Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 11 (11.3.1879)
- Date
- 1879-03-11
- Page
- Seite 164 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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164 in dcr Regel das Jntercffe für Judenthum auf, weil sie nichts mehr davon zu hören bekommt." Dies ist doch Wohl zu viel gesagt — giebt es denn keinen jüdischen Gottesdienst, wohl auch mit Predigt? Brniinslhwcig, den 26. Februar. Von Landrabbiner 7»r. Herzfcld. In Ihrer geschätzten Zeitung vom 18. d. M. findet sich eine Mittbcilung aus Leipzig, zufolge welcher in mehreren namhaft gemachten Orten und kleinen Staaten von Nord- und Mitteldeutschland eine Menge jüdischer Kinder ohne allen Religionsunterricht bleibe und zum Theil den christlichen Religionsunterricht besuche; dann ist hinzugcsetzt, daß die Nachrichten aus Oldenburg, Braunschweig und Anhalt ähnlich lauteten. Ich fühle mich gedrungen, zu entgegnen, das; diese Angabe wenigstens in Bezug auf das Herzogthum Braunschweig mir unerklärlich ist. Freilich ist hierin auch bei uns wie überall noch so Manches bisher nicht zu erreichen gewesen, aber in diesem Ländchen besucht kein einziges jüdisches Kind den christlichen Religionsunterricht, und kein einziges ist gcnöthigt, ohne allen jüdischen Unterricht aufzuwachsen. In der Stadt Draunschwcig ist eine dreiclassige Religionsschule mit vier Lehrern.' in Wolfenbüttel und Seesen befinden sich weithin bestens renommirte Institute, in W. die Samsonschule, in S. die Jaeobsonschule und die Schule des Jacobson'schen Waisenhauses, welche letztere auch nichtverwaistcn Kindern zugänglich ist; in den übrigen Gemeinden des Landes sind Religionslehrer angestellt. Nun finden sich daneben allerdings in nicht wenigen Ortschaften Juden in so geringer Zahl und in so beschränkten Umständen, das; sie einen Lehrer anzustellen nicht vermögen: aber diesem Uebelstande wurde seit 2-'r Jahren in den verschiedensten Weisen, je nach der Sachlage, insoweit abgeholfcn, das; auch von deren Kindern keinem einzigen die Gelegenheit fehlte, theils genügenden, theils wenigstens einigen Religionsunterricht zu erhalten. Wie dies bewerkstelligt wurde und tvird, lassen Sie mich in möglichster Kürze angeben, denn cs möchte rathsam sein, daß in dieser vitalen Angelegenheit Jeder seine Versuche, seine Erfolge wie Mißerfolge und überhaupt seine gemachten Erfahrungen mittheilc. Der leidige Geldpunkt spielt auch hierin die größte Rolle, deshalb will ich von diesem zuerst berichten. l.sf>3 gelang es,' „zur Beschaffung jüdischen Religionsunterrichts für die Kinder auf dein Lande" eine Eaffe zu begründen, indem hier und zum Theil auch in den Landgemeinden die Wohlhabenden bewogen wurden, zu dem genannten Zwecke freiwillige Beitrage zunächst ans drei Jahre zu zeichnen; nach Ablauf dieser Zeit zogen sich die Zeichner der Landgemeinden hiervon zurück, die Meisten derselben hatten ja auch in der That schon an den Kosten ihrer eigenen religiösen Bedürfnisse schwer genug zu tragen, aber die hiesigen hielten auch ferner treu aus. Sodann wurden die Juden einiger durch Eisenbahn verbundenen Ortschaften bewogen, gemeinschaftlich einen Lehrer zu halten, und die h. Negierung wurde dafür gewonnen, diesen Lehrern für ihre amtlichen Reisen freie Fahrt zu gewähren; und als sich nach einigen Jahren zeigte, daß eine solche Verbindung der Juden ztveicr Ortschaften selten von Dauer ist, ließ sich die Regierung bereit finden, den Betrag des erlaffenen Jahrgeldes baar auszuzahlen, und überließ mir, ihn „zu jüdischem Religionsunterricht auf dem Lande" nach eigenem Erineffen zu verwenden; leider besteht er nur in 147 Mark jährlich. Unsere Mittel für diesen Ztvcck wuchsen aber später von zwei Seiten her. Eine verrnögende Wittwe (die sel. Frau Fleurette Hertz) hatte in ihrem Testament eine ansehnliche Summe dazu bestimmt, das; von deren Zinsen armen jüdischen Mädchen dieses Landes crinöglicht wrrde, eine nährende Beschäftigung zu erlernen; und als in den nächsten Jahren constant sich zeigte, daß hiervon der jährliche Zinsertrag nicht absorbirt werde, wurde beschlossen, den Uebcrschus; zu den Zwecken jener Caffe zu verwenden. Sodann fiel ans dem Nachlasse eines reichen Herrn eine gleichfalls ansehnliche Summe einer unserer Wohlihätigkeitsanstalten zu, und weil diese ohnehin gut funbirt ist, wurde beschlossen, daß auch von dem Zinserträge dieser neuen Erwerbung ein Theil zu dem in Rede stehenden Zwecke bereit gehalten werden solle. So war und ist denn hierin der Geldpunkt genügend erledigt. Verwendet aber wurden und werden diese Gelder in folgender Weise. Einer armen Gemeinde wurde Jahrzehnte hindurch zu dem Gehalt ihres Lehrers ein namhafter Beitrag gewährt. Die ländlichen Inden, welche in der Nähe einer Gemeinde wohnen, schicken ihre Kinder in die dortige jüdische Schule, und die ärmeren erhalten von uns das Schulgeld hierzu;-' wohnen sie entfernter, so geben wir Kinder derselben in Pension, theils in der ihnen nächsten Gemeinde, theils nach Seesen, eines der dortigen jüdischen Institute zu besuchen, und zwar nach Umständen bald bei Scesener Privatleuten, bald zu ermäßigtem Preise in dem Waisenhause. Selbstverständlich tvird daneben versucht und zuweilen auch erreicht, solchen Kindern Ausnahme in diese Institute als Freischüler zu erwirken. ^Weil aber in den. letzteren Weisen. besser für die Knaben als für die Mädchen gesorgt tverden kann, haben wir seit Jahrzehnten die Einrichtung, daß Mädchen vom Lande, welchen in keiner anderen Weise.Religionsunterricht verschafft werden konnte, zu 13 oder 14 Jahren hierher genommen worden, an einem Consirmandenunterricht und an dcr Consirmation mit tbeilzunchmen, sowie natürlich daneben noch anderweitigen Unterricht zu erhalten: sie erhalten Logis, Kost, Unterricht, Bücher , zum Theil auch Kleidung, sie werden fast als Gäste der Gemeinde betrachtet und behandelt, und ihnen tverden gewöhnlich auch die Prämien aus folgender Stiftung überwiesen: die erwähnte Frau Hertz hatte eine fernere Summe dazu ausgesetzt, daß von deren Zinsen jährlich zehn Consirmanden ohne Unterschied der Confession je 30 Mark erhalten.