Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 6 (4.2.1879)
- Date
- 1879-02-04
- Page
- Seite 84 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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84 Von der einen Seite die mangelhafte Einsicht, da die Mehrheit der das Land bewohnenden Juden den jüdischen Religionsunterricht nur im Lesen des Hebräischen bestehend glaubt, das freilich meist auch nur sehr dürftig erzielt wird. Von der anderen Seite der Mangel an Mitteln, da der geringen Anzahl schon die Erhaltung eines Betlocals, womöglich auch eines Begräbnißplatzes große Opfer kostet. Daß aus dieser Vernachlässigung nur immer stärkere Gleichgültigkeit und Unwissenheit erwächst, versteht sich von selbst. Daher die Ruhe, mit welcher die jüdischen Ellern ihre Kinder an dem christlichen biblischen Geschichtsunterrichte theilnehmen lassem Sie denken, die Geschichte von Abraham und Moses, David und Salomon können sie ja mitlernen, das ist ihnen ja nützlich. Was daraus nach dem Buche eines Schuster und Anderer gemacht wird, wissen sie nicht, und wie von selbst bleiben die Judenkinder in der Classe, auch wenn das Neue Testament vorgenommen wird. . Fragen wir, auf welche Weise diesen Uebelstanden möglichst abzuhelfen sei? so bieten sich uns zwei Mittel dar. Zunächst erachten wir es für den Beruf und die Pflicht der Rabbiner, hier angestrengt einzugreifen. Es ist nicht mehr wie noch vor wenigen Jahrzehnten, wo in manchen Provinzen des. preußischen Staates kaum ein und der andere Rabbiner vorhanden und zur Wirksamkeit befähigt war. Wir haben gegenwärtig in fast jeder mittleren Gemeinde einen studirten Rabbiner, so z. V. in der Rheinprovinz zu Crcfeld, Düsseldorf, Elberfeld, Cöln, Bonn, Coblenz, Aachen und bald auch wieder in ' Trier. Sämmtlich noch junge Männer in ihrer ersten Amtsperiode, werden sie von ihrer Amtsthätigkeit nicht dermaßen in Anspruch genommen, daß sie ihre Blicke nicht auch über die Mauern ihrer Stadtgemeinde richten könnten. Diese sind cs, welche die Ortschaften besuchen, in den jüdischen Bewohnern derselben das religiöse Interesse wecken, ihnen ihre Pflichten, insbesondere für die religiöse Erziehung ihrer Kinder klar machen, und mit Rath und That beistehen sollten. Man darf natürlich hierbei nicht mit Zelotismus Vorgehen, sich auch nicht von Zurückweisungen und geringfügigem Erfolge abschrecken lasten. Roch sind die jüdischen Vater und Mütter für religiösen Sinn ein fruchtbarer Boden, und wo sie einen aufrichtigen, eigennutzlosen Eifer erkennen, entsprechen sie auch der Ermahnung und Aufforderung. — Was aber den anderen Theil der Frage betrifft, den Mangel an genügenden Geldmitteln, der übrigens nicht so belangreich ist, wie er im ersten Augenblicke erscheint: so halten wir es für die eigenste Aufgabe des Israelitischen Gemeindebundes, hier eine erfolgreiche Wirksamkeit zu entfalten. Wir wollen jedoch eine offenmüLhigL Bemerkung nicht zurückhalten. Wenn der gedachte Gemeindebund bis jetzt in seinen meisten Plänen zu keinem Ziele gelangte, so geschah dies, weil er dieselben zu groß und zu weitläufig anlegte. Es ist dies den jüdischen Gemeinden in Deutschland gegenüber nicht der rechte Weg, sofort Organisationen, die sich über ganz Deutschland erstrecken sollen, zu planen. Theils sind die Gemeinden in ihrer eifrig festgehaltenen Autonomie nicht geneigt, eingeordnete Glieder einer Centralisation zu werden; andererseits sind sofort so große Mittel erforderlich, daß sie eben nicht auszubringen sind. Wir meinen, daß die Dinge vielmehr beim Concreten, beim einzelnen Fall, bei Localem aufzufasten seien, um, wenn dies gelungen, immer weitere Kreise heranzuziehen. Wir haben diese Ansicht wiederholt ausgesprochen, undsie könnte sich in der vorliegenden Angelegenheit sehr bewähren. Es wäre also kleineren Gemeinden, die aus wenig bemittelten Mitgliedern bestehen, die Anregung zu geben, für ihren Religionsunterricht zu sorgen und ihnen im Nothfalle ein jährlicher Zuschuß zu verheißen. Sollte ein solcher Zweck vom Gemeindebunde für ganz Deutschland nicht blos im Allgemeinen ausgestellt, sondern auch sofort nach einem Statute organisirt und nach Paragraphen in Angriff genommen werden, so würde die Sacbe abermals scheitern. Der Gemeindebund müßte vielmehr diese Angelegenheit für eine seiner wesentlichsten Ausgaben erklären, dann aber erst nnt dein einen oder anderen kleineren Bezirke, wo das Bedürfnis so recht fühlbar geworden, beginnen, sich mit dem örtlich nächsten Rabbiner und dem Vorstande der nächsten größeren Gemeinde in Verbindung setzen, um die Mittel und Wege zur Wirksamkeit und zur Abmessung des Erforderlichen zu erfahren und in Ausführung zu bringen. Sind dann nur erst einige Beispiele gegeben, und practische Erfahrungen gemacht, dann tvird sich das Werk leichter fortsetzen lasten und die nöthigen Mittel werden sich ausgiebig darbieten. Früher oder j später werden wir dahin gelangen, von Staatsseiten auch einige! Unterstützung zu finden, wie es z. B. in Württemberg und Baden! schon ds-p Fall ist, und diese werden dann ganz besonders für den j hier behandelten Gegenstand zu beanspruchen sein. Wir erhoffen, i daß diese Mahnung nicht ganz ungchört vorübergehen werde. Sbei/ttuicj Äiioccßixcfateii/. Deutschland. Berlin» 22. Jan. (Privatmitth.) Ihre Leser mögen entschuldigen, wenn ich erst jetzt über einen Gegenstand referire, der des Jntereffes nicht entbehrt, nämlich die Ueberstcht des Haushaltes der hiesigen jüdischen Gemeinde aus dem Jahre 1877, die vor einigen Monaten ausgegeben worden. Schade , ist es, daß diese „Ueberstcht" sich diesmal einfach aus die Zahlen