Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 5 (28.1.1879)
- Date
- 1879-01-28
- Page
- Seite 75 (sequence 11)
- Language
- German
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75 heit ihrer Confirmation (1820) schrieb. Er sagt: „Ob Gott ist? Was Gott sei? Ob ein Theil unseres Selbst ewig sei und, nachdem der andere Theil vergangen, fortlebe? Und wo? Und wie? — Alles das weiß ich nicht und habe dich deswegen nie etwas darüber gelehrt. Allein ich weiß, daß es in mir und in dir und in allen Menschen einen ewigen Hang zu allem Guten, Wahren und Rechten und ein Gewissen gibt, welches uns mahnt und leitet, wenn wir uns davon entfernen. Ich weiß es, glaube daran, lebe in diesem Glauben, und er ist meine Religion. Die konnte ich dich nicht lehren, und es kann sie Niemand erlernen, es hat sie ein Jeder, der sie nicht absichtlich und wissentlich verleugnet; und daß du das nicht würdest, dafür bürgte mir das Beispiel deiner Mutter, deren ganzes Leben Pflichterfüllung, Liebe, Wohlthun ist, dieser Religion in Menschengestalt." Ferner heißt es: „Vor einigen Tausend Jahren war die jüdische Religion die herrschende, dann die heidnische, jetzt ist es die christliche. Wir, deine Mutier und ich, sind von meinen Eltern im Judenthum geboren und erzogen worden und haben, ohne diese Form verändern zu müssen, dem Gott in uns und unserem Gewissen zu folgen gewußt. Wir haben euch, dich und deine Geschwister, im Christenthum erzogen, weil es die Glaubensform der meisten gesitteten Menschen ist." — Abgesehen von der sonderbaren Geschichtserläuterung, daß erst die jüdische, dann die heidnische Religion die herrschende gewesen — so besagt der Mann mit dürren Worten, daß zwar er und seine Frau innerhalb des Judenthums hochsittlich gelebt hätten, er aber seine Kinder taufen ließ, weil jetzt die Mehrzahl dem Christenthume angehörte und dieses gegenwärtig die herrschende Religion sei. Diese öde Flachheit religiöser Anschauung und Ueberzeugung kann jedoch nicht auffallen, wenn man das Bekenntniß des Briefstellers von seiner völligen Glaubenslosigkeit an Gott am Anfang seines Schreibens liest. Er weiß nichts weiter, als daß im Menschen ein Hang zum Guten, ein Gewissen existire. Nun braucht man doch sich nur ein tvenig umzusehen, oder auch nur in das eigene Herz zu blicken, um zu wissen, daß im Menschen ebenso ein Hang zum Bösen vorhanden, und daß das Gewissen vor dem geringste Sturme einer Leidenschaft in den meisten -Menschen eine sehr schwache Rolle spielt, wenn nicht der innige Glaube an Gott, die Liebe zu diesem und die 'Furcht vor ihm, mit einem Worte, die wahrhafte und auf- ■ richtige Religiösität hinzutritt. Woher überhaupt dieses Gewissen, welches doch auf den verschiedenen Culturstufen der Menschen diesen so überaus Verschiedenes lehrt? Wenn er sich für die Tochter auf das Beispiel der Mutter stützt, wie steht es mit den Kindern, die nicht das Glück haben, solche Eltern zu besitzen? Und was ist dies endlich für ein Gewissen, das an dem Tage, wo die Tochter in einer bestimmten Kirchenlehre confirmirt wird, ihr sagt: Alles dies ist Menschensatzung, selbst der Glaube an Gott und Unsterblichkeit nichts als pure Erfindung der Menschen! So weit waren die Söhne Mendelssohn's von dem „Jerusalem" und den „Morgenstunden" zur zerbröckeltsten Vernünftele!, zum oberflächlichsten, nichtssagendsten Nationalismus gelangt! Was Wunder, daß die Töchter noch weiter kamen und nach einem mehr als stürmischen Leben sich in den Katholicismus retteten. Es bleibt dies für die Erziehung und den Bildungsgang, die Mendelssohn seinen Kindern gab, ein eigenthümliches Zeugniß. Ieuilleion. (Korrespondenz. Baltimore, 2l. December 1878. Ihre Leser werden sich des Richters Hilton erinnern, dessen Benehmen als Director des größten Hotels in dem Badeorte Saratoga, da er allen Israeliten die Aufnahme in das Hotel verweigerte, in den Vereinigten Staaten so großen Unwillen erregte. In der neuesten Zeit hat der Mann sich abermals bemerklich gemacht, und da der Vorgang nicht ganz ohne Interesse ist, so sende ich Ihnen den Bericht, welchen der hier erscheinende „Deutsche Correspondcnt" vom gestrigen Tage darüber enthält: „Der größte und wahrscheinlich auch reichste Rüpel New-Aorks ist jedenfalls der Richter Hilton, Stewart'S Universalerbe. Derselbe wollte dieser Tage die Juden wegen des in Saratoga ihnen angethanen Insults verhöhnen und richtete folgendes Schreiben an Herrn A. Hallgarten vom „Mount Sinai-Hospitale": „„Wcrther Herr! Frau Alexander T. Stewart wünscht dem „Mount Sinai-Hospitale" ein Geschenk von $ 500 zu machen. Der Schatzmeister Ihrer Gesellschaft kann das Geld erhalten, wenn er sich an irgend einem Nachmittage nach 2 Uhr mit diesem Schreiben einsindet. Hochachtungsvoll Henry Hilton." " Aehnlich lautende Schreiben wurden Herrn Jesse Seligmann, Präsidenten des jüdischen Waisenhauses, und Herrn Isaak Rosenwald, Präsidenten des „Uomo kor Infirm and Aged Ifebrews“, zugeschickt, worin einer jeden der beiden letztgenannten Wohlthätigkeitsanstalten $ 250 als Geschenk von der Wittwe Stewart durch Herrn Henry Hilton angeboten wurden. — Die „Staatszeitung" bemerkt dazu: „„Hätte Frau Stewart direct einen Check an' die genannten Anstalten geschickt, so würde das Geschenk wahrscheinlich ohne Weiteres angenommen worden sein. Aber die ostensive Vermittlung und die Form, in der das Geschenk angeboten wurde, und die sich kurz als ein „Holen Sie sich'sl" bezeichnen läßt, veranlaßten die Vorstandsmitglieder der drei Anstalten, die Frage: annehmen oder ablehnen? in Erwägung zu ziehen. .Manche Mitglieder er--