Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 5 (28.1.1879)
- Date
- 1879-01-28
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine /** ♦ ML ♦ Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung ersLeint wöchentlich einmal in 2 bi» 2'/, Bozen. Prei» VierteljähriA AMark. Inserate werden , mit 20 Pf. sur die Pelitzeile oder deren i Raum berechnet. Alle Postämter und Buchhandlungen nehmen Bestellungen an. Heraus gegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. ' In redaclionellen Anaeleaenhestell wende man sich an Nr. L Pyillppsan i» > Bonn; hinsichtlich der Inserate nn Ht. Woss« tu Veivrig und dessen Filiale« , in Berlin. Brcölau re. Jnstratr, welche biS vonntrelog eingehen, finden in der darauffolgenden Nummer Berücksichtigung. Beilagen werden mit 1 Mark 50 Pf. pro Hundert berechnet. 43. Jahrgang. Leipzig, den 28. Januar 1879. Jß. 5. Inhalt. Leitende Artikel: Deutsche Zustände. — Der Bericht aus Linz am Rhein, l. — Zur Judenfrage in Rumänien. II. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Posen. — Oesterreich-Ungarn: Lemberg. — Türkei: Konstantinopel. — Bonn: Notizen. Literarische Notizen. — Feuilleton: (5o rrespondenz: Baltimore. — Gusikow. — Vermischtes: Werth und Ehre der Arbeit. Redend & (fLtbfteC. Bonn, 22. Januar. Deutsche Zustände. Es liegt in der Natur des Menschen, in glücklichen Zeiten Alles zu überschätzen, in ungünstigen im trüben Lichte zu sehen. Je lebhafter der Aufschwung in der deutschen Nation nach dem stegreich durchfochtenen Kampfe mit Frankreich gewesen, je höher sie selbst ihre Eigenschaften und Kräfte anzuschlagcn sich gewöhnte, desto verzagter machen sie die gegenwärtigen Zustände, die so schnell und so tief von der errungenen und vermeintlichen Höhe herabgesunken. Wir lasen in diesen Tagen in einem deutsch-amerikanischen Blatte („Der deutsche Correspondent von Baltimore") einen Bericht aus Berlin, der die dortigen Zustände so schwarz schilderte, daß mau sich wundern könnte, wie man in der Hauptstadt des deutschen Reiches noch zu leben vermag. Es kam uns dabei in die Erinnerung, wie in den fünfziger Jahren L. Bücher (der jetzige Geheimrath) als Londoner Correspondent der National-Zeitung täglich in dieser Schilderungen aus England zum Besten gab, nach welchen Großbritannien nicht blos am Rande des Abgrunds stand, sondern schon im Begriffe war, hinunterzustürzen.. Ebenso aber, wie jede Selbstüberschätzung, jeder Hochmuth gefährlich ist für Völker wie für Individuen: so muß man sich auch sreimachen von aller Schwarzseherei und den Blick offen halten für die Wirklichkeit, ihre Ursachen und ihre Richtungen. Der Mensch ist vom Schöpfer mit einer zähen, ausdauernden Natur ausgerüstet, und Völker zumal überwinden Zustände der Verwirrung und der Schtväche oft mit betounderungswürdiger Elasticität. So ist es freilich nicht zu leugnen, daß gegenwärtig im deutschen Reiche gegen die fröhlichen Hoffnungen, die in ihm in den ersten Jahren dieses Jahrzehnts lebendig und ivohlbcrechtigt waren, eine solche Verwirrung aller Verhältniffe, ein solches Durcheinander aller Ansichten und Urtheile, so viel Schwanken und Ungewißheit eingetreten, daß cs fast unmöglich wird, sich darin - und daraus zurecht zu finden, und die Zukunft, zumal die nächste, sehr trübe, ja düster erscheint. Zunächst giebt es fast keine öffentliche Meinung und noch weniger eine Macht derselben mehr; denn auf allen Gebieten des nationalen und staatlichen Lebens fallen die Ansichten so auseinander und stehen sich so kampfgerüstet gegenüber, daß sich eine feste Meinung einer überwiegenden Mehrheit gar nicht heraussinden läßt, sondern Alles in kleine Minderheiten auseinanderfliegt. Diese Auflösung einer starken öffentlichen Meinung wird eben durch die Zersplitterung in eine Menge kleiner Parteien und Fractionen getragen und diese wiederum ersteht aus dem Umstande, daß sich im Volke selbst gar keine festen Anschauungen, keine principiellen Ueberzeugungen vorfinden. Daher ist es gekommen, daß Gesetze und Einrich-' tungen, die erst vor wenigen Jahren und mit großer Zustimmung eingeführt worden,,, jetzt starken Widerspruch und das Verlangen völliger Veränderung, wenigstens bei einigen Theilen