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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-01-28 · Heft 5 (28.1.1879) · p. Seite 68

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 5 (28.1.1879)
Date
1879-01-28
Page
Seite 68 (sequence 4)
Language
German
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von der bisherigen liberalen Führung verkündete. Ohne uns hier in eine Kritik des Details einzulassen, wird man zugestehen, daß die Einwirkung einer bisher in ihren Erfolgen so glücklichen und hochgeachteten Regierung auf die allgemeine Meinung und Tendenz eine sehr mächtige sein und die Stellung der Parteien sowohl verschieben, als auch die Anstrengungen solcher, die bisher im Schatten standen, außergewöhnlich beleben j mußte. Geschah es doch z. B. schon, daß die Centrumspartei sich mit der beabsichtigten Umkehr des Zoll- und Steuerwesens vollständig einverstanden erklärte, sie, die noch im Socialistengesetze der Staatsregierung die heftigste Opposition machte. Kommt hierzu noch die von uns schon mehrfach besprochene Neigung des deutschen Volkes zum Clafsenkampf, zur Spaltung in die mannigfaltigsten Elasten und der gegenseitigen Bekämpfung derselben, so wird uns der gegenwärtige Stand der öffentlichen Angelegenheit«! in Deutschland nicht unverständlich sein. Zugleich werden wir es leicht begreifen, warum gerade gegen die Juden sich eine so heftige Anfeindung erhob. Ist doch der Kampf zwischen den religiösen Parteien und der zwischen dem Staat und der Kirche so recht ein deutsches Erbstück aus der ältesten Kaiserzeit durch die Reformation bis zum heutigen Tage. Freilich hat erst in diesen Tagen ein junger Autor jüdischer Religion, der, aus Osten gekommen, die Verhältniste des Wesirus wohl wenig kennt, behauptet, daß der üblen Behandlung der Juden kein Neligionshaß mehr zu Grunde liege. Bei einem ziemlichen Theile des Volkes mag dies der Fall sein, bei den Führern, Wortführern und Eiferern aller kirchlichen Parteien ist noch heute der Neligionshaß daS stärkste Motiv, ihn athmen sie in allen ihren Kundgebungen, ihn suchen sie im Volke wieder zu beleben, um auch von hier aus das Volk zu ihrem Werkzeug zu benutzen. Dennoch sehen wir die Dinge nicht schwärzer an, als sie in Wirklichkeit sind. Das deutsche Reich steht fest, und ist so Bedürfniß aller Theile der druischen Nation geworden, daß es trotz alledem nicht erschüttert werden kann. Die deutsche Nation selbst hat in ihrem tausendjährigen Bestände eine solche Lebenskraft, eine solche zähe Widerstandsfähigkeit, eine solche Begabung, sich immer wieder aus den schwierigsten Lagen zu erheben und zu verjüngen, erwiesen, daß wir sicher die Zuversicht hegen können, sie werde auch diese Periode der Verwirrung und des ZUjsiMMerrftoßes der verschiedensten Ansichten und Parteien überwinden und zur Klärung der Begriffe, zur Sicherung der Grundsätze, zur festen Gestaltung der staatlichen und gesellschaftlichen DcrhältMssc sich Hindurchringen. Es gilt eben, den geschichtlichen Prozeß zu bestehen, der von der Einbürgerung und Entwicklung neuer Principien nicht zu trennen ist, und durch welchen diese erst mit der Existenz und dem Wesen einer Nation erwachsen. Der Srncht ans Lin; am Rhein. L! Der ged. Bericht in Nr. 3 und 4 hat sicherlich das Jntereffe unsrer Leser in vollen Anspruch genommen. Derselbe befaßt zwei Momente, die an und für sich auseinanderliegen, aber im gegebenen Falle in einander greifen. Das erstere liegt in dem Lehrsatz der in die katholischen Volksschulen ringe führten „biblischen Geschichte des Alten und Neuen Testaments" von Dr. I. Schuster, Seite 7: „Abel war ein Vorbild des von seinen Brüdern, den Juden, unschuldig getödeten Jesus; Kain war ein Vorbild der über die ganze Erde zerstreuten Juden." Das zweite Moment besteht in der Theilnahme der jüdischen Schüler und Schülerinnen an diesem biblischen Geschichtsunterricht und in dem Mangel an jüdischem Religionsunterricht an vielen Orten, wo eine geringe Zahl Juden wohnen. Wenden wir uns zunächst zum ersten Gegenstände. Wir betreten hier das interne Gebiet einer anderen Religion oder Confession, in welchem selbstverständlich nur die betr. Kirche über ihre Glaubenssätze zu bestimmen hat, so daß es von Andersgläubigen amnaßlich wäre, ein Urtheil zu fällen, ob dieser oder jener Lehrsatz oder Ausspruch wirklich zur Dogmatik derselben gehöre oder nicht. Natürlich ist dies nicht dasselbe mit einer« objectiven Urtheil über den Inhalt und Werth eines solchen Lehrsatzes. Es muß Jedermann gestattet sein, eine Meirnmg sich darüber zu bilden und wohl auch auszusprechen. Geschieht dies doch jeden Tag dem Judenthum gegenüber, und meist in wenig objektiver Weise. Und da werden wir uns, nicht von jüdischem, sondern von allgemeinem Standpunkte aus entschieden gegen einen solchen Lehrsatz verwahren müssen. Daß der Text der h. Schrift auch nicht den entferntesten Anhalt zu einer solchen Auslegung giebt, sieht Jeder, der das Schriftwort kermt. Wer aber, tute Dr. Schuster, die Behörden, die dessen Buch approbirten und das königl. Provinzialcollegium die gedachte Auslegung für richtig anerkennt, der nimmt auch dir unbedingte Prädestination an, so daß von Beginn der Menschheit an die Juden zu Jesu Zeit zu der ihnen vom Neuen Testamente zugeschriebenen Handlung prädestinirt waren, also gar nicht anders handeln konnten, wenn sie nicht den vermeintlichen Plan der Weltordnung Umstürzen wollten, womit die Verantwortlichkeit derselben illusorisch würde. Ebenso muß derselbe dem allgerechten Gotte ein Strafgericht über viele an der That völlig schuldlose Geschlechter des jüdischen Stammes annehmen, unter welchem doch Zahllose waren, die „Gott lieben und seine Gebote beobachten", denen also „die Gnade Gottes bis in's tausendste Geschlecht" verheißen ist. In der Geschichte aller Völker, und fürwahr auch der christlichen, sind leider! Justizmorde vorgekommen. Aber selbst aus den Berichten der nentestamcntlichen Autoren heraus kann den Juden keine größere Schuldbarkeit zugeschrieben werden, als den

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