Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 7 (11.2.1879)
- Date
- 1879-02-11
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
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98 lösen ihn nicht, nach der Meinung des Herrn $obt. Die Socialisten sind aber schlechte Christen, das haben sie oft genug und sehr bündig ausgesprochen. Es bleiben also nur Herr Todt selbst und seine wenigen Anhänger übrig, und es zeugt von der ganzen Anmaßung dieser kleinen Secte, sich selbst an die Stelle des Christenthums und aller „modernen Christen" zu setzen. Jndeß wir überlassen dem Herrn Pastor alle diese krummen Wege, und gehen ihm nur nach seinem Ziele nach,' „die modernen Juden" recht tüchtig herunter zu machen. Der Autor trennt „die heutigen Juden" in Orthodoxe und Neformjuden. Die Ersteren „basiren ihren Glauben auf den Talmud", und dieser „redet zwar von der Nächstenliebe, kennt aber keine Nächstenliebe." Man wird voraussetzen, daß ein Gelehrter von der GewisienhaftigkeiL eines Theologen diesen apodiktischen Ausspruch nur aus gründlicher Quellenkenntniß oder doch aus unparteiischer Prüfung der ganzen einschlägigen Literatur thut. Dies ist aber längst, nicht mehr deutsche Art, sobald es das Judenthum und die Juden betrifft. Todt kennt den Talmud gar nicht und von der bez. Literatur verräth er keine Ahnung. Er verhöhnt den Pariser Sanhedrin Und „das Lehrbuch der mosaischen Religion, München 1826", weil diese die Frage um die Nächstenliebe mit dem volltönendsten Ja! beantworteten, und führt nun einige' Stellen aus dem bekannten Missionsbuche des Mc.'Caul (Xethivoth Olarn) an, welche die Gehässigkeit des Talmud gegen die Heiden und darum auch gegen die Christen erweisen sollen. Wir könnten hier noch die Vorfrage stellen: da Herr Todt die christliche Socialdemokratie nur von der, von ihm entworfenen „Auswirkung des Christenthums" erwartet, nicht aber von der bestehenden katholischen und evangelischen Kirche, wie ist er berechtigt, auf den Talmudismus und Rabbinismus zurückzugehen, und nicht vielmehr ebenfalls eine „Auswirkung des Judenthums" in Betracht zu ziehen? Wir wollen ihm hier gleich positiv antworten. Nicht nur das „Neformjudenthum" in seinen Vorstellungen von den dereinstigen mefsianischen Zeiten, sondern auch das orthodoxe Judenthum findet seine „Auswirkung" in seinen Ansichten über das Messiasreich. Es betet, und mit ihm auch das Neformjudenthum, an den höchsten Feiertagen in den heiligst gehaltenen Gebeten immer wiederholt: „Dich werden ehrfürchtcn alle Wesen, anbeten vor dir alle Menschen, daß sie allesanunt Einen Bund schließen, deinen Willen zu thun mit ganzem Herzen i"1) Enthalt dies eine Ausschließung oder eine irgend bedingte Nächstenliebe? Die Talmudisten lehren, daß in der Messiaszeit alle specifischen Neligionspsiichten aufgehoben werden"); sie, welche das größte Gewicht auf den 1) In der Thephillah von Rosch haschanah und Jom Kippur: ub2 owon te nnncn “ps-pi 22*72 -pn myb'nnx mj« a) Niddaii bl, r: 82^ vr\p rrh'22 nws naut m. Vers 1 Mos. 5, 1 legen: „Dies ist das Buch der Geschlechter Adams; am Tage, da Gott Adam schuf, machte er ihn in Gottes Aehnlichkeit", weil in dem Ausdruck: „dies ist das Buch der Geschlechter Adams" die Gleichheit und Brüde rlichkeit aller Menschen ausgesprochen sei, sie lehren auch, daß in der Messiaszeit alle Menschen aus eigenem Antriebe Bekenner des einigen Gottes nach dem Worte Zephanjah's 3, 9 werden: „Ja, dann werde ich den Völkern die Lippe zu einer lauteren wandeln, Allesammt des Ewigen Namen anzubeten, einmüthig ihm zu dienen"-^). Schon die Berufung auf diese Prophetenstelle läßt über die Anschauung der Talmudisten keinen Zweifel zu. Wir führen diese wenigen Stellen an, die wir zu einem ganzen Buche vermehren könnten, um zu zeigen, daß das orthodoxe Judenthum in dem Anfang wie in der Zukunft der Menschheit die ungetheilteste Gleichheit und Bruderschaft aller Menschen anerkennt, und die vollkommenste Nächstenliebe bethätigt. Wir finden hier eine „Auswirkung" des Judenthums, wie sie keine andere Religion enthält, welche das Heil der Menschheit von bestimmten formulirten Glaubenssätzen abhängig macht. Was nun die einzelnen Stellen aus Talmud und Gebet betrifft, die Todt anführt, so ist doch wohl diese ganze Methode, aus einem Sammelwerk von zwölf Folianten, welches die Aussprüche zahlloser Einzelner aus mehr als acht Jahrhunderten zusammenstellt, einzelne Stellen herauszufischen, aus ihrem Zusammenhänge zu reißen und einer gehässigen Auslegung zu unterziehen, längst ver urtheilt, als ungründlich und parteiisch verworfen und die mit ihrer Hülfe gezogenen Folgerungen als völlig unstatthaft erwiesen! Was kümmern sich aber diese Herren, die ja von vornherein nur verdammen wollen, in ihrer Unkenntniß um alle Berichtigungen und ' Widerlegungen, um die Belehrung und jedwede richtige Darstellung, die ja nicht blos von Juden, sondern von namhaften christlichen, sogar strenggläubigen Gelehrten gegeben worden! Sie existiren für sie gar nicht; sie setzen sich auch ferner hin und excerpiren Eisenmenger, Mc.'Caul, Rohling und Genoffen, und glauben sich berechtigt, nun ein Urtheil zu fällen. Aber nicht blos die Wissenschaft, sondern auch Gerechtigkeit und Sittlichkeit sprechen ihr Urtheil über Euch! Unzählige Male sind die angeführten. Stellen in ihr rechtes Licht gesetzt und ihnen die zahlreichen Sentenzen des Talmud, welche die höchste und lauterste Menschenliebe athmen, gegenübergestellt worden. Aber dies hilft Alles nichts bei solchen Skribenten, welche alle Widerlegungen,, sei es aus Unkenntniß, sei es aus bösem Willen ignoriren. Aber selbst wenn wir zugestehen, daß im Talmud hier und da einzelne fanatische Köpfe ihrem Zelotismus Lust machen — gegen die eigentliche Grundanschauung auch des Talmud kommen sie nicht auf, und blieben factisch erfolglose und darum bedeutungslose Ausbrüche, während in 3) Abod. sar. 24, l: "121 812^ LN L^NZ D^C.