Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 10 (4.3.1879)
- Date
- 1879-03-04
- Page
- Seite 154 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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154 wohlgesinnteste Gesetzgebung zurückhalten, einen Schritt vorwärts zu iyim. So beschäftigen sich z. B. dickleibige russische Bücher noch heute mit der Frage, ob die Juden Chriftenblut zu ihren Ceromonien brauchen? In der Regel bejahen sie dies und nur eine Zeitung „Rowosts" und einige Werke des Herrn Schigarin machen eine Ausnahme und zeigen sich wenigstens nicht feindlich gesinnt. Thatsächliche Dementis machen jene judenfeindlichen Skribenten nicht irre. In jüngster Zeit verbreitete sich im Volke innerhalb der von der Pest heimgesuchten Districte der Wahn, daß die Aerzte die Brunnen vergiftet und hierdurch die Pest hervorgerusen hätten, um desto mehr Geld zu erwerben. In mehreren Dörfern rotteten sich die Einwohner zusammen und mordeten die Aerzte aus die grausamste Weise. Wie? Müssen solche Vorgänge selbst dem Vorurtheilsvollsten nicht überzeugen, auf welchem Wege derartige Wahngebilde entstehen, durch welche die Juden des Mittelalters und in Osteuropa zum Theil noch heute so schweren Verfolgungen ausgesetzt wurden? Aber jene Männer wollen ja gar nicht überzeugt sein, sondern nur ihren leidenschaftlichen Haß befriedigen und ihre bestimmten politischen Zwecke verfolgen. Es nahm uns daher gar nicht Wunder, als wir soeben ein in russischer Sprache erschienenes Buch erhielten: „Die Juden in Südrußland und Kiew im X—XU. Jahrhundert, von Iwan Malvschesfskv." Obschon der Vcrf. sich nicht als ein enragirter Judenfeind erweist, so bringt es doch sein national-russischer und sein kirchlicher Standpunkt mit sich, schon in jener frühen Zeit die Juden als Feinde der Kirche und des Russeiithums darzust.ellen. Ungewarnt von den vielen historischen Beispielen, daß man, um die Juden ärger verfolgen zu können, ihnen ausbürdcte, gegen die Kirche und ihre Hciligthümer zu agitiren, will er aus jener Zeit eruiren, daß die Juden vermittelst Getaufter für ihre Religion Propaganda machen trollten. Es gehört hierzu gewiß eine naive Unkenntnis der wirklichen Verhältnisse und ein crstauneswerther Mangel an jeder historischen Kritik. Ebenso will er Nachweisen, daß schon damals der Handel der Juden dem Volke nachtheilig gewesen tväre. — und dies zu einer Zeit, wo die halbbarbarischen Völkerstämme allein darauf angewiesen waren, den unentbehrlichen Verkehr durch die Juden vermittelt zu sehen! Und dennoch, wie gesagt, können wir mit diesem Werke noch allenfalls zufrieden sein, weil es den feindlichen Geist nicht allzusehr anschwellen und zu maßlosen Uebertrcibungcn kommen läßt. Petersburg, 17. Febr. (Privatmitth.) Das Ministerium der Volksaufklärung hat den: Reichsrathe folgendes Project wegen der israelitischen Melamdim vorgelegt: 1) Melamdim sollen diejenigen Juden das Recht haben, zu heißen, die mit der Belehrung der jüdischen Kinder in der Religionslehre und den Regeln des Gottesdienstes für eine bestimmte Belohnung, wie in Privatschulen, so auch in Privathäusern und eigenen Wohnungen sich beschäftigen. Im letzten Falle soll die Zahl der Schüler nicht höher als 10 sein. Die Melamdim haben das Recht, ihre Schüler bei dem Religionsunterrichte auch in den Elementen der jüdischen Schrift und Sprache zu unterrichten. 2) Melamdim dürfen nur diejenigen Juden sein, dir vom Rabbinat ein von der Polizei beglaubigtes Zeugniß über ihre Rcligionskenntnisse und von der Eivilobrigkeit — einen Sittenschein vorzuweisen haben. Außerdem müffen sie ein Elementarlehrerexamen ablegen. 3) Die Melamdim müffen alljährlich von der Schulobrigkeit ein Billet bekommen, wofür sie 50 Copeken in die für die Bildung der Juden bestimmte Eaffe zu entrichten haben. 4) Melamdim dürfen nur die Nachmittagsstunden zum Unterrichte benutzen, damit die Vormittagsstunden den jüdischen Kindern zum Besuche der allgemeinen Schulen frei bleiben. 5) Mit der Benennung Melamed sind keine besonderen Rechte verbunden. 6) Tie Melamdim und die von ihnen errichteten Schulen für jüdische Neligionslehre und Elemente der jüdischen Sprache stehen nicht unter Aufsicht des Ministeriums der Volksaufklärung, sondern des Ministeriums des Innern. Zugleich mit diesem Projecte hat die beim Ministerium des Innern eingesetzte Commission für jüdische Angelegenheiten ihre Meinung ausgesprochen, daß es unnütz sei, die Rechte der Melamdim zu beschränken, und daß man ihnen im Gegentheil völlige Unterrichtsfreiheit gewähren müsse. Ter Reichsrath wird in diesem Monate die Angelegenheit entscheiden. Ter bekannte russische Judenvertheidiger, Herr Nicolai Schi garin, Verfaffer der Bücher: „Ob die Juden Christenblut nöthig haben", „Die Juden während des letzten russischtürkischen Krieges" u. a. wird vom März d. I. eine Zeitschrift unter dem Titel „Bibliothek des russischen Westens" herausgeben. Unter Anderin beabsichtigt er, darin das russisch lesende Publicum mit dem Leben der westrussischen Juden bekannt zu machen. Wir hoffen, daß die neue Zeitschrift dazu beitragen wird, unter die Russen gesündere Begriffe vorn Judenthum zu verpflanzen, als es bis jetzt der Fall war, und daß dieses die Lösung der jüdischen Frage im Sinne der Gleichberechtigung beschleunigen wird. Daher wünschen wir dem Unternehmen des Herrn Schigarin den besten Erfolg. In Kiew ist unlängst eine Jüdin, Grodskaja, gestorben, die für ihre armen Glaubensgenoffen 500,000 Rubel vermacht hat. In diesem Monat wird in Tiflis -Kaukasus) eine Beschuldigung von vier Juden wegen Ermordung eines christlichen Kindes zu Religionszwecken zur Verhandlung kommen. Der Ausgang der Sache ist für die russischen Juden eine Lebensfrage, da es historisch bewiesen ist, daß jede desfallsige