Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 8 (18.2.1879)
- Date
- 1879-02-18
- Page
- Seite 117 (sequence 5)
- Language
- German
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117 welcher sie z. B. auch über den obigen Fall referirt, bringt sie Berichte aus Mainz und Edinburg, namentlich aus ersterer Stadt über schändliche Wuchergeschäfte. Es figuriren dabei aber nur Christiane und Christophe, und sie kann keinen einzigen Juden anführen. Redaction.) Hamburg, 5. Febr. (PrivatmiLth.) Vor zwei Monaten erhielt unsere Rachbargcmeinde Altona von der Regierung zu Schleswig den kategorischen Befehl, die Israelitische Gemeindeschule daselbst im Sinne der Falk'schen Allgemeinen Bestimmungen vom 15. October 1872 zu reorganisiren, ferner nur dem Stande der Schule entsprechende examinirte Lehrer und zwar mit Pensionsberechtigung anzustellen, widrigenfalls sollte die Schule zu Ostern geschloffen werden. Demzufolge machten sich in der sonst sehr ruhigen Gemeinde zwei Parteien bemerki bar, welche mit allen erlaubten Waffen gegen einander ankämpften. Die eine Partei forderte mit Entschiedenheit Eingehen der Schule und Organisation einer Gcmeinde-Religionsschule. Diese Forderung stellte auch der „Vorstand der Gemeinde". Die Gegenpartei jedoch, mit den „Repräsentanten der Gemeinde" an der Spitze, forderte unter allen Umständen ein Bestehen der Anstalt. Da sich so Vorstand und Repräsentanten der Gemeinde nicht einigen konnten, so wurde dem Statut der Gemeinde entsprechend die Entscheidung der Regierung angerufen und so ist denn diese Angelegenheit noch immer in der Schwebe. — Doch ist ein Fortbestehen der Schule so gut wie gesichert, das heißt nach erfolgter Reorganisation derselben im Sinne der Negierung. Da nun der Gemcindcseckel die Mittel zur Erhaltung einer Mittelschule kaum aufbringen kann, so wird aller Wahrscheinlichkeit nach die Schule in eine vclassige, mit facultativcm. französischem und englischem Unterricht umgcwandclt werden, d. h. in eine Schule mit einer Unterclaffe, wo Knaben und Mädchen combinirt sein werden, mit je einer Mittel- und Oberclaffe für Knaben und je einer für Mädchen. Der Antrag eines Mitglieds des Vorstands, die Knabenschule 'cingehen zu lassen, dagegen eine wohlorganisirte Mädchenmittelschule in's Leben zu rufen, wurde allgemein abgelehnt. Dem Antragsteller wurde die treffende Antwort gegeben, die jeder Besitzer einer Bibel Exodus Cap. 1 am Schluß Nachlesen kann. — Vor längerer Zeit hielt Herr Lehrer Deutschlaender im „Pädagogischen Verein für Altona und Umgebung" einen mit vielem Beifall aufgenommenen Vortrag über den Talmud und seine Pädagogik. Infolge der Aufforderung des Präsidiums des Vereins überreichte der Vortragende das bezügliche Manuscript demselben behufs Veröffentlichung in dem' Vereinsorgane, der Schleswig-Holsteinischen Schulzeitung. Leipzig, 6. Februar. (Privatmitth.) Mit Ihren Berichten aus Linz am Rhein und deren Besprechung trifft es sich gut, daß der Ausschuß des deutsch-israelitischen Gemeindcbundes soeben ein Referat über eine Engm' te in der ihm vorliegenden „Bezirkslehrerftage" hat drucken lassen. Dasselbe bemerkt, daß ihr Material nicht über die Mainlinie hinaus geht, so daß in den südlichen Theilen Deutschlands der jüdische Religionsunterricht bereits eine genügende Organisation erlangt zu haben scheint. Wir heben aus' dem Referate die Stellen hervor, welche über Gegenden berichten, in welchen der Religionsunterricht noch an großen Mängeln leidet. Es wird uns von Lissa berichtet, daß in einem großen Theile der Provinz Posen, in Westpreußen und Pommern derselbe sich in den Händen von jungen Männern aus Polen und Rußland öesindet, die oft selbst mäßigen Anforderungen nicht genügen, und daß, weil die Negierungen das Bedürsniß nach Religionsunterricht für Israeliten unberücksichtigt lassen, sowie der Jndifferentismus in den Kleingemeinden immer mehr Platz greife, und weil der Religionsunterricht nicht einem Rabbiner unterstellt sei — der Unterricht in der Religionslehre sehr im Argen liege. In der Nähe von Colberg befinden sich zwar Gemeinden ohne Religionsunterricht nicht, aber unser Herr Delegirter berichtet, daß sämmtliche Lehrer der Umgegend bis auf einen nicht geprüft seien, und daß es nur besser werden könne, wenn der Staat dafür sorge, daß die anzustellenden Religionslehrer sich durch Prüfung über ihre Fähigkeiten auszuweisen hätten, sowie daß Rabbiner oder besonders qualificirte Lehrer als Bezirksschul-Jnspectoren zur Controlle ausgestellt würden. Aus Bielefeld wird gemeldet, daß in der Nähe dieser Stadt sich mehrere Kleingemcinden befinden, die zur Zeit des Religionsunterrichts für ihre Jugend entbehren, und daß mit Hilfe eines Zuschusses von Außen eine befriedigende Regelung des Mißstandes durch Anstellung eines Bezirkslehrers um so mehr zu erwarten sei, als die Gemeinden selbst gerne die Hand dazu böten. Ebenso könnte dem Mangel eines Neligionslehrers in zwei Gemeinden des benachbarten Lippe in ähnlicher Weise abgeholfen werden. Einen sehr ausführlichen Bericht erhielten wir von Rhein- Hessen. Nicht nur in Nheinhessen giebt es eine ganze Anzahl von Gemeinden, die keinen Religionslehrer haben, sondern im ganzen Großherzogthum Hessen sollen in einem Viertel der Gemeinden die Kinder ganz ohne Religionsunterricht bleiben, und das selbst in Gemeinden, die 15 bis 20 Kinder zählen. Obzwar in eingehender Weife die Schwierigkeiten geschildert werden, welche einer Abhülfe durch Vezirkslehrer dort sich ent-! gegenstellen, glaubt der Herr Delcgirte doch, daß fast in allen Fällen durch die Einrichtung bei guter Organisation den Uebelständen gesteuert werden könne. In ähnlicher Weise spricht sich auch der Bericht von Alzey aus, hinzufügend, daß die Kinder theilweise christlichen Religionsunterricht besuchen, und daß nach' dem Gesetz auch von den Civilgemcinden Zuschuß zu erwarten sei, wenn mindestens 10 Schulkinder vorhanden.