Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 7 (11.2.1879)
- Date
- 1879-02-11
- Page
- Seite 106 (sequence 10)
- Language
- German
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106 entdeckt worden. Der Pristaw belegte in Gegenwart von Zeugen die Vorgefundenen Briefschaften mit Beschlag und verhaftete eine Wilna'sche Kleinbürgerin, welche in dem Verdacht steht, dieser Abtheilung vorgestanden zu haben." Man kann sich leicht vorstellen, daß hier wieder Etwas aufgebauscht ist, was an sich geringe Bedeutung hat. Amerika. Ntw-Aork, im December. Bei den jüngsten Wahlen in das Abgeordnetenhaus sind zwei Israeliten gewählt worden; der eine Herr Moritz Ellinger, der bereits eines der wichtigsten Municipalämter bekleidet; der andere Herr Edwin Einstein, ein sehr geachteter Kaufmann. Die Stadt New-Aork hatte früher schon'zwei Israeliten in den Congreß geschickt, den bekannten Major Noah und Emanuel Hart. Bonn, 2. Februar. (Notizen.) Aus Kamenz (Kgr. Sachsen) schreibt man: Der. 150. Geburtstag Lessing's, der bekanntlich in unserer Stadt geboren ward, ist mit großer Auszeichnung begangen worden. Die Häuser prangten im Flaggenschmuck und das Nathhaus hatte sein höchstes Festtagskleid angelegt. In dem geräumigen Bürgersaale versammelten sich am späten Nachmittage große Schaaren. Herr Pastor Dr. Sülze aus Dresden legte in langer begeisterter Rede die hohe Bedeutung des Wirkens Lessing's für die gesummte deutsche Nation nahe und nannte ihn den Nachfolger Luther's; denn wie dieser das Joch der Priesterherrschaft gebrochen habe, so habe jener uns befreit von der Knechtschaft des lobten Wortes. Der Lessingverein unserer Stadt schenkte hierauf dem Stadtrathe die von Knauer modellirte schöne Büste Lessing's aus Gips, die von den Vertreterinnen der Jungfrauen mit dem Lorbeer geziert wurde. Ebenso übersandte die Kunstgenossenschaft Dresdens einen großen Lorbeerkranz zur Zierde des Bildnisses. Ein mächtiger Fackelzug und die Aufführung eines öffentlichen Concerts durch hiesige Vereine beschloß die Feier. — Bekanntlich hat der Gerichtshof zu Brüssel den berüchtigten ehemaligen Director der von Katholiken gegründeten banque du credit ioncier industriel zu 15 Jahren Gesängniß verurtheilt. Die „Germania" nimmt dies dem Brabanter Gerichtshöfe sehr übel und meint, der ähnlicher finanziellen Manoeuvres schuldige Philippart sei nur zu 6 Monaten verurtheilt worden, weil er ein „Liberales sei. Was würde die Germania für ein Hohngelächter erhoben haben, wenn diese beiden Monstrebetrüger zufälliger Weise Juden gewesen wären! — In N.-Berki (Ungarn) starb — wie man meldet — uach dreitägiger Krankheit am 17. d. M. der geächtete Bürger Efraim Schlesinger im Alter von über 100 Jahren. Derselbe war bis zum Ende feines Lebens geistig wie körperlich rüstig und gesund, besuchte noch Märkte und Wochenmärkte, und wenn es darauf ankam, machte derselbe noch Fußreisen von 1—2 Stunden, ohne zu ermüden. Er hinterließ über 40 Enkel und Urenkel und 80 Pathenkinder. — Aus Cassel meldet man unter dem 29. Januar den Tod des Geheimraths Dr. med. Stilling, über dessen Verdienste als Naturforscher, Arzt und erster Schriftführer der letzten Naturforscherversammlung wir vor Kurzem berichteten (Nr. 1 d. I. S. 10 f.). — Am 30. Januar verstarb zu Stettin nach langen schmerzlichen Leiden Rabbiner Dr. Treuenfels. Geachtet wegen seiner Gelehrsamkeit und Begabung und wegen seiner liebenswürdigen Persönlichkeit verehrt, erregt sein Hinscheiden schmerzliche Theilnahme. — In Neuseeland ist ein Israelit, Herr Saul Samuel, zum Generalpostmeister und als solcher zum Mitglied des Ministeriums ernannt worden. — Man schreibt aus Konstantinopel: Am letzten Donnerstag veranstaltete die jüdische Jugend von Ortakiöi, einer Vorstadt Konstantinopels, eine Theatervorstellung zu Gunsten ihrer Ortsarmen, bei welcher Schiller's „Räuber in spanischer Sprache zur Aufführung gebracht wurden. Sämmtliche Darsteller waren Israeliten, welche, wie aus Konstantinopel gemeldet wird, ihre Rollen so vortrefflich spielten, daß die Gesellschaft ersucht wurde, das Stück nochmals zur Aufführung zu bringen, wozu dieselbe sich bereit erklärt hat. — Aus Fulda schreibt man: Der für die Schuten im Kirchspiel Flieden als Localschulinspector bestellte katholische Pfarrer Grebe ist von der königlichen Regierung auch als Localschulinspector über die neugcgründete israelitische V o l ks s ch ul e zu Flieden ernannt worden. Bonn, 2. Februar. (Literarische Notizen.) Die dem diesjährigen Jahresbericht des jüdisch-theologischen Seminars zu Breslau vorangeschickte Abhandlung: „Das Königreich Mesene und seine jüdische Bevölkerung von Profeffor Dr. H. Graetz" (Breslau, 1879) behandelt die Geschichte dieses kleinen Staates, einer Insel im unteren Tigris mit dem Marschlande bis an den persischen Meerbusen, welcher eine Zeitlang während der Kriege zwischen Rom und Parthien dadurch eine Wichtigkeit erlangte, daß er den Welthandel zwischen Rom und Indien vermittelte. Die Geschichte deffelben ist neuerdings, namentlich durch zahlreiche Münzfunde, einigermaßen aufgehellt worden, und Grätz stellt nun die talmudischen Notizen über Mesene zusammen, die bis jetzt unbenutzt geblieben und einigen Aufschluß, namentlich über die Sprache, verschaffen. Die jüdische Seite dieser Geschichte dreht sich innerhalb der talmudischen Notizen um die Frage, ob die Mesenischen Juden von reiner Abstammung seien, so daß sich die Patrizierfamilien in Centralbabylomen mit ihnen verschwägern dürsten oder nicht? Eine lange Zeit wurde dies verneint, später jedoch zugelaffen. Das Bild dieser fast aristo' kratischen Neigungen bei den babylonischen Juden wird hier interessant gezeichnet. — „Der Kampf um die Gewissens-