Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 5 (28.1.1879)
- Date
- 1879-01-28
- Page
- Seite 76 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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76 klärten, daß sie, falls diese Schenkung, die in solcher auf besonderen Eclat berechneter Form angeboten sei, angenommen werde, ferner Nichts mehr zu der Anstalt beitragen würden; falls man das Geschenk aber zurückweise, so würden sie die Anstalt für den Betrag desselben aus eigener Tasche schadlos halten. Von anderen Mitgliedern wurde geltend gemacht, daß der Verwaltungsrath einer Wohlthätigkeits-Anstalt keineswegs befugt sei, seine Vorliebe oder Abneigung zu befragen, wenn es sich um die Annahme einer Schenkung für die Anstalt handle. Wenngleich die Art der Anerbietung, sagen sie, namentlich unter den obwaltenden, als bekannt vorauszusetzenden Verhältniffen eine tactlose zu nennen sei, so könne man doch dieses Geschenk nicht zurückweisen, ohne sich dem Vorwürfe übertriebener Empfindlichkeit auszusetzen; es liege eben nicht in der Natur eines jeglichen Gebers, anders als tactlos zu verfahren. Man sollte sich daher nicht so übelnehmerisch zeigen, sondern annehmen. Im Verwaltungsrathe des Waisenhauses wurde jedoch beschlossen, das Geschenk der £ 250 in einem höflichen Schreiben, aber ohne Angabe des Grundes abzulehnen. Der Verwaltungsrath des „Mount Sinai-Hospitals" wird in seiner Sitzung am nächsten Sonntage in Bezug auf das angebotene Geldgeschenk von § 500 Beschluß fassen, und der Verwaltungsrath der genannten Alterversorgungs-Anstalt, der am ersten jeden Monats Sitzung zu halten pflegt, wird vielleicht eine Extrasitzung halten, um wegen der $250 die Frage: annehmen oder ablehnen? noch im alten Jahre zu erledigen." In diesen Tagen feierte die hiesige „Israelitische Wohlthätigkeitsgesellschaft" ihr 23. Jahresbankctt. Diese Gesellschaft war die erste Wohlthätigkeits-Anstalt der Juden in hiesiger Stadt, so daß sich alle anderen an sie anschlossen, und ihr Wirken ist ein so mnfassendes, daß sie sagen kann, kein Hülfesuchender werde von ihr ohne Beistand abgewiesen. Nun wissen Sie, daß nach englischer und amerikanischer Sitte ein solches Bankett nicht blos den Zweck einer geselligen Zusammenkunft hat, sondern vielmehr, daß an demselben jedes Mitglied seinen freiwilligen Jahresbeitrag auf die Liste zeichnet und diese dann während des Banketts selbst verlesen wird. Die Zweckmäßigkeit dieser Sitte liegt auf der Hand. Die Reden, die gehalten werden, der Jahresbericht, der verlesen wird, der Wein und nicht minder Rivalität und Schicklichkeit kommen dem Wohlthätigkeitssinn wacker zu Hülfe, und so ergiebt sich ein solcher Abend für die meisten gemeinnützigen Anstalten als die hauptsächlichste Einnahmequelle. Zu dem gedachten Bankett hatte sich eine sehr stattliche Gesellschaft eingefunden, in welcher auch einige christliche städtische Würdenträger und Honoratioren bemerkt wurden. Die beiden bedeutendsten Reden wurden vom Vereinspräsidenten Herzberg und vom Rabbiner Dr. Ho chheimer gehalten, welcher letztere natürlich über Wohlthätigkeit im Allgemeinen mit begeisternder Beredsamkeit sprach. Die Gesellschaft vereinnahmte im verflossenen Jahre 8050 Dollars, von denen 1299 Doll. Beiträge von 433 Mitgliedem, dagegen 5264 Doll, der Ertrag des letztjährigen Banketts waren, was meine obige Bemerkung rechtfertigt. Die Ausgaben für die in umsichtigster Weise geübten Unterstützungen betrugen 8157 Doll., was ein etwas geringeres Deficit als im Vorjahre beließ. Das diesmalige Bankett lieferte 5125 Doll, und rief die Verkündigung dieses Resultats allseitigen Jubel hervor. Diese kurze Schilderung wird Ihre Leser interessiren, da sie eben eine auf dem europäischeu Continente nicht heimische Sitte bespricht. Der Saal war brillant erleuchtet und mit amerikanischen, deutschen und anderen Flaggen decorirt. Ueber der Bühne, die mit Guirlanden und amerikanischen Flaggen geziert war, prangte in Flammenschrift in hebräischen Buchstaben das Wort „Zedakah". An der Tafel saßen neben dem Präsidenten vier Rabbiner und zwei Cantoren, sowie die Beamten des Vereins und die christlichen Honoratioren. — Eine eigene Sitte hat sich hier herausgebildet. Die am Grabe eines besonders gewürdigten Verstorbenen gesprochenen Worte des betr. Geistlichen werden auf die eine Seite eines großen Blattes in Bogensormat typographisch schön gedruckt und zur Erinnerung an Freunde und Bekannte vertheilt. Es liegen uns im Augenblicke zwei solcher Gedenkblätter aus dem verflossenen Jahre von Rabb. vr. Hochheimer vor. GuslKoiv. Der polnische Jude Gusikow, der sich in den dreißiger Jahren mit seinem Strohinstrument producirte, machte Wohl überall großes Aufsehen. Im Winter 1836 besuchte er Berlin. Fanny Mendelssohn, die Schwester von Felix Mendelssohn Bartholdy, schreibt darüber an Klingemann in London. (Die Familie Mendelssohn. sVerlin 1879s II, 5): „Hier macht jetzt ein polnischer Jude Aufsehen, der auf einem Instrument, das aus einigen Strohbündeln und Holzstäben besteht, eine fabelhafte Virtuosität besitzen soll. Ich würde es nicht glauben, hätte cs nicht Felix geschrieben. Gesehen habe ich ihn, und kann versichern, daß er ein ungemein schöner Mensch ist. Er kokettirt mit strengem Judenthum in Kleidung und Lebensart, und macht Glück bei Hof damit. Ich könnte Ihnen darüber eine sehr pasiende jüdische Redensart schreiben, wenn Sie sie nur verständen." Das berichtet sie am 12. Februar: „Ich habe das Phänomen gehört, und versichere Sie, ohne so entzückt davon zu sein, wie Manche, daß er alle Virtuosität auf den Kopf stellt, denn er macht auf seinen Holzstäben, welche mit Holzstäben geschlagen werden und auf^einem Strohlager liegen, was nur auf dem vollendetsten Instrument möglich ist. Wie mit sol-