer vergangenen Zeit, der nie eine öffentliche Schule oder Universität besuchte und nie die inneren Räume eines Opernhauses erblickte. Seit ich Bukarest verlassen, begegnete ich keinem solchen Vollblutsdonauländischen Glaubcngenoffeu. Mit dem Eifer eines Künstlers ergriff ich sofort den Bleistift, um ein tac simile jenes, auf unserer Halbkugel so seltenen Emigranten zu entwerfen. Ich that es nur pro bono jmblico. Ter Leser wird erkennen, daß viele unserer üblichen Besorgnisse und Zweifel vollkommen grundlos sind, daß der südcuropäische Jude seinem westlichen Bruder an sich gleich steht, daß seine höheren, wie niedrigeren Eigenschaften nur die Ergebnisse seiner Ausnahmsstellung sind; daß er bei seiner schlichten äußeren Erscheinung Eigenschaften und Tugenden besitzt, welche die Achtung, Sympathie und Bewunderung des Vorurtheilslosen erheischen. Was nun die Aechtheit der Photographie betrifft, so glaube ich, daß die Wahrheit ihren eigenen Stempel und Siegel an sich trägt. Und nun, freundlicher Leser, zu unserer Aufgabe. Jnr Laufe der vergangenen Woche befand ich mich eines Nachmittags in meinem Studierzimmer, als ich die Hausglocke schellen hörte. Es war ein etwas zögernder, schwächer Ton, wie von einer zaghaften, zweifelnden Hand verursacht. Bald erschien ein Mann, er trug einen ungeheuer großen Korb mit Schwänunen am rechten Arme und ein Bündel Schaffelle in seiner Linken. Er verbeugte sich tief. „Herr," sagte ich schnell, ich kaufe nichts, noch verkaufe ich irgend Etwas." „Deshalb komme ich auch nicht," erwiderte er, „ich bin ein rumänischer Jude und tvollte Sie aufsuchen." „Wenn es sich so verhalt," versetzte ich, „dann stellen Sie gefälligst Ihre Maaren in die Vorhalle und treten Sie in mein Zimmer ein." Er that es. Er war ein Mann in vorgerücktem Alter; ein wirklicher, lebendiger Typus des wandernden Juden, von kräftiger Gestalt, groß und gut proportionirt, durch Arbeit abgehärtet, mit grauem, nicht weißem Haar; mit hoher und tief gefurchter Stirn, seine Haut war wettergebräunt und dunkel, seine Augen grau, klein, tiefliegend, durchdringend; er war schüchtern, doch ruhig.; Mund und Nase zeigten Kraft an; seine Haltung war aufrecht, fest, vom Alter kaum beeinflußt. Seine Kleidung war sehr, dürftig, Nock und Hosen von zweifelhafter Farbe, voll Flicken, doch ohne Flecken oder Riffe. Der allgemeine Eindruck, den er machte, war der eines hart arbeitenden, unbemittelten Handelsmannes oder Handwerkers, durchaus nicht der eines Bettlers (Schnorrer! oder noch weniger der des wohlbekannten Hausirers. „Nehmen Sie Platz", sagte ich, „und seien Sie willkommen." Er setzte sich nieder mit der üblichen Antwort. Ich redete ihn in rumänischer Sprache an. Er antwortete sehr geläufig. „Wie lange sind Sie von Rumänien fort und wo leben Sie jetzt?" fuhr ich auf deutsch fort. Fünf Jahre. Ich lebte zuerst in New-York; jetzt wohne ich in Cincinnati. „Wer ließ Sic in einem solchen Alter auswandern?" „Consul Peixotto." „Konnten Sie nicht dort bleiben? Kann Rumänien seine Kinder nicht ernähren?" „Das war es nicht. Aber ich glaubte, Amerika biete meiner Familie eine sicherere Zukunft." „Bedauern Sie Ihr Herkommen? Finden Sie Ihr Vrod hier?" Ich bedauere es nicht; ich finde durch harte Arbeit mein bescheidenes, aber ausreichendes Brod. „Was war dort Ihr Geschäft?" „Ich war Maurermeister. Ich hielt auch einen Laden, als ich von meinem Compagnon bestohlen wurde. Da ich eine Familie von fünf Kindern hatte und die Feindseligkeiten dort sehr groß waren, folgte ich dem Rathe des Consuls und ging nach Amerika." „Wie geht es Ihrer Familie?" „Drei von ihnen sind verheirathet; meine jüngste Tochter