Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 7 (11.2.1879)
- Date
- 1879-02-11
- Page
- Seite 105 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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105 Triumphe wie in Berlin und Wien, woran der öffentlichen Meinung in Europa vielleicht wenig liegen würde, wenn die Sache nicht auch eine von Vielen kaum geahnte Bedeutung hätte. Das Volksministerium Bratiano ist nämlich das einzige, welches in der Lage ist, die von ganz Europa gewünschte und geforderte Emancipation der Juden in Rumänien durchzuführen, ohne daß es zu gefährlichen Krisen und zu blutigen Conflicten kommt; denn nur eine populäre Regierung hat Einfluß genug auf die Massen der Bevölkerung, um das Vorurtheil derselben gegen die Israeliten zum Wohle des Gesammtstaates zu besiegen. Niemand, der die Zustände in Rumänien längere Zeit beobachtet und studirt hat, wird der Volkspartei in Rumänien, welche durch Joan Bratiano gewiffermaßen verkörpert wird, diesen Einfluß bestreiten können, und Thatsache ist, daß das Ministerium Bratiano sich verpflichtet hat, diesen Einfluß für die Emancipation der Israeliten zur Geltung zu bringen. Die Thronrede, mit welcher Fürst Carl die Kammersession eröffnetc, hat es deutlich ausgesprochen, und ebenso die Antworten, welche der Senat und die Kammer als Ausfluß der Regierungspartei auf die Thronrede ertheilt haben. Stürzt daher das gegenwärtige Ministerium und wird die liberale Partei in die Opposition gedrängt, so ist sowohl die Emancipation der Juden als die Ruhe und Ordnung im Lande in Frage gestellt, und es werden Zustände eintreten, aus welchen Rußland alleirr Vortheil ziehen wird." — Aus dieser Schilderung der gegenwärtigen Situation wird die Absendung Nosctti's nach Nom, Paris u. s. w. verständlich. Er soll eben noch eirrmal versuchen, die Anerkennung der Unabhängigkeit durch Zusendung von Gesandten vor den Wahlen zur Constituante Zu bewirken. Aber ebenso einsichtlich wird cs, daß, falls diese geschehen, die Gleichstellung der Juden durch Lerktausulirungen so gut wie illusorisch gemacht werden würde. Es bleibt daher nothwendig, daß die Großmächte auf das rumänische Jntriguenspiel nicht eingehen. Bukarest, 30. Jan. In den rumänischen Kammern wurde gestern eine fürstliche Botschaft verlesen, womit denselben eine Declaration in Betreff der nöthigen Abänderung des Art. 7 der Verfassung zur Erwägung unterbreitet wird. Der Senatwählte einen Ausschuß von sieben Mitgliedern. Abends fand eine geheime Sitzung der vereinigten Kammern statt. Pest, 25. Januar. (Privatmitth.) Der „Pcster Llovd^ von heute enthält einen lesenswerthen Artikel über die rumänische Judenstagc, in welchem die Freiheit aller Culte im Oriente und die Unabhängigkeit der bürgerlichen und politischen Rechte von jeglichem Glaubensbekenntnisse als die einzige Errungenschaft des Berliner Vertrages bezeichnet wird, welche die gesummte civilisirte Welt mit ungethcilter aufrichtiger Genugthuung begrüßte. Und gerade diese sollte nun in die Brüche gehen?! Wenn jetzt der Senator Ghika gleich dem , I Fürsten Gortschakow int Berliner Congreß sich auf den Unter-! schied zwischen den Juden in Rumänien und denen in Deutschland, Frankreich, England u. s. w. beruft, so fände dieser Unterschied doch ganz ebenso zwischen den Christen der genannten Länder und denen in Rumänien rtnd Rußland statt. Der Artikel schließt: „Und doch würde Fürst Gortschakoff große Augen machen, würde Jemand etwa die allgemeinen Menschen- und Bürgerrechte des bulgarischen Gesindels oder der rohen russischen Bauern in Zweifel ziehen wollen, weil diese nicht auf derselben Culturstufe stehen, wie ein Farmer in Porkshire oder ein Kunstarbeiter zu Paris! Was würde Graf Schuwaloff sagen, wenn plötzlich der Duke of Periwig den Verkehr mit ihm ablehnen wollte, als mit einem Standesgenossen jenes Fürsten Dondukoff-Korsakoff, der seine Negierung im Auslande aus schmutzigen Motiven verkürzt, und jener anderen Grafen und Fürsten, welche die Cassen der Zemstvos : bestehlen? Wenn die Juden des Orients nicht mit jenen des Westens zu vergleichen sind, sind es wohl die Christen? Und! folgt daraus, daß ein Russe oder Rumäne eben nur ein Russe oder Rumäne und kein englischer Gentleman, kein westcuropäischer- Culturmensch ist, — folgt daraus unbedingt, daß ihm : das gebührende Anrecht auf bürgerliche und politische Freiheit versagt werden müsse?!" —Wir können uns dieser Auslassung des einflußreichen Pcster Blattes nur freuen, müssen jedoch bedauern, daß dieselbe sich nur an die Adresse des Fürsten Gortschakow, nicht auch an die des Grafen Andrassy richtet. Fürst Gortschakow hat wenigstens seine Ansicht offen ausgesprochen, während Graf Andrassy dem betreffenden Artikel des Berliner Vertrags zustimmte, dann aber sich beeilte, die Unabhängigkeit Rumäniens durch Ernennen eines Gesandten anzuerkennen, bevor jene ausdrückliche Bedingung des Berliner Vertrags erfüllt wurde. Bei ihm war dies Consequenz, nachdem er im vsterrcich-ungarisch-rumänischen Handelsverträge die Rechte der österreichischen Unterthanen jüdischer Religion geopfert hatte, aber keine Consequenz seines Votums int Berliner Vertrage. . Rußland. Wilna, im Januar. Wir haben nicht nvthig zu betonen, wie wenig Sicherheit Nachrichten haben, die uns betreffs der Juden russische Blätter bringen. Es giebt unter diesen keine Ausnahme in der Art, wie sie die Juden zu verdächtigen, verächtlich zu machen und jede sie betreffende Thalsache zu entstellen suchen. Unter diesem Vorbehalt theilen wir hier Folgendes aus dem Wilnaer „Westnik" mit: „Es hat sich herattsgeftellt, daß die Juden.eine eigene wohlorganisirte „geheime P ost" haben, welche ihre 'Korrespondenz in alle Gegenden des Reichs befördert. Diese Post hat ihre eigenen Beamten und empfängt und vertheilt Correspondenzen für die Zahlung von ' 5 Kopeken. Eine solche Postabtheilung ist unlängst in Wilna