Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 5 (28.1.1879)
- Date
- 1879-01-28
- Page
- Seite 70 (sequence 6)
- Language
- German
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70 einstehen? Weil kein Potentat das Schwert aus der Scheide ziehen wird für die Judenbefreiung? Weil sie selbst nicht mit Drohungen und Jnsurrectionen kommen? — Kein Rumäne, welcher Partei und Farbe er auch angehöre, wird, die Hand auf's Herz gelegt, sagen, daß dem nicht so wäre! Sitten, Tracht und Sprache! Welche lächerlichen Motive, daß man sich deshalb für sein gutes Geld nicht Haus und Hof kaufen, Branntwein in den Dörfern oder Tabak in Stadt und Land nicht verkaufen darf! Erfreuen sich doch die Zigeuner trotz ihrer Verschiedenheit in Sitten, Tracht und Sprache aller Rechte der rumänischen Staatsbürger! Und sind denn die Armenier, Griechen und Bulgaren gleicher Sitten mit den Rumänen? Tracht! Wie lange her ist es denn, daß die echten Rumänen ihre Tracht nach modernem Schnitt anhaben? Wie lange her ist es denn, daß die Fußanella und die bauschigen Beinkleider der Griechen verschwunden?. Und erkennt man jetzt noch nicht die Bulgaren an ihrer Tracht? — Sollte also die halbe Elle Stoff, die der orthodoxe Jude der Länge seines Kaftans zufügt, oder das zehn Eentimeter lange Haarbüschel ein Hinderniß abgeben, daß 250,000—300,000 Landesbewohnern die bürgerlichen und ein Drittel deffelben auch die politischen Rechte vorenthalten werden? Sprache! Seit wann ist denn diese ein Hinderniß zur Vaterlandsliebe? Ist denn der Schweizer von Appenzell minder Patriot als der von Chaux de Fond oder Bellinzona? Oder der Deutsche in Cincinnati minder als der Acmkee in San Francisco? Abgesehen davon ist es allbekannt, daß die Juden in ihrer tausendjährigen Wanderschaft überall die Sprache des Landes angenommen, in der sie ein Obdach gesunden, sei es in Babylon und Persien, sei es in Arabien und Aegypten, sei es später in Spanien, Frankreich, Italien, England, Deutschland und Holland! Warum? Weil die Juden, als sie in diese Länder kamen, schon eine fortgeschrittene Cultur und Literatur vorfanden und sich daher dieser anpassen mußten! — Warum aber haben sie in Polen (Rußland), Moldau, Walachei und der Türkei den d eutschen Jargon beibehalten? Weil sie in diesen letztgenannten Ländern einen bedeutend niedrigem Bildungsgrad versanden, als sie in letzter Etappe aus Deutschland nach Osten wandelten!! Sie wären daher gezwungen, ihr Wißen aus deutschen Büchern zu schöpfen, ihre Kinder in deutscher Sprache zu unterrichten rc., weil sie wußten, daß sie mit der polnischen (mssischen), rumänischen Sprache wohl innerhalb der Landesgrenzen, aber nicht außerhalb derselben fortkommen konnten! Sie lebten überall vom Handel und waren auf ihre Relationen mit Deutschland angewiesen. Ist ihnen also all dies zu verargen? Wo hätten sie die rumänische als Schriftsprache erlernen sollen? Gab es dazumal Schulen im Lande? Haben die Rumänen damals ihre Sprache cultivirt? Wie lange ist es denn her, daß überall im Lande griechisch und unter den höheren Ständen ftanzösisch gesprochen wurde? Wie! lange ist es denn her, daß die rumänische Sprache sich emporschwingt? Wie lange ist es denn her, daß der rumänische Poet Sion (geboren im dritten Decennium dieses Jahrhunderts) | in feinem Gedichte „I-imba romanesca“ (rumänische Sprache) singt: „Zeiget, daß sein Element lebt; und sprechet, schreibet rumänisch, um Gotteshimmelswillen!"??? Nun bleibt noch Ein Punkt zu erledigen; der größte Theil der jetzigen jüdischen Bevölkerung wäre von den Nachbarprovinzen en mas.se eingewandert, wie es auch wirklich der Fall ist. Es wärenalso dies Juden aus Czemowitz, Chotin, Belz, Kischanef, Akjerman rc. und den umliegenden Ortschaften! Sind all' diese Juden nicht Rumänen? Wenn die Bukowina und Besiarabien vom Mutterlande durch politische Ereignisie abgeriffen wurden und viele Juden es verzogen, ihr altes Besitzthum verschiedener Ursachen wegen zu verlassen und sich in der. Moldau ein neues hmne zu gründen, verdienen sie nicht mehr Berücksichtigung, als die armenischen, griechischen und. bulgarischen Einwanderer, die ebenfalls aus verschiedenen Gründen ihre Heimat verließen, um hier ein Asyl zu suchen und — zu finden!? (Haben wir nicht in neuester Zeit ein Beispiel von Elsässern nach Frankreich?)' Nach all' dem Gesagten bleibt daher doch nur der Religions unter schied, der die Rumänen zurückhält, den Juden die Gleichberechtigung zu gewähren, w. z. b. w. — Weil wir aber Jenen mit Schiller Zurufen können: „Vorwärts mußt.Du, denn rückwärts kannst Du nicht mehr!" wäre es doch indessen von allseitigem Vortheil, eine V e r st ä n d i g u n g herbeizuführen, und zwar aus folgender Basis: Verleihung der Civilrechte an sämmtliche Juden, daß sich diese nämlich der gleichen Rechte, wie ihre griechischen, bulgarischen u. a Mitbürger erfreuen! Was die politischen Rechte betrifft, müßten die Juden den Rumänen entgegenkommen, und müßte die Negierung in den Districtshauptstädten gemischte Commissionen ernennen, die mit solchen in den größeren Städten, wo Consulate etablirt sind, sich in Verbindung setzten, um die Verification der Ansprüche eines jeden einzelnen Juden als rumänischer Staatsbürger vorzunehmeu! Die Regierung wird mittelst dieser Vorsichtsmaßregel sich ein genaues Tableau verschaffen können, tver wirklicher rumänischer Staatsbürger zu sein ein Recht habe. Sie wird sich die Ueberzeugung verschaffen, daß es rumänische Juden giebt, aber bei Weitem nicht in dem Maße, als sie befürchtet. All' diese seit Generationen hierzulande weilenden Juden, oder die aus Polen, Ungarn rc. einwanderten, müßten unbedingt die politischen Rechte erhalten; falls sie selbstverständlich sich nie einer fremden Protection unterwarfen! Ferner müßten diejenigen Personen und deren Nachkommen die politischen Rechte erhalten, die dem Staate gegenüber ihrer Militärpflicht Genüge geleistet, oder zu dieser erst herangczogen