Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 5 (28.1.1879)
- Date
- 1879-01-28
- Page
- Seite 74 (sequence 10)
- Language
- German
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I . -— diger Dr. Jellinek hielt der Vorsitzende des gedachten Vereins eine warme, anerkennende Rede. Er sagte unter Anderem: „Tauber war zeitlebens ein Mensch in der liebenswürdigsten Bedeutung des Wortes; Niemandem hatte er absichtlich wehgethan, mit seinen Wohlthaten aber, die er nach edlem Herzcnszuge übte, hat er Tausende beglückt und getröstet. Der Verein, in besten Namen ich spreche, hatte ihn als einen Mann der besten Vorzüge geachtet und geliebt und muß ihm das längste Andenken bewahren." — Wie aus Triest telegraphirt wird, ist heute dort Herr Masino Levi, Director der Assicurazioni Generali, gestorben. — Man schreibt der „N. fr. Pr." aus Bielitz (Mähren) vom 17. d.: Vor Kurzem wurde hier ein Mann von jenem guten alten Schlage zu Grabe getragen, der leider auch im Bürgerthume eine immer seltenere Erscheinung wird. Benjamin Holländer, trotz seiner 78 Jahre noch ziemlich rüstig, war überall voran, wo es galt, den Fortschritt oder das allgemeine Wohl zu fördern. Sein ganzes Leben lang nach den verschiedensten Richtungen hin thätig. ein ebenso gewandter Kaufmann und Industrieller wie Talmudist, gönnte er sich erst in einem vorgerückten Lebensalter die Freude, seine Ersparnisse — die er bisher nur Anderen dienstbar machte — auch selbst zu genießen. Nachdem er in Bielitz, wohin er als achtzehnjähriger Jüngling aus Eperies gewandert war, zu vielen der bedeutendsten mercantilen und gemeinnützigen Anstalten den Grundstein gelegt hatte und Hunderten von Familien zur Gründung eines Heims behülflich gewesen war, entschloß er sich endlich, eine lange Sehnsucht zu befriedigen und zu seiner Belehrung und Unterhaltung große Reisen zu unternehmen. Fast ein Siebziger, bereiste er den Orient, machte die Eröffnung des Suez-Canals mit, besuchte Schweden und Norwegen und rüstete sich endlich zu einer Oceanfahrt nach Nordamerika, das er bis in's Innere von Californien kennen lernte. Auf den meisten dieser Fahrten war er von seinem alten treuen Freunde und Gefährten Grafen Gabor Festetits begleitet. Heimgekehrt, suchte er die gewonnenen Erfahrungen stets im eigenen Jntereffe, sowie zum Besten seiner Nebemnenschen zu verwcrthen. Ungemein sparsam und bedürfnißlos, so weit es seine eigene Person betraf, gab er mit vollen Händen, sobald es die Förderung eines industriellen oder humanen Zweckes galt. Noch wenige Tage vor seinem Tode sah man ihn, gegen Sturm und Schnee ankämpfend, durch eine entlegene Straße der Stadt wandern. Auf die Frage, was ihn bei so stürmischem Wetter in's Freie treibe, antwortete er: „Es handelt sich um eine gute That, um eine Menschenpflicht." Dieses schlichte Wort zeigt wol um besten, was Holländer war und was seine Mitbürger an ihm verloren. — Am .6. Januar verstarb an einer Herzkrankheit der Chacham der portugiesischen Gemeinde zu London, R. Benjamin Ar tom. Geboren 1835 zu Asti in Piemont, bekleidete er nacheinander das Rabbinat zu Saluzzo und Neapel, bis er 1866 von der portugiesischen Gemeinde in London berufen ward. Er hatte sich die englische Sprache so zu eigen gemacht, daß er einen Ruf als Kanzelredner gewann und auch einen Band Predigten veröffentlichte. Sein ausgezeichneter Character hatte ihm viele Freunde erworben, so daß sein Tod, wie uns auch Privatbriefe ans London berichten, eine tiefe Trauer erweckt hat. Auch in christlichen Kreisen war er sehr geachtet und bei dem Nahen des Leichenzuges wurden die Glocken der Kirche von Aldgate geläutet. Pest, 9. Januar. (Literarische Notizen.) Bereits vor mehreren Woche» erschien: Die hebräische Sprache. Rede am Schemini Azeret 5639 gehalten von Dr. Ad. Jellinek (Wien. M. Waitzner, 1878.) Diese Rede gehört zu den besten homiletischen Producten des bekannten Kanzelredners. Indem er darauf hindeutet, wie Neligionsverwandte bemüht waren, durch fromme Fälschungen einzelner Wörter der Thora, oder selbst, durch Weglasten eines Strichelchens an einem einzigen Buchstaben Stützpunkte für ihre religiöse Lehre zu finden und die wichtigsten Grundsätze des Judenthums zu erschüttern, weist er mit Wärme und Innigkeit nach, „wie wichtig die Kenntniß der hebräischen Sprache für die Erhaltung, Vertheidigung und Entwickelung des Judenthums sei." Allen, welche für die religiöse Erziehung der Jugend und für die Pflege der Thora Interesse haben, ist diese — schön ausgestattete — Rede aufs nachdrücklichste empfohlen; möchte sie dazu beitragen', daß wie in Wien auch in andren Gemeinden öffentliche hebräische „Sprachschulen" gegründet werden. — Von Herrn Rabbiner C. Schleßingcr in Vretten sind erschienen: Kanzelrede zum Geburtstage Sr. K. Hoheit des Großherzogs (Breiten), in der, mit Zugrundelegung von Spr. Sal. 11, 30, der Regent in seinem Streben und Wirken treffend gezeichnet wird, und Leichenrede, gehalten am Grabe des Rechtsanwalts Moritz Eppinger zu Eppingen am 31. Juli 1878 Eppingen.) In tief empfundenen Worten schildert der Redner den Mann, der sich als Mensch, als Israelit und als Beamter allseitige Achtung und Anerkennung erivorben hat. Dr. Kayserling. Bonn, 19. Januar. (Literarische Notizen.) Bei Behr in Berlin ist ein Buch in drei Bänden unter dem Titel „die Familie Mendelssohn 1729—1847" erschienen. Zwar beginnt das Werk mit Moses Mendelssohn, aber es ist nur wenig, was etwa Neues über diesen jüdischen Weltweisen herangebracht wird; vielmehr liegt der Schwerpunkt in der Geschichte seiner Nachkommen, besonders in Felix Mendelssohn und seinen Geschwistern, und zwar in dem umfänglichen Briefwechsel dieser Familie, die aus einleuchtenden Gründen uns nur vom allgemeinen Standpunkt interessirt, da sie sich vom Judenthume entfernt hatte. Bekanntlich hatte der dritte Sohn von Moses, Abraham, seine Kinder taufen lasten und es interessirt deshalb ein Brief, den Abraham an seine Tochter Fanny bei Gelegen-