Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 5 (28.1.1879)
- Date
- 1879-01-28
- Page
- Seite 71 (sequence 7)
- Language
- German
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71 werden! Will die Regierung noch außerdem anderen Juden wegen ihrer etwaigen Verdienste, Sympathien rc. die politischen Rechte verleihen, tunt mieux! — Alle anderen Juden hingegen, sei es, daß sie zwar im Lande geboren sind, aber von Eltern fremder Protection, sei es, daß sie selbst einer fremden Protection angehören oder angehörten, sei es, daß sie in ihrer frühesten Jugend aus was immer für Ursachen nach Rumänien einwanderten (wenn auch die Personälsteuer entrichteten), aber der Militärpflicht nicht Genüge geleistet — all' diese hätten kein Recht, Ansprüche auf politische Gleichstellung zu erheben, um nicht dadurch die berechtigte Situation ihrer anderen Glaubensgenossen zu erschweren und zu schädigen; denn was dem Einen recht ist, soll dem Andem billig fein!!!1) ’ i) Wir maßen uns nicht an, aus der Ferne die realen Verhältnisse eines Landes sorgfältig zu kennen und zu beurtheilen. Die Erfahrung hat jedoch gelehrt, daß Unterscheidungen in der Ertheilung der bürgerlichen und der politischen Rechte nach Kategorien die vielfachsten Jnconvenienzen und Ungerechtigkeiten nach sich ziehen, noch dazu, wenn die Untersuchung der Rechtsansprüche von mißwoll-enden und bestechlichen Beamten geführt wird. Auch scheint uns eine solche Unterscheidung den klaren Bestimmungen des Berliner Vertrags zu widersprechen. Zwar bat der von unsrem C-orresp. angeführte Artikel des Pariser „l'emps" dem betr. Artikel des Berliner Vertrags Mangelhaftigkeit des Ausdrucks insinuirt; es geschah dies aber auf eine so sophistische und gewundene Weise, daß man viel eher dem Interpreten als dem Vertrage Unklarheit vorwerfen mußte. Redaction. Ein großer, für alle Interessenten bedauernswerther Fehler würde es sein, wenn eine graduelle Emancipation in Aussicht genommen wäre! Diese würde zu Protesten, Reclamationen rc. en müsse Veranlassung geben und schließlich hätte keine Partei dabei gewonnen, denn will man die Judenfrage aus der Welt schaffen, müßte man die Operation einfür allemal gründlich vornehmen! Es ist aber zu befürchten (und lüften wir hiermit die Zipfel des Schleiers), daß einige Juden, die durch Rcichthum oder Intelligenz (?!) über ihre anderen Glaubensgenoffen hervorzuragen glauben, und später die Führerschaft derselben beanspruchen werden, jetzt diesen einerseits goldene Berge versprechen, und andererseits, wenn sie Gelegenheit haben, mit den Würdenträgern des Reiches über die Judenfrage Rücksprache zu pflegen, in der Anhoffung einer Decoration, eines Händedrucks oder auch nur eines wohlwollenden Lächelns, Jenen die verbindlichsten Dinge sagen, um später — für ihre Verdienste um das Land das rumänische Bürgerrecht zu bekommen!! Alles schon da gewesen. Da ist tvohl am Platze: „Schütze uns Gott vor unseren Freunden, vor unseren Feinden werden wir uns selbst schützen." Indessen dürfen die Juden, die wirklich Rechte auf politsche Gleichstellung haben, die Hoffnung nicht verlieren, denn: nnx Dipoa crh Tipy* rfesm nn! \ 8. p. 2?ettauo 6Ltoccßuc&fceu/. Deutschland. Berlin, 15. Januar. (Privatmitth.) Im Verlaufe der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses, inwelcher der Unterrichtsminister Dr. Falk eine ausführliche, mit allgemeinem Beifall aufgenommene Rede zur Verteidigung seiner Unterrichts- Verwaltung hielt, sprach auch der früher der Fortschrittspartei angehörende Abg. Iw. Löwe (Bochum). Derselbe machte die sonderbare Bemerkung: „Es gäbe ja viele Schäden der Zeit, namentlich die allgemeine Genußsucht; aber das liege vielleicht gerade daran, daß bisher in der Schule der Religionsunterricht stets sich in dem veralteten mosaischen Patriarchalismus bewegt habe, anstatt vielmehr das Pflichtgefühl in der Jugend zu erwecken, das Pflichtgefühl gegen den Staat und die Gemeinden. Wenn dieses Gefühl nicht erweckt werde, dann müffe man natürlich im Volke anfangen, sich gegen die Obrigkeit aufzulehnen. Man müffe durchaus von dem mosaischen Gesetz durchdringen zu dem Pflichtenkreis in Gemeinde und Staat; darin könne die Kirche eine ersprießliche Aufgabe für sich erkennen, die neuen Erscheinungen des Lebens in Einklang zu bringen mit den religiösen Lehren. Namentlich müffe der Gedanke der Solidarität der Gesellschaft gelehrt werden, und der Unterrichtsminister möge seinen Einfluß in der oben angedeuteten Richtung zur Geltung bringen " — Bei aller Hochachtung, die wir dem Abg. Dr. Löwe wegen seiner Vergangenheit, seiner Begabung und humanen Gesinnung widmen, müffen wir doch sagen, daß er hier wieder einmal Phrasen gedrechselt hat über Dinge, die er gar nicht zu kennen scheint. Erstellt „den veralteten mosaischen Patriarchalismus" dem „Pflichtgegefühl gegen den Staat und die Gemeinden", der „Solidarität der Gesellschaft" gegenüber. Run braucht Jemand nur einen prüfenden Blick in die fünf Bücher Moses zu werfen, um zu erkennen, daß die Solidarität der Gesellschaft, daß das Pflichtgefühl gegen Staat und Gemeinde nirgends heimischer gewesen, nirgends mehr gepflegt worden, als in dieser Lehre. Jeder Israelit sollte sich als lebendiges Glied des Volkes und der Gemeinde fühlen, und dieses Gefühl ihm auf's Kräftigste seine Pflicht und hiermit seine Handlungsweise vorschreibeu. Das gesammte Volk heißt immer „die Söhne Israels" oder „die Gemeinde der Söhne Jsrael's", beruhte also auf der engsten Zusammengehörigkeit; wer gegen daffelbe handelte, sündigte gegen die Bruderliebe; wer nach seinen Kräften für daffelbe eintrat, in großen und kleinen Dingen, erfüllte seine Bruder«