Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-02-04 · Heft 6 (4.2.1879) · p. Seite 89

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 6 (4.2.1879)
Date
1879-02-04
Page
Seite 89 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227231-3227238--36905-3256280
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

89 gefallen sein, das Geiger'fche Gebetbuch sei dahier wieder abgeschafft worden. Diese Aeußerung wurde aufgegriffen und in vielen jüdischen Zeitschriften als sichere Nachricht verbracht, die aber aus Mißverständniß und Jrrthum beruht. — Wenn die den Austritt anstrebenden Orthodoxen zur Bedingung ihres Verbleibens in der Gemeinde die Abschaffung von Geiger's Gebetbuch gestellt hätten, so würde ihnen der Vorstand, um die Gemeinde in ihrer Integrität zu erhalten, vermuthlich diese Concession gemacht haben und die Gemeinde wäre damit einverstanden gewesen. Allein dies hätte ihnen sicher nicht genügt. Mit Stumpf und Stiel hätten die Reformen abgeschafft werden müssen, und dies hätte man doch in einer Gemeinde, die zu denjenigen isr. Gemeinden Deutschlands zählt, in welchen der Trieb nach Reform des Cultus am frühesten erwacht war und die seit fünfzig Jahren stets nach Reformen gerungen und dieselben auch erreicht hat, nicht unternehmen können, ohne die heftigsten Erschütterungen hervorzurufen. . Und so blieb wieder Alles im alten Geleise, auch Geiger's Gebetbuch ist vor der Hand noch beibehalten, dessen Gebrauch jedoch schon lange nur auf die Sabbath- und Festtage mit Ausnahme des Neujahrs¬ und Versöhnungstags beschränkt ist. — Uebrigens herrscht hier allgemein die Ansicht, daß dadurch, daß den Ausgetretenen die fernere Benutzung des Friedhofs gestattet ist, schon in naher Zeit dieselben sich mit der Hauptgemeinde wieder, wenn auch nur in sinanzieller Hinsicht, ganz vereinigen werden. Wird dieses wünschenswerthe Ziel erreicht, so hat dies die Gemeinde dem friedfertigen und einsichtsvollen Verfahren ihres Vorstandes, an dessen Spitze Herr Commerzienrath Blumenthal steht, zu verdanken. Hamburg, 24. Jan. (Privatmitth.) Die leidige Affaire, Proceß Schlächter Witt contra Rabbiner Stern, hat endlich ihren definitiven Abschluß erreicht. Infolge der jüngst ergangenen Entscheidung des Oberappellationsgerichts zu Lübeck hat die Hamburger Polizeibehörde ihre Verfügung gegen Schlächter Witt zurückgenommen. Es ist demnach, zur Befriedigung Aller, die koscher und sauber zu essen vorziehen, dem Schlächter Witt gestattet, in Zukunft überall, auch im Schlachthause, von seinem Schochet schlachten zu lassen. — In unserer Nachbarstadt Altona wurde kürzlich eine Petition, mit Hunderten von Unterschriften dortiger Gemeindernitglieder, behufs Erhaltung der Isr. Gemeindeschule, an die Regierung abgeschickt. Das Bestehen oder Eingehen der Schule ist noch immer fraglich, da trotz des Semesterschlusses die Negierung noch immer mit der Entscheidung wartet. Frankreich. Paris, 19. Jan. (K. Z.) Heute Abend hält die „Alliance ieraelite universelle" eine Versammlung ab, um über die rumänische Judenfrage zu berathen. Rosetti befindet sich gegenwärtig in Paris, um Frankreich zu bestimmen, seine Zustimmung dazu zu geben, daß die rumänischen Israeliten nicht vollständig emancipirt werden, sondern gewissen Ausnahmegesetzen unterworfen bleiben. Gambetta, den er besuchte, scheint nicht abgeneigt, den Wünschen der rumänischen Regierung zu entsprechen, da er die Frage für keine wichtige hält. Der Minister Waddington weigert sich aber, Rumänien anzuerkennen, wenn es nicht zuvor diese Frage nach den Bestimmungen des Berliner Vertrags regele. Die Alliance berieth über die Schritte, welche zu thun seien, um die Rechte ihrer Glaubensgenossen sicher zu stellen. Italien. Aus Obcritalicn, 16. Januar. (Privatmitth.) Seit lange her habe ich Ihnen nichts specifisch Jüdisches aus unserer Gegend mitzutheilen gehabt. Seit einiger Zeit pulsirt bei uns das israelitische Leben sehr schwach. Ich habe nur noch nachzutragen, daß im September v. I. in Vercelli ein neugebauter Tempel eingeweiht wurde, dessen Baukosten auf 250,000 Lire berechnet werden, welche von der dortigen kleinen Gemeinde, die 500 Seelen zählen soll, beschafft wurden. Die Berichte in den Localzeitungen ergingen sich in Lobeserhebungen sowohl über den kunstgerechten Bau des Tempels, als auch der prachtvollen Ausstattung und nicht minder über den erhebenden Eindruck des Einweihungs-Ceremoniells, bei welcher der ehrwürdige Rabbiner der Gemeinde Herr Giuseppe Raffael Levi eine maßvoll gehaltene, sehr beifällig aufgenommene Rede gehalten hat, die auch durch den Druck veröffentlicht wurde. Es dürfte nicht unangemessen, sein hier hervorzuheben, daß an den öffentlichen Elementar-Bürgerschulen in Rom auf Veranstaltung des dortigen Municipiums zwei Lehrer der Talmud-Thoraschulcn den israelitischen. Schülern den Religionsunterricht ertheilen. Vor einigen Wochen rügten einige politische Blätter der Halbinsel eine gewisse Nachgiebigkeit des jüngst ernannten Ministeriums in Bezug auf die schlauen Bemühungen der rumänischen Negierung, den Handelsvertrag mit Italien ohne die völlige Gleichstellung der israelitischen Bürger Italiens durchzusetzen. Die Sache scheint jedoch noch nicht zum Abschlüsse gekommen zu sein. Bei den bekannten Gesinnungen des Monarchen und der wahrhaft liberalen Stimmung der italienischen Kammern scheint was immer für eine Beschränkung in dieser Hinsicht nicht möglich zu sein. NüM, 22. Jan. Gestern und heute wurde im Senate über die auswärtige Politik verhandelt. Der Ministerpräsident Depretis erklärte unter Anderem: Die Anerkennung der Unabhängigkeit Serbiens und Rumäniens sei abhängig von dem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.