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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-02-11 · Heft 7 (11.2.1879) · p. Seite 99

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 7 (11.2.1879)
Date
1879-02-11
Page
Seite 99 (sequence 3)
Language
German
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99 der christlichen und mohamedanischen Welt der Fanatismus zu Zeiten seine blutigen Orgien feierte. Rechnen wir es dem Christenthum als solchem an, wenn schon im Neuen Testamente Stellen *) Vorkommen, welche Feuer und Schwert und Zwietracht, selbst im Schooße der Familie, als die Folgen und Erfordernisse der neuen Religion verkündigen; wenn die Kirchenväter bisweilen in den gehässigsten Ausdrücken gegen Ketzer und Andersgläubige losdonnern; wenn schon bald nach der Ausbreitung des Christenthums Vernichtungskriege unter den einzelnen Seelen stattfanden; wenn der Satz: „keine Treue ist den Ketzern zu halten" zu Zeiten in grausame Thaten umgesetzt ward; wenn die Inquisition ihre Scheiterhaufen für viele Tausende anzündete; wenn der vom letzten Papste und letzten Concile verkündete und sanctionirte Syllabus die staatliche Gleichberechtigung der Altkatholiken verdammt u. s. w.? Wie will man all' diesen furchtbaren Bildern der Geschichte gegenüber ein Gewicht auf das halb Dutzend Aussprüche einzelner Fanatiker im Talmud, die gar keine thatsächliche Wirkung hatten, legen, wenn man im eigenen Hause so viel Antireligiöses und Antiethisches verzeichnet sindet? Nun, wir verlangen keine Begünstigung des Iudenthums; aber wir fordern gleiches Recht in der Beurtheilung des Iudenthums und erklären alle derartige Schreibereien für Fälschungen der Wahrheit, für Ausgeburten des VorurLheils und des Haffes. Wir kommen zu den „Reformjuden" des Herrn Todt. Bei dem Talmud konnte diesem noch zu einiger Entschuldigung dienen, daß er die Sprache desselben nicht verstehe. Was hinderte ihn aber, die deutschen Schriften, die sich mit dem Judenthume beschäftigen, kennen zu lernen, bevor er sich anmaßte, ein Urtheil zu fällen? Doch beweist er auf diesem Felde dieselbe Unwissenheit in dem Gegenstände, zu dessen Richter er sich auswirft, und höchstens stehen ihm einige dürftige Citate aus protestantischen Kirchenzeitunge» zu Gebote. Zunächst charakterisirt er daher seine Reformjuden mit der bekannten Sentenz aus Auerbach's Waldfried : „Die gebildeten Juden sind nicht sowohl Juden, als vielmehr Nichtchristen." Diese leichtfertige Phrase kann man einem Nomanschreiber, wenn er sie beiläusig einer unbedeutenden Nebenfigur in den Mund legt, Nachsehen. Aber die protestantischen Eiferer bemächtigten sich alsbald dieser Floskel und suchten sie gründlich auszubeuten. Dies und nur dies veranlaßt uns, ihr mit einer scharfen Beleuchtung entgegenzutreten, und den groben Jrrthum, den Auerbach damit begangen, zu erörtern {1875 S. 4(»5). Um auch hier dem Herrn Todt eine positive Antwort zu geben, führen wir eine Stelle aus jenem Artikel wieder an, welche die Sache nicht erschöpft, aber doch in Um- 1) Z. B. Matth, K>, 34 ff. Nur eine lächerliche Bemerkung Todl's wollen wir hier herausheben. Er beschuldigt die Rabbiner der Härle gegen die Armen, weil sie die §eier der zweiten Festtage jr-rdern. Hat die christliche Kirche keine zweiten Feiertage? Hat die katholische Kirche nicht -archerdc-m ei«« Masse besonderer Feiertag«? rissen zeichnet: „Alle diese zahllosen „gebildetes Juden, welche den reinen Monotheismus, den einzigen Gott, den Schöpfer der Welt, die Vorsehung in der Geschichte und im Leben des Menschen, die göttliche Vergeltung treu und aufrichtig bekennen, haben diese keinen positiven confessionellen Inhalt? sie, die diese Anschauung und Ueberzeugung auf die dreitausendjährige Tradition ihrer Väter, auf die dreitausendjährige Geschichte ihres Stammes stützen, die den Bekenntnißspruch auf die Thora sprechen, die sich ihrer Abstammung gemäß verheirathen und jüdisch trauen lassen, die ihre Söhne in den Bund Abraham's aufnehmen und sie Bar Mizwa werden oder jüdisch consirmiren lassen, die wenigstens die hohen Festtage halten und am jüdischen Gottesdienst theilnehmen, die endlich sich auf dem jüdischen Friedhofe begraben lassen und während ihres Lebens den jüdischen Wohlthätigkeitsanstalten eine besondere Opferwilligkei: widmen, und wo irgend Juden in Bedrängniß sind, energisch für sie cintreten — wer kann, wer darf von diesen behaupten, daß sie keinen jüdisch-confessionellen Inhalt, keine jüdisch-religiöse Anschauung und Ueberzeugung, keine jüdische Lebeusrichtung haben, daß sie keine Juden, sondern nur Nichtchristen seien?" — Doch kommen wir nun zu der weiteren Ausführung des chriplich-socialistischen Autors. Gnter Rath. Einige jüngste Vorgänge veranlassen uns zu folgender Aeußcrung. Wann werden die Herren Rabbiner, Vorsteher Prediger, Lehrer und Privatpersonen aufhören, den Schmähungen, Beleidigungen, Verdächtigungen, Verleumdungen jenes Theils der jüdischen Presse, der sich unter dem Deckmantel der Orthodoxie als eine rituelle Revolverpresse ctablirt hat, irgend welches Gewicht bcizulcgcn? Warm werden sie Energie und Selbstachtung genug besitzen, um sich von diesen Sudlern zu emancipiren? Lasset sie doch endlich schreiben und reden, was sie wollen! Kommet ihnen mit keinen Widerlegungen, Berichtigungen, gerichtlichen Klagen oder dergleichen! Jedermann weiß, daß Lüge und Verdrehung der Thatfachen, Aufbauschen vvn. Kleinigkeiten ihr Handwerk ist, daß sie davon leben und existircn. Was hilft da widerlegen, beweisen, überführen — sie kommen Euch nur mit neuen Spiegelfechtereien! . . . Es ist also eben so überflüssig wie thöricht, eben so unwürdig wie schädlich, auch nur die geringste Beachtung ihnen zu schenken. Damit habt Ihr sie gros; gezogen, daß Ihr, ihnen gegenüber, Rechtfertigung und Sicherstellung der Facten, Erklärungen und Entgegnungen versuchtet. Sie, die nur den Aberglauben und die geistige Verknöcherung repräsentiren, nehmen keinen Standpunkt ein, auf welchem man sich mit ihnen einl-assen könnte. Wer ihnen Glauben schenkt, ist

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