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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-03-11 · Heft 11 (11.3.1879) · p. Seite 162

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 11 (11.3.1879)
Date
1879-03-11
Page
Seite 162 (sequence 2)
Language
German
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162 letzteren sich von den eigentlichen Orthodoxen in Wesen, Treiben nnd selbst im Eultus vielfach schon unterscheiden, so sehen diese solche Glaubensgenossen, die manche oder viele tradirte Satzungen übertratcn, wohl als Sünder an, welche die göttliche Strafe auf sich ziehen, aber niemals als Nichtjuden, und können dies auch nicht auf talmudisch-rabbinischem Boden; sie mögen ihnen als' „schlechte Juden" gelten, aber keineswegs als außerhalb des Judcnthums stehend, mit denen jede Gcmcinsamkeit aufzuheben wäre, sondern sie betrachten und behandeln sie in jedem einzelnen Falle als echte Juden. Ebenso wenig vermögen dies die Reformer. Sie, die alle früheren Phasen des Judenthums als solche und als vollberechtigte in ihrer Zeit anerkennen, mögen inuncrhin diejenigen, welche der früheren Gestaltung des Judenthums in strengster Observanz anhangen, in mancherlei Dingen für veralteten Glaubens, selbst für abergläubisch, der höheren Auffassung des geklärten Judentums fremd erachten; sie mögen selbst manche Individuen, die sich mit Ostcntalion bigott benehmen, für Heuchler halten, aber sie toerdeu und können niemals ihren Glaubensgenossen der verschiedensten Richtungen die volle Berechtigung ihrer religiösen Ueberzcugung absprechcn. Wir finden gegenwärtig in manchen Ländern die Gemeinden in orthodoxe nnd reformistische gespalten und neben einander an denselben Plätzen bestehen. So in Amerika und in Ungarn. In der neuen Welt ist dies naturgemäß vor sich gegangen, da dort eben die Gemeinde» erst neu zu bilden tvarcn, hat. es darum nicht Zwiespalt und Kampf hervorgebracht, hat die freiwillige Gemeinsamkeit in nicht gottesdienstlichen Veranstaltungen nicht im Geringsten gestört und ist dennoch Schuld an einem so überaus wcchselvotlen Zustand der Gemeinde. In Ungarn hingegen, wo diese Gestaltung, aus einem Zwiespalt der religiösen Ansichten hervorgehend, die bestehenden Gemeinden zerriß, thut sie dem religiösen Leben unberechenbaren Schaden... I» Deutschland kommt aber hinzu, daß, äußereinigen wenigen größeren, die Gemeinden nur klein, höchstens mittleren Umfanges sind, welche durch eine völlige Spaltung in die größte Roth versetzt werden. Hier geschah es daher, daß, als die Separatisten Jahre lang Negierung und Volksvertreter um ein Austrittsgesetz aus der Gemeinde mit ihren Klagen über Glaubensbedrückung angingen und den Abgeordneten Laster hierdurch für sich gewannen, die ungeheure Mehrheit der Juden si ch gegen sie erhob und die Beibehaltung der bisherigen gesetzlichen Bestimmung«! verlangte. Dennoch kam das Austrittsgesetz zu Stande, und während doch schon ein Austrittsgesetz aus dem Judcrrihume gleich dem aus der christlichen Kirche bestand, wurde dm jüdischen Gemeinden der Parochialztvang entzogen, während dieser den christlichen Kirchen verblieb. Die Juden wurden also mit zwei Austrittsgesetzen beschenkt. Die Separatisten halten ihren Willen, aber haben sie ihren Ztveck erreicht? Gerade das Gegentheil. Sie konnten zlvar :m Preußen) in Frankfurt und Wiesbaden eigene Gcmeinden zu Stande bringen — aber in Frankfurt selbst hat sich nur ein Viertel ihrer eigenen Anhänger von der Muttergemeinde getrennt. Außerdem sind wohl hier und da Einer ultd der Andere aus persönlichen Motiven ausgetreten, aber so verschwindend wenige, das; es eine Beachtung nicht verdient. Der einzige deutsche Staat, der auf das Verlangen der Separatisten dem preußischen Beispiele folgte, war das Großherzogthum Hessen. Aber auch hier haben die Separatisten die Niederlage erfahren, daß sich in Darmstadt ihre Anhänger mit der Muttcrgcmeinde verglichen und bei derselben unter einigen sie begünstigenden Bedingungen verblieben. Das eigentliche Ziel der Separatistenführer, um welches sie sich auch an anderen Orten in der wühlerischesten Weise viele Mühe gaben, völlig getrennte Gemeinden herzustellen, die von dem Grundsätze ausgingen, jede Vcrbindtlng mit ihren übrigen Glaubensgenoffen als sündhaft auszuheben, dieses Ziel, das nichts Anderes bedeutet, als eine eigene Sccte zu gründen, die sich als allein jüdisch ausgebe, dieses Ziel ist gänzlich verfehlt worden — Dank dem Geiste der Zusammengehörigkeit und der Duldsamkeit in den deutschen Juden! Hiermit wollen wir nicht gesagt haben, daß das Austrittsgesetz ganz ohne Folgen geblieben sei und bleiben werde. An sich erhoben sich, wie wir oben bemerkt, die orthodox und die reformistisch gesinnten Gemeinden gleicher Weise gegen das Austrittsgrsetz, denn jene hatten ebenso den Austritt reformistischer, wie diese orthodoxer Mitglieder zu fürchten. Hiermit hatten aber auch beide Richtungen ihr Veto gegen das eigentliche Ziel der Separatistenführer eingelegt. Run war seit längerer Zeit in größeren Gemeinden, tvo die eine wie die andere Richtung zahlreiche Anhänger hatte, das Verfahren cingeschlagcn worden, für beide Richtungen aus den Mitteln der Gesammtgemeinde Sorge zu tragen, wie z. B. in Breslau; oder man hatte, wie in Hamburg, den Eultus im engeren Sinne den speziellen Gemeinden ganz überlassen, und nur für Unterricht, Wohlthätigkeit und Begräbnis; die Gesammtverwaltung der Gemeinde bestehen lassen Wir standen in dieser Zeitung stets auf der Seite Derer, welche, wie in Breslau, für beide Richtungen die Gemeinde dann eintreten sehen wollten, wenn eben jede der beiden eine angemessene Zahl von Anhängern befaßt. Denn nicht das einzelne Individuum, wohl aber ein Bruchtheil der Gemeinde selbst hat das Recht der Berücksichtigung seitens der Gemeinde. Daß nun in anderen Städten, wo eine solche gerechte Ausgleichung noch nicht stattgefunden hatte, das Austrittsgrsetz dazu drängte, erkennen wir willig als eine gute Wirkung desselben an, obschon tvir glauben, daß es auch ohne dasselbe dahingekommen wäre, tveil eben in der Gegenwart das Bewußtsein der Verschiedenheit in der religiösen Anschauung auf allen Gebieten schärfer und das Rechtsgefühl stärker geworden ist. Aber auch die schlimmen Folgen des Austritts-

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