Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 9 (25.2.1879)
- Date
- 1879-02-25
- Page
- Seite 130 (sequence 2)
- Language
- German
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130 der Logik von Todt die Fähigkeit zur Lösung der socialen Frage verloren, weil diese allein durch die Nächstenliebe, durch das Erblicken der Gottebenöildlichkeit in allen Menschen ertheilt werde. Glücklicher Weise giebt es doch noch außer Herrn Todt zahllose Christen, welche das Wachsen des christlichen Bewußtseins nicht in der Steigerung der Verfolgung Anderer finden, sondern im Gegentheil. Und auf diese letzteren wollen wir vertrauen. Unser Skribent wendet fich nun zum „natronalökonomischen Schlüssel zu dieser Lösung" und spricht hier den Juden „das Verständniß für das Wesen der Arbeit" ab. Es ist wirklich erstaunlich, welche Unwissenheit und mit Hülfe derselben welche Geschichtsverdrehungen die nächsten Seiten des Todt'schen Buches enthalten und bekunden. Der Mann hat auf seinem Felde nichts als Dornen und Disteln, weil er eben kein einziges Samenkorn der Gelehrsamkeit und der Gerechtigkeit einzupflanzen hatte. Es ist jetzt allgemein anerkannt, daß das Verständniß für das Wesen der Arbeit unter allen Völkern des Alterthums allein vvn den Israeliten besessen und gepflegt worden, von ihnen in das Christenthum ü.bergcgangen und hier nach den ersten Jahrhunderten sogar entstellt worden ist. Wir berufen uns z. B. auf den jüngst veröffentlichten Vortrag des Herrn Bona I ürg en Mey er (Christ), Professors der Universität zu Bonn, der seine Darstellung mit Belegen gründlich begleitete. Wir können uns auch auf christlich-strenggläubige, aber unparteiische Autoren berufen, z. B. Franz Delitzsch, Professor an der Universität zu Leipzig, über die Handwerke im Talmud. Aber allerdings solchen, durch ihre Gelehrsamkeit, durch ihre umfassende Sachkenntniß ausgezeichneten deutschen Männern der Wissenschaft vermag Pastor Todt nicht die Schuhriemen zu lösen. Daher behauptet er frischweg, daß die Israeliten immer arbeitsscheu gewesen, und in ihrem Lande den Ackerbau nur schlecht und lässig behandelt hätten. Würde Todt auch nur den einen Vers Ezechiel 27, 17 gekannt haben, wo in dem großen Gemälde des Lyrischen Welthandels und Weltmarktes, in welchem die Productc aller Völker aufgeführt find, die nach Tyrus Maaren lieferten, um von dort aus die damalige ganze Welt zu versorgen, Juda und Israel den Weizen, das Backwerk, Honig, Oel und Balsam für diesen Handel lieferten, eine Stelle, die z. B. mit l Kön. 5, 9. 11 und vielen anderen Stellen übereinstimmt, wobei zu bemerken, daß der Honig zum größten Theile in Traubenhonig, nicht in Bienenhonig bestand, also des sorgfältigsten Weinbaues bedurfte; hätte Todt nur die geringste Kenntniß von Galiläa zur Zeit Jesu und das konnte man schon eher vom christlichen Theologen fordern — gehabt: er würde solche leichtsinnige Behauptung, die nicht auf das alte Israel, sondern auf ihn selbst zurücksällt, nicht in die Welt geschickt haben. Noch weniger erwarten wir von ihm eine Kenntniß der Zustände z. B. m Athen und Nom, um sein Urtheil über das alte Israel richtig zu stellen. Was kann es uns wundern, wenn er behauptet, der Talmud „erlaube den Wucher und belege Ackerbau und Viehzucht mit Verachtung". Das Gegentheil ist die Wahrheit, aber wie soll Herr Todt zu dieser gelangen? Die alleräußerste Pforte zur Wahrheit ist die Gerechtigkeit, die zweite die Wahrheitsliebe. Wo diese fehlen, entfernt jeder Schritt den Menschen von der Wahrheit, welche nach dem Talmud „das Siegel Gottes" ist. Es kann daher auch nicht die Aufgabe selbst der gründlichsten Kritik sein, einem solchen Autor in alle Schlupfwinkel seines Irrgartens zu folgen. Und doch kann selbst Pastor Todt sich einer gewissen Umkehr nicht entziehen. Er muß (S. 31) eingestehen : „Es findet fich in keinem modernen Gesetzbuche eine solche wahrhaft humane, rücksichtsvolle, von der Bruder- und allgemeinen Menschenliebe getragene und durchdrungene Auffassung der gesellschaftlichen Verhältnisse wie im Gesetz Mofis. Da wird in Wahrheit nicht blos brüderliche Gleichheit und Liebe gepredigt, sondern durch bis in das Einzelne gehende Bestimmungen vorgeschrieben." Nun geht er diese Bestimmungen durch, wenn auch nur oberflächlich und ungenügend, so daß weder Princip noch System zu erkennen ist. Dies that er, nicht etwa aus Naumersparniß, sondern weil er dem unsterblichen Erzeugnis des jüdischen Genius — für uns aus göttlicher Einwirkung aus die Geister jüdischer Männer entsprungen, denn zu Moses gesellen sich die Propheten und heiligen Sänger — weil er diesem nicht den ihm zukommenden Platz als Fundament für die sich entwickelnde Lösung der socialen Frage einräumen wollte — dies hätte ihn auch in seinem socialistischen Ziele behindert — sondern er drängte es in einen Winkel, wo cs unbeachtet bliebe, und von wo er es zur weiteren Verurtheilung der Juden benutzen konnte. Denn der Schluß, den er daraus zieht, ist einfach: die Juden haben das Gesetz Mosis nie geübt! Wir könnten dagegen einwenden: Haben denn die Christen das Ideal erfüllt, welches ihnen das Neue Testament aufstellte? Haben es selbst nur diejenigen erfüllt, welche die Priester dieser Religion wurden, der große reiche und mächtige Priesterstandder die Spitze der christlichen Völker einnahm? Sind es nicht gerade erst — wie Todt in den angeführten Worten unbewußt selbst zugesteht — die „modernen Gesetzgebungen" und das moderne Leben, welches diesem Ideal des Mosaismus und des Christenthums näher gekommen sind? Und sind sie dies nicht durch die „liberalen" Ideen, welche den Grundsätzen des Mosaismus, wie Todt sie selbst schildert, nahe stehen? Aber es ist nicht wahr, daß die Juden das Gesetz Mosis nicht übten. Ihr wißt es nur nicht und wollt es nicht wissen. Fünfzehn Jahrhunderte bestanden sie als selbstständige Nation auf dem Boden des mosaischen Gesetzes und achtzehn Jahrhunderte in der Zerstreuung. Sie hätten dies nicht vermocht ohne das Gesetz. Mosis. Wenn die Juden von Anfang an und zu aller Zeit dem Gesetz Mosis so