Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 8 (18.2.1879)
- Date
- 1879-02-18
- Page
- Seite 122 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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122 die sie mit ihrem oder gegen ihren Willen einnehmen sollen, obschon es sehr unsichere, aus noch längst nicht genügender Forschung geformte Fundamente sind, auf die das anziehende, aber luftige Bauwerk vorzugsweise von der Fantasie des Autor's gestellt ist. Es ist dies, man verzeihe den Ausdruck, nichts als „Geschichtsmache." Wir wissen sehr wohl, daß diese Art Hypothesensucht ebenso auf historischem wie auf anderem Boden gegenwärtig eine starke Partei für sich hat, weil die Geistesblasirthe.it unserer Tage des Reizes kühner Voraussetzungen und Pläne, besonders wenn sie den geltenden Meinungen entgegentretcn, bedarf. So ist sie im Stande, eine gewisie öffentliche Meinung zu bilden, die durch ihre Organe eine weite Verbreitung findet, und selbstverständlich alle Gegensätze als veraltet^ und kleingcistig zurückweist. Jndeß darf dies nicht hindern, diesen Trägern frisch angemalter Standarten keine Folge zu leisten, und ruhig auf die gründlich und besonnen fortschreitende Wissenschaft zu verweisen. Auch findet jene ihre Eorrcktur in sich selbst. Denn der nächste geistreiche Schriftsteller hat. das Verlangen, selbst eine eigene Meinung aufzustellen, und wird darum an seinem Vorgänger die Schwächen und Blößen unnachsichtlich aufdeckcn. Ganz besonders hat die Geschichte und Literatur der Juden hierunter zu leiden und Renan, obschon er von vielen seiner früheren Vorurtheile gegen sie zurückgekommcn, wirthschaftet mit jener, wie ein Bäcker mit seinem Stück Teig. Widersprüche machen dabei für ihn nichts aus, wenn siedurch einige Seiten seiner Schrift von einander getrennt sind. Weilt Renan in Egypten, so haben die Juden alles, .auch ihren Monotheismus aus Egypten geholt. Freilich zeigt sich ihm selbst, wo er von Egypten handelt, keine Spur des wirklichen Monotheismus. Aber was schadet das? Kommt er nach Assyrien, so hatten die Juden bis zum babylonischen Exil nur Vielgötterei, und erst nach der Rückkehr brachten sie aus Assyrien den Monotheismus mit und änderten ihre alten Schriften so, bis diese damit übereinstimmten. Man sieht, Renan hat ganz vergessen, daß er sie den Monotheismus aus Egypten holen ließ, und nur ein Tausend Jährchen dazwischen liegt. Wir glauben, dieses eine Beispiel genügt, um zu erhärten, was wir über die „Geschichtsmache" gesagt haben. — Vottuschan, 26. Januar. (Literarische Notizen.) pH mW1;, hebräische Geographie von H. Kahane, 1. Th. ^Vottuschan), Selbstverlag des Verfaffers, 1879. Als Simson Bloch die zwei Bände seines 'w veröffentlichte, war es für die hebräische Literatur eine Eroberung auf dem Felde der Wissenschaft und als solche wurde das Werk von allen Kennern begrüßt. Man übersah seine Einseitigkeit, man übersah, daß cs eigentlich keine Geographie im weiteren, sondern eine Ethnographie im engeren Sinne war, daß die mathematische und physikalische Geographie gänzlich fehlte. Aber es war ein erster Versuch, ein solches Werk in hebräischer Sprache zu schreiben, und als solchen muffen wir es Hochhalten. Jetzt unternahm es Herr Kahane, der Director der hiesigen jüdischen Schule, eine Arbeit zu liefern, welche die Vorzüge der Vloch'schen besitzen, ihre Mängel vermeiden sollte. In den nächsten Wochen wird der zu Bukarest gedruckte erste Band erscheinen und liegt ein fast vollendetes Exemplar uns vor. Da ich in der unmittelbaren Nähe des Verfaffers lebe, konnte ich Schritt vor Schritt das mühsame Werk verfolgen und beobachten, wie trotz aller Schtvierigkeiten, welche die spröde, wortarme hebräische Sprache in den Weg legt, das Werk eine immer klarere und! bestimmtere Gestalt gewann. Erlangt doch die Sprache des Verfaffers da, wo er sich der Betrachtung überläßt, eine I merkwürdige Fülle und Kraft und es webt darüber ein Hauch j der Begeisterung und Poesie, welcher an die erhabensten Werke! unsres Schriftthums erinnert. Der Verfaffer beginnt mit der! Astronomie; die Beweise für das Kopernikanische Weltsystem; werden ebenso wissenschaftlich wie populär vorgetragen. Wo die Forschung über die Grenzen des tradirten Judenthums hinausgeht, weiß der Verfasser durch eine geschickt angewandte! Talmud- oder Midraschstelle die Differenz auszugleichen. Von besonderem Interesse ist der geologische und paläontologische Theil, in welchem der Verfaffer seine Meisterschaft in der Verwendung der hebräischen Sprache vorzüglich erweist. Das Werk ist mit vielen Illustrationen, mathematischen Figuren und! einer hebräischen Karte versehen und bei guter Ausstattung der Preis mäßig (2 fl. 50 kr. oder 5 Mark'. Hoffen wir, daß sich das Werk recht bald einer weiten Verbreitung erfreuen und der zweite Theil in nicht zu langer Zeit folgen werde. Ieuilleton. Schillert Näuber in Zonüantinopel. ' Man schreibt von Konstantinopel der „K. Z.": Nachdem Schiller's „Näuber" schon vor mehreren Jahren in's Türkische übertragen und auf dem türkischen Theater Gedck Pascha in Stambul mit großem Beifall aufgeführt worden sind, ist diesenr Jugendwerk unseres berühmten Dichters jetzt auch die Ehre widerfahren, in den spanisch-jüdischen Dialect übersetzt und hier auf die Bühne gebracht zu werden. Die Nachkommen jener spanischen Israeliten, welche, den grausamen Verfolgungen christlicher Monarchen entfliehend, einst ein rettendes Asyl bei den duldsameren Mohamedanern fanden, bilden noch heute einen nicht unbeträchtlichen Theil der Bevölkerung der Siebenhügelstadt am Bosporus. Die Vorstädte