Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 9 (25.2.1879)
- Date
- 1879-02-25
- Page
- Seite 135 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227231-3227241--36954-3256332- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
332 der evangelischen, 47 der katholischen und 8 der jüdischen Confession angehörten. Wenn es noch eines Beweises bedürfte, daß in Rücksicht auf den Judenhaß Particularisten und Mucker sich brüderlich die Hände reichen, so würden die Auslassungen der hier erscheinenden Preßorgane beider Parteien aus den letzten Wochen dies zur Genüge darthun. Die deutsche Volkszeitung, das Organ der Welfenpartei, suchte nämlich in einem Aufsatze: „Der Berlinismus oder die neue Reichshauptstadt" die Bedeutung Berlins als Centralstadt des neuen deutschen Reiches in Abrede zu stellen und führt als Beleg dafür unter Anderem dem Umstand an, daß die Juden dort dominiren, was er auf das übertriebenste und gehässigste ausmalte. Merkwürdig genug zählen aber auch einige hiesige Juden zu den Particularisten und diese fühlten sich durch diesen Artikel, wie begreiflich, verletzt und machten dem Redacteur, einen Herrn v. Rud i off, welcher so eben wegen Majestätsbeleidigung zu vier Monaten Festungshaft verurtheilt worden ist, deshalb Vorstellungen. Interessant ist es nun zu.hören, wie derselbe seinen nicht einmal einen neuen Gedanken verrathenden Wuthausbruch gegen die Juden zu entschuldigen versuchte. Er habe gehört, daß seine Parteifreunde mosaischen Glaubens sich durch jenen Artikel gekränkt gefühlt haben, was ihm so betrübend wie befremdend sei, da ihm nichts ferner gelegen habe, als die treuen jüdischen Mitglieder seiner Partei verletzen zu wollen. Er achte und verehre sie vielmehr aufrichtig, und das um so mehr, je gewisier er voraussetzen dürfe, daß gerade sie mit Eifer und Ueberzeugung dem Glauben ihrer Väter anhängen dabei verletzt gerade der Heißsporn der hiesigen jüdischen Welfen öffentlich die jüdischen Ceremonialgesctze!) und eben vermöge ihrer echten Religiosität mit den Christen vereint den Kamps für Wahrheit, Recht und Freiheit als gute Hannoveraner führen. Er konnte niemals daran denken, daß seine jüdischen Parteigenossen. mit den in dem großen Artikel geschilderten Judenthum Berlins irgendwie sich identificiren und die gegen die Berlinischen Juden gerichteten Angriffe als gegen sich gerichtet ansehen würden, da er vielmehr der Meinung tvar, und noch sei, daß jenem Judenthumo, welches in Berlin sich breit mach:, die hannoverschen rechtschaffenen Juden den Rücken kehren. Co wenig aber seine jüdischen. Parteigenoffen es dulden würden, wenn in ihren Schulen der Geist des Christenthums oder der Nihilismus eindringen wollte und so wenig sie sogar durch die moderne Gesetzgebung, unter welcher die Christen seufzen, in ihrem Glauben, in ihren Sitten und Gebräuchen irgendwie sich beirren lassen, so wenig könnten die Christen es mit Gleichmuth ertragen, wenn ihre Religion in Berlin geschädigt und unterdrückt würde durch das dortiges Vorherrschen der Juden. Mit dieser Entschuldigung gaben sich die hiesigen jüdischen Particularisten zufrieden. In gleicher Weise machte jüngst der Pastor Frey tag hierselbst in dem von ihm redigirten hannoverschen Sonntagsblatte seinem Judenhaffe in e in er Nummer an drei verschiedenen Stellen Luft. Zunächst mißfällt ihm das Verhalten des Justizministers bei dem Anträge des Abgeordneten Schorlemer-Alst in Betreff des Wuchers und da meint er, daß wir immer mehr „verjuden". Alsdann stellt er m seinem Zorne gegen den hiesigen kaufmännischen Verein, welcher unlängst von dem „Gottesleugner" Büchner einen Vortrag über Lebensdauer und Lebenserhaltung habe halten lassen, die falsche Behauptung auf, daß auch in dem genannten Vereine die Juden bereits das Heft in der Hand haben. Am meisten aber empört ihn der.Beifall, den die auch von Christen besuchten Vorträge des Herrn 4)r. Prager finden ,Vgl. Nr. 52 v. I.) Er verargt es dem Magistrate, daß er die Aula des Lyceums zu diesen Vorträgen eines jüdischen Oberlehrers hergegeben, findet in den in dem hiesigen Tageblatte enthaltenen Referaten über jene Vorträge nur lobhudelnde Berichte, die vorher und nachher das Publicum anlocken und macht den: Redner den durchaus unberech-. tigten Vorwurf, daß er es gewagt habe, das Christenthum herabzusetzen, während derselbe nur die allgemein bekannte Thatsache erwähnte, daß das Christenthum die Lehre von dem einen Gotte aus dem Judenthume mit hinüber genommen habe. Was der Herr Pastor in seiner Hvperorthodoxie sonst noch über den rechten Samen Abrahams und das wahre Heil äußert mit Stillschweigen übergehend, bemerken wir nur noch, das; auch der erste evangelische Geistliche unserer Provinz' der Oberconsistorialrath und Abt von Loccum, Dr. Uhl Horn, auf der Kanzel in der hiesigen Schloßkirche auf jene Vorträge Bezug genommen und in seiner strengen Confessionalität ein trauriges Zeichen der Zeit in der Thatsache gefunden hat, daß der Magistrat die Aula einer christlichen. Lehranstalt zu Vorträgen einräumt, in denen das Christenthum als Abfall vom Judenthum bezeichnet werde, ein Ausdruck, den übrigens Dr.! Prager gemacht gebraucht hat. Mit Vergnügen constatiren wir nach solchen Vorgängen, daß unsere städtische Behörde j erleuchtet genug ist, um sich durch die Auslassungen der gej nannten Geistlichen in ihren liberalen Ansichten durchaus nicht beirren zu lassen.! In unserem Vororte Linden hat sich in Folge des Frei- * zügigkeitsgesetzes seit längerer Zeit, insbesondere durch Zuzug! aus dem Großherzogthum Posen, ein früher dort nicht ge-! kanntes jüdisches Proletariat angesiedclt, welches den sich glänzend bewährenden Wohlthatigkeitssinn der Mitglieder der dortigen israelitischen Gemeinde nur allzu häufig in Anspruch j nimmt. Besonders rühmliche Erwähnung verdient die Wirk- fantfeit des daselbst seit etwa drei Jahren unter dem Namen; Arumim bestehenden, von jüdischen Kindern gegründeten und von denselben auch theils durch monatliche Beitrage,—; theils durch Geschenke erhaltenen Vereins, welcher sowohl den! nothleidenden jüdischen Familien als auch insbesondere den