Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 5 (28.1.1879)
- Date
- 1879-01-28
- Page
- Seite 66 (sequence 2)
- Language
- German
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66 des Volkes finden, und daß die entschiedensten Gegensätze? gegen die eingeschlagenen Wege aufgekommen und mit starkem j Anhang agitiren. So wird die Freizügigkeit angefochten, die? Gewerbeordnung bestritten, der gemäßigte Freihandel bekämpft,' das Strafgesetz als zu milde perhorrescirt, die direkten Steuern' verworfen, die sog. Volksrechte durch Beschränkungen und Aus-! nahmegesetze geschmälert, das Recht des Staates auf die Lei-! tung der Schule und die staatliche Oberaufsicht über das? Kirchenwescn in Frage gestellt und endlich der Parlamentarismus j selbst bedroht. Diesen eben nur zur Geltung gelangten Principien gegenüber erhoben sich große und kleine Parteien, die sich wiederum theils unter einander die Hände reichen, theils in anderen Punkten bekämpfen. Jeder einzelne Stand erhebt seine Ansprüche und sucht nach Unterstützung mit Verheißung der Gegenseitigkeit. Nicht blos die Landwirthe, die Handwerker, der Handelsstand und die Fabrikanten, sondern auch diese wieder in jeder einzelnen Branche concentriren sich als besondere Berufsclasien, die für sich Schutz und Vorrechte beanspruchen. Hierzu nun die Massenbewegung durch den Ultramontanismus und den Socialismus; hierzu die niemals aufgegcbenen Ansprüche der Aristokratie und der lange noch nicht' erloschene Geist des Particularismus, um ein Chaos vorzustellen, wie es das öffentliche Leben einer großen Nation kaum jemals in einem stärkeren Durcheinander aller Elemente aufzuweisen gehabt hat. Hierzu kommt aber noch ein Anderes, das de'.: gegenwärtigen Zuständen erst das rechte Gepräge aufdrückt. Bei einer solchen Verwirrung der Ansichten, bei einem solchen Sturm der Parteimeinungen kommt immer der Charakter zu Tage, der sich in einer Nation geschichtlich herausgebildet hat, gerade wie der Charakter eines Individuums dann erst recht zum Vorschein kommt, wenn es von Unglucksfällen und Sorgen bedrängt ist. Es bedarf aber nur einer geringen Beobachtungsgabe, um über die Art und Weise sich zu verwundern, in welcher all' diese Kämpfe der Zeit geführt werden. Wie? Kann man nicht auch seine Gegner achten? Kann inan nicht eine Ueberzeugungstreue bei ihnen voraussetzen, welche gegenseitige Schonung und Rücksicht zur Pflicht macht? Giebt es für die Oeffentlichkeit keine Schranke der Sitte, des Anstandes, des Geschmacks, der Bildung? Giebt es überhaupt keine Pflicht der Billigkeit und Gerechtigkeit? Von allem Dem begegnet man aber leider!- äußerst wenig in den Kundgebungen der verschiedenen Parteien, vom Gegentheil aber ein Uebermaß. Diese Wuth, den Gegner womöglich zu vernichten, diese widerliche Schmähsucht, diese Heimtücke, mit welcher dem Widerpart die niedrigsten Motive untergeschoben, alle Moral und Ehre abgeschnitten, jede Begabung und Einsicht abgesprochen wird, die Rohheit und Gememheir in der Entstellung der Thatsachen, sowie im Ausdruck und Styl, die wir in den Haupt- und Nebenorganen der verschiedenen Parteien in Deutschland Tag für Tag finden, drangen uns die Frage auf: Giebt es in Deutschland keine öffentliche Meinung und Bildung mehr, welche eine derartige Verwilderung so nachdrücklich verurtheilt, daß die Sprache, die dort geführt wird, verstummen müßte? Jndeß von einem solchen Erfolge läßt sich nichts verspüren.' Im Gegentheil, die am heftigsten schreien und am rücksichtslosesten Vorgehen, finden den größten Leserkreis. Hier vermischen sich Ursache und Wirkung. Aus der Kampfweise der Parteien kann man auf ihren sittlichen, und Culturstand schließen; aber diese Kundgebungen eines moralisch und ästhetisch gesunkenen Geistes bewirken wieder das Wachsthum der feindseligsten Leidenschaften. Das Eigenthümlichste ist indeß hierbei, daß gerade die sog. religiösen Parteien und deren Organe, die, welche den Kampf für die Religion, in Wirklichkeit für blinden Glauben und hierarchische Macht auf ihre Fahne geschrieben, am tollsten und rohesten in ihrer Sprache, ihrer Haltung, ihrem lügnerischen Verfahren mit Thatsachen Vorgehen! — Unter solchen Umstanden kann es auch nicht verwundern, daß in Deutschland das Hetzen und Wühlen gegen die Juden auf's Aeußerste gestiegen und wie eine wahre Epidemie alle Parteien ergriffen hat, welche der bisherigen liberalen Richtung des deutschen Reiches feindlich entgegentreten, und dies sind eben alle Parteien außer der zusammengeschmolzenen liberalen selbst3). Man kann bei unparteiischer Untersuchung keine wesentlichen Thatsachen auffinden, welche diesem wüsten Gebahren gegen die Juden auch nur einen Schein gerechter Ursache gewährten. Die Juden haben nicht einmal in den öffentlichen Carriären während des letzten Jahrzehnts ansehnliche Fortschritte gemacht. Außer in den untergeordneteren juristischen Aemtern und einigen wenigen ordentlichen Universitätsprofessuren findet man kaum in einer staatlichen Laufbahn einen Juden. In der Industrie und dem Handel haben sie keine hervorragendere Stellung eingenommen als früher, ja im großen Ganzen sind sie darin verhältnißmäßig zurückgegangen, weil eben die ganze deutsche Nation sich im letzten Jahrzehnt der Industrie und dem Handel in einem ungleich größeren Umfang ergeben hat als früher. Nachgeiviesen, mit authentischen Zahlen in der Hand, wurde wiederholt, daß die Anklage, die deutsche Tagespreffe werde von jüdischen!) Um sich zu überzeugen, daß die obigen Ausdrücke nidu zu scharf sind, braucht man nur die Mehrzahl der deutschen Blätter zu durchmustern. Bor uns liegen z. B. die Nr. 8 und i, der <r-ietistischcn) „Rheinisch-Westfälischen Post" (Elberfeld-Barmen) und Rr. 297 (vom 29. Dec.) des (ultramontanen) „Badischen Beobachters" (Karlsruhe). Was nur an Entstellung thatsächlicker Wahrheit und an Ausbrüchen fanatischen Hasses geleistet werden kann, ist hier vorhanden. Welche Unwahrheit in der ersteren z. B. über den Ätedacreur der Berliner „Bolkszeitung"! Der B. Bcob holt eine alte, lügenhafte Lcharteke hervor, und tischt Auszüge daraus seinen Lesern auf. Dies ist so die gangbare Manier: man fabricirt die boshaftesten, unwahrsten Pamphlete, und citirt sie dann noch nach vielen Jahrzehnten als zweifellose Documente! So fälscht und vergiftet man den allgemeinen Geist systematisch, um — Deutschland in den mittelalterlichsten Obscurantismus, in die schwärzeste Reaction zurückzuwerserr. 0 '