Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 8 (18.2.1879)
- Date
- 1879-02-18
- Page
- Seite 115 (sequence 3)
- Language
- German
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115 seiner Familie sorgen, ohne dabei die Interessen der Nation hintenanzusetzen, und an den Interessen des Menschengeschlechtes nicht den regsten Antheil zu nehmen. Wenn daher in den modernen Juden noch immer eine Theilnahme lebt für ihre Glaubensgenossen, namentlich wo diese aus confessionellen Gründen bedrängt und verfolgt werden, so ist damit in ihnen die lebendigste Action für die Nationalität,, der sie durch ihr Vaterland und durch die darin erhaltene Geistesbildung angehören, nicht im geringsten ausgeschlossen oder nur beschränkt, und ebenso wenig kann ihnen dadurch der internationale Sinn abgehen. Alle Berufung der Judenfeinde auf das Motiv, daß die Juden immer noch einigen Sinn für ihre Glaubensgenossen bethätigen, um ihnen bald die Nationalität und den Patriotismus, bald die Jnternationalitat abzusprechen, ist daher grundfalsch und willkürlich und wird durch die Thatsachen gründlich widerlegt. Bringen sie irgend ein einzelnes Beispiel dagegen vor, so können wir ihnen tausend einzelne Beispiele gleicher Art aus allen Völkern der Welt und aus allen Zeiten der Menschengeschichte entgegenstellen, denn es hat überall und immer „in allem Volke" einzelne Verräther und schlechte Menschen gegeben. Welcher Menschenliebe, welcher Schätzung der Gottebenbildlichkeil in jedem Menschen sind aber diese Judenfeinde voll, die einen alten Stamm in allen feinen Geschlechtern mit blindem Hasse verfolgen und ihm aller geschichtlichen Wahrheit zum Trotz jede edle Befähigung, jede Tugend absprechen?! — Aber bei dieser Gelegenheit läßt sich unser Autor noch eine andere Escamotage zu Schulden kommen. Er macht die „Neformjuden", worunter er doch alle nicht-orthodoren Juden verstanden haben will, unter der Hand zu — Pantheisten und Materialisten. „Die Neformjuden'', sagt er, „müßten als Pantheisten und Materialisten bei consequentem Denken Socialisten werden" (S. 18). Später wird er noch kühner (?) und schreibt ihnen die Verbreitung des Pantheismus und Materialismus und dadurch die Eirtchristlichung der germanischen und germano-romanischen Völker zu. Es sind doch Tausendsappermenter, diese Juden! Sie, die vor einem Jahrhundert mit geringer Ausnahme noch nicht deutsch lesen konnten, sind jetzt schon im Stande, die sämmtlichen Völker Europas und Amerikas zu Pantheisten und Materialisten zu bekehren und zu entchristlichen!! Herr Todt kann sich beruhigen. Wenn er aus Jrrthum oder Uebertreibungssucht die Rcformjuden für Pantheisten und Materialisten hält, so irrt er sich eben hinsichtlich der erfteren wie der letzteren. Die Berliner Neformgenossenschaft steht auf dem äußersten Flügel der Neformjuden. Und nun werfe Todt nur einen Blick in das Gebetbuch derselben — dies ist doch eine bescheidene Fordenmg — und er wird bei aller Mühe und dem schlechtesten Willen auch nicht eine Spur von Pantheismus und Materialismus finden; jede Zeile athmet das vollste und reinste Gottcsbewußtscin, den innigsten Gottglauben, ganz auf dem Boden des Alten Testaments. Wer sind denn die Lehrer und Träger jener traurigen Philosophcme? Sind Juden darunter? Sind Schopenhauer und v. Hartmann, sind Darwin, Häckel, Karl Vogt rc. Juden? Sind die französischen Positivisten Juden? Wurde nicht der, zuletzt am stärksten von einem Juden, nämlich Mendelssohn, getragene Deismus durch Kant abgebrochen und beseitigt? Es mögen immerhin auch unter den modernen Juden manche Pantheisten und Materialisten sich befinden — aber wie vcrfchtvindend klein ist ihre Zahl gegen die fast schon 1imü6erfe§bflre Partei derselben unter den Christen! Und von! wem haben diese Juden ihren Unterricht erhalten und ihre ^Richtung entlehnt? Sie haben diese Schattenseite des modernen Culturlebens mit dem letzteren von der christlichen Welt mit in den Kauf erhalten. Wie gesagt, Herr Todt könnte , sich leicht seines Jrrthums entledigen. Leider müssen wir aber bei der Art, wie er seine falsche Behauptung ein- und ausführt, annehmen, daß es bei ihnr kein bloßer Jrrthum, fonjbern eine beabsichtigte Irreführung seiner Leser gewesen, um uns keines anderen Ausdrucks zu bedienen. I (Schluß folgt.) £&etttuKj ditacfaioclateu/. Deutschland. Berlin, 2 Februar. In der Tribüne lesen wir: „In parlamentarischen und auch in weiteren Kreisen der Stadt wird ein hestiger Ausfall gegen die Juden von Seiten des Professors Heinrich v. Treitfchke in einer von demselben an der hiesigen Universität gehaltenen Vorlesung über neuere Geschichte lebhaft besprochen. Wir müssen vorläufig Abstand nehmen, auf die Sache selbst einzugehen, bis die Thatsache genau festgesteüt ist. Es sind in dieser Richtung Schritte geschehen, die bis jetzt indeß noch keinen positiven Erfolg gehabt haben." Der gallsüchtige Herr v. Treitfchke hat sich nach und nach bis in die Reihen der dunkelsten Neactionäre hincingesprochen. j’SM’to mehr hat sein Wort an Gewicht und Bedeutung ver-! loren. Es wird bald kaum noch der Mühe lohnen, auf ihn , zu achten. Erst schlachtete er die Katholiken ab, nun kamen! die Juden an die Reihe; dasselbe iraurige Schicksal haben! zunächst die aufgeklärteren Protestanten zu erwarten, j —. In der bereits skizzirten Verhandlung des Abgej ordnctenhauses. bei der dritten Bcrathung des Cultnsetats über