Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 7 (11.2.1879)
- Date
- 1879-02-11
- Page
- Seite 107 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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107 freiheit. Rede zur Chanukah-Feier des Jahres 5639 im December 1873 von M. Hirsch, Oberrabbiner in Altofcn." (Budapest, Bunan, 1879). Der Redner weist in würdiger, eindringlicher Sprache und mir anziehenden Auslegungen von Schriftstellen nach, daß es der Beruf Jsrael's zu aller Zeit gewesen, um und für die Gewissensfreiheit zu kämpfen. Sinnig hebt er in der Einleitung hervor, daß bei solchen Kämpfen nicht der Eine stegt und der Andere fällt, sondern dieser durch den Sieg Jenes erhoben und gestärkt wird. — „Die jüdische Gemeinde Bonn. Festschrift zur Einweihung ihrer neuen Synagoge am 31. Januar 1879 von E. Schreiber, Rabbiner. Bonn, Georgi, 1879. Diese Festschrift hat nur einen örtlichen Werth, da die von Anfang zusammengestellten Notizen langst bekannt sind. Für eine Festschrift halten wir sie nicht geeignet abgefaßt, da weder die Schildenmg der traurigen mittelalterlichen Zustände der Feftstimmung zusagt, noch der starke Ausdruck des Parteistandpunktes zur Herstellung des Friedens in der Gemeinde beitragen kann. Feuilleton. David Luh. In der Nacht vom 25. zum 26. Januar verschied plötzlich an einem Herzschlage zu Prag der als Publizist rühmlich bekannte David Kuh. Wir können sein Andenken nicht besser ehren, als durch Wiedergabe seines Nekrologes in der „Neuen Freien Presse:" Der Tod hält heuer reiche Ernte und wüthet unermüdlich unter den Führern der Geistestruppen. In Prag hat er vor wenigen Tagen einen wackeren Vorkämpfer deutscher Cultur dahingerafft, ein Journalistenleben voll Aufregung und Energie, voll Kampfesmuth und Schaffensfreudigkeit be endigt. Inmitten redactioneller Arbeit an seinem Arbeitstische ist David Kuh, der Nedacteur des hervorragendsten deutschen Blattes in Böhmen, binnen wenigen Minuten verschieden. Im Begriffe, einen Artikel über die Frage des Tages: „Die österreichische Occu- Pations-Politik", zu Papier zu bringen, wurde er von einem Herzkrampf befallen und schloß die müden Augen für immer. Die müden Augen. Kuh schied aus keiner glücklichen Existenz. Seine trefflichen Eigenschaften, seine unerschütterliche Gesinnungstreue, seine makellose Redlichkeit, seine selbstlose Liebe und Begeisterung für die höchsten Güter der Menschheit, Freiheit und Bildung, haben ihm Wohl Anerkennung und Zustimmung! überreichlich im Leben zugeführt, eine behaglige Existenz Habens sie ihm nicht zu schaffen vermocht. Nebst dem Kampfe gegen * die Gegner seiner fortschrittlichen Richtung ist er bis an das! Ende seiner Tage geuöthigt gewesen, den Kampf ums Dasein! zu führen. Er hat es nie verstanden, die Gesinnung, welche! er vertrat, zu persönlichem Northeil auszubeuten; nie gelernt,' sich weich zu betten, wie manches Halbtalent, das neben ihm! in die Arena trat, und durch ihn gefördert, den Weg zu! äußeren Ehren und glücklicher Lebensstellung fand. Er starb in bescheidenen Verhältniffen. Kann es ein ehrenderes Nachwort geben für einen Mann, welcher nahezu drei Jahrzehnte ein erstes Wort mitsprach in politischen und wirthschastlichen Fragen und in deffen Leben es .an Versuchungen nicht gefehlt hat, dies Wort zu gewinnen durch Opfer aller erdenklichen Art!- Kuh entstammt keiner wohlhabenden Familie. Er war! 1818 als Sohn eines jüdischen Gelehrten zu Prag geboren. Früh verließ er das Vaterhaus. Die Universität besuchte er in Wien, zuerst medicinischen, dann juridischen Studien obliegend. Das war um die Mitte der Vierziger-Jahre, zu jener Zeit, in der schon die Luft wehte, aus welcher das sturmvolle Achtundvierziger Jahr sich entwickelte, die - Luft, welche ein Heer von Freiheitskämpfern stählte, die bis in unsere Tage für die Ideale der Jugend einzustehen vermögen. Dem jungen Studenten blieb seine Sturm- und Drangperiode nicht erspart. Zuerst Hauslehrer, der in lyrischen und epischen Gedichten sein unbestimmtes Wollen austobte, wurde er später Schauspieler. Das Wanderleben der Bühne — er hat es durchgekostet mit seiner Armseligkeit und seinem Glücke, bis in Graz seine Bühnenlaufbahn schloß. Das Jahr 1848 war nämlich unterdeß emporgestiegen, und seine Fluthen zogen den jungen Künstler in die Kreise der Politik. Er kämpfte in den Spalten eines obscuren Blättchens in Pest für die Unabhängigkeit Ungarns, zog von Pest, wo ihm die Negierung Schwierigkeiten in den Weg legte, nach Fünfkirchen und bekannte sich hier als leidenschaftlichen Anhänger Kossuth's. Als ein Jahr darauf die Neaction. ihre Siege und Orgien feierte, war auch Kuh unter den Märtyrern. Seine jugendliche publicistische Thätigkeit wurde mit langjähriger Kcrkerstrafe gewürdigt. Der junge Tagesschriftsteller wanderte in die Zellen der Festung Josephstadt. Die 1850er Amnestie gab ihn dem Leben wieder. Er kehrte nach Pr^g zurück und begründete ein belletristisches Blatt. Es vermochte nur ein Scheinleben zu führen. Da versuchte er das Wagnis;, in den schwülsten Tagen der Neaction ein deutsches, fortschrittlich gesinntes politisches Journal herauszugeben. Alle freisinnigen Elemente jubelten ihm zu. Deutsche und Ezechen waren seine Förderer. Zu seinen Mitarbeitern zählten die glänzendsten Namen beider Parteien. Lange sollte dies allerdings nicht währen. In dem Streite über die Echtheit des czechischen National-Epos: die Königinhoser Handschrift, trat Kuh für die Wahrheit, d. h. die Falschheit der Behauptung ein, daß diese Handschrift das Alter vieler Jahrhunderte trage. Ehicanen, Proceffe waren die Folge. Kuh wurde abermals 7*