Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 8 (18.2.1879)
- Date
- 1879-02-18
- Page
- Seite 120 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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120 Rußland. Von der russischen Grenze, 30. Jan. Wie die Krakauer und Lemberger Blätter melden, flüchten flch die Juden nach dem Auftreten der Pest in größerer Menge aus den russischen Gouvernements nach Galizien. Die Eisenbahnverwaltungen sehen sich genöthigt, Extrazüge abgehen zu laffen, um nur die Masse der Flüchtenden weiter befördern zu können. Diese Panik unter den Juden sei theilweise durch die Furcht vor der Pest, theilweise aber auch durch das Gerücht veranlaßt worden, nach welchem das Volk die Juden für die Ursache der Epidemie ansehen und dieselben zu bestrafen beabsichtigen soll. (Wie viel Wahres mag wieder einmal hieran sein?! der Judenhaß gewifler Leute wetteifert jetzt im Humbug mit dem schönsten Iankeethum. Redact.) Unsere obige Bermerkung hat schnell ihre Bestätigung gefunden. Von Galizien aus, so melden zuverlässige Berichte, ziehen jährlich über 1500 Hausirer nach Rußland hinein, und diese sind.es, welche gegenwärtig aus Schrecken vor der Pest schleunigst nach ihrer. Heimath zurückkehren, was sich im Post- und Eisenbahnverkehr an der Grenze augenblicklich fühlbar machte. Die Maßregeln, welche von Oesterreich aus gegen den Grenzverkehr mit Rußland bereits ergriffen sind oder noch in Aussicht stehen, erklären Wohl hinlänglich den Drang dieser Leute, sich von ihrer Heimath nicht ausgeschloffen zu sehen. Die polnischen und deutschen Judenfresser konnten auch diesen unbedeutenden und einfachen Vorgang nicht vorüber laffen, ohne den Juden im Allgemeinen einen Makel anzuheften. Türkei. Aus Ost-Numelien, 31. Januar. Das Organisations- Statut für Ost-Rumelien behandelt in seinem ersten Artikel die Gleichheit vor dem Gesetze, im zweiten die Religionsfreiheit, im dritten die persönliche Freiheit, im vierten die Freiheit der Arbeit und der Gewerbe.. Die Bestimmungen über diese Punkte sind in denkbar freisinnigster Weise abgefaßt. Möge die Ausführung den Worten entsprechen.. Bonn, 9. Februar. (Notizen.) Vor uns liegt der Bericht der Universität Cambridge vom 23. Januar über die am 3. Februar beginnenden Vorlesungen, und es freut uns, daraus zu ersehen, wie an dieser allenglischen und noch immer stockanglikanischen Universität Talmud und jüdische Literatur in entsprechendem Maße vorgetragen werden. Es muß dies auf die englische studirte Welt mit der Zeit einen sehr ersprießlichen Einfluß üben. Wir denken hierbei selbstverständlich auch nicht im Entferntesten an Proselytenmacherei, wohl aber an eine wiffenschaftlich begründete Beurteilung des Judenthums und seines Schriftthums. In fünf Stunden wöchentlich liest Herr Dr. Schiller-Szinessy über Verachot, Raschi zur Genesis, Sohar, Kimchi zu den Psalmen und Geschichte der jüdischen Literatur. Er hält seine Vorlesungen im Divinity Lecture Iloom der Universität. — Endlich ist es der „Germania" einmal gelungen, in ihrer Nummer vom 5. Februar einen jüdischen Wucherer zu.erwischen. Nur hat sie dabei das Unglück, nicht zu wiffen, wie derselbe heißt, und keinen anderen Gewährsmann zu haben, als einen anonymen Correspondenten aus Württemberg, der sich das Geschichtchen auch aus den Fingern gesogen haben kann. Denn daß der Mann von dem gemeinsten Haffe beseelt ist, ersieht man daraus, daß er fast in jeder Zeile mit dem Worte „der Jude" um sich wirft, und schließlich in eine schreckliche Apostrophe über „die Jungfrau Israel" ausläuft. Das Unglück wollte, daß die „Germania" auf der folgenden Seite die gerichtlichen Verhandlungen aus Zittau über zwei raffinirte Betrüger zu referiren hat, die gute Christen sind, und bei welchen auch nicht der geringste Zweifel obwaltet, aber eine Jeremiade über die gesammten Sachsen erhebt das edle Blatt nicht. Wir verdammen Wucher und Betrug, wo wir sie finden; aber wir halten es auch für eine Fälschung der Wahrheit, wenn man einen Einzelfall zu Beschuldigungen einer ganzen Gemeinschaft, sei es einer nationalen oder religiösen, macht, um seine Leidenschaft des Haffes zu befriedigen. Unrecht wird im Wucher ebenso wie in solchem Hasse getrieben, und die traurigen Folgen des letzteren können noch viel größer sein, als die des ersteren. — In dem, von Rabb. Vr. Schreiber gegen Moritz Baum, dem Redacteur des „Israelitischen Boten", angestrengten Beleidigungsproceffe ist Moritz Baum auch in der Appellinstanz zu 150 Mark Geldstrafe und in die Kosten verurtheilt worden. Ebenso wurde der Redacteur der „Jüdischen Presse", S. Meyer in Berlin, in einer gleichen Klage des Rabb. Dr. Schreiber wegen Beleidigung zu 100 Mark Geldstrafe und in die Kosten verurtheilt. — Man schreibt aus Oftrowo vom 31. Jan.: Als im Oktober 1872 in der Langen Nacht im hiesigen Tempel 19 Personen ihren Tod fanden, blieben eine Anzahl Waisen und Hülfsbedürftige zurück, deren Ernährer unter der Zahl der Verunglückten sich befanden. Es bildete sich damals auf Anregung des Justizrath Gembitzki und des Weinkaufmanns S. Fricdländer ein Gomite zur Unterstützung der bedürftigen Hinterbliebenen. Ein von diesem Comitü erlaffener Aufruf war von gutem Erfolg, denn von nah und fern gingen reichliche Gaben ein und es kamen gegen 3500 Thaler zusammen. Nachdem von dem eingegangenen Gelde der ersten und dringendsten Noth Abhülfe gewährt und für Beschaffung eines Grabgitters etwas mehr als 60 Thaler verwendet worden waren, ging man an die verzinsliche Anlegung der Fonds und richtete die Art und Weise der Unterstützungen so ein, daß sie nach Umständen und Bedürfniß in