Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 3 (13.1.1879)
- Date
- 1879-01-14
- Page
- Seite 40 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227231-3227235--36853-3256225- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
40' 2cl)lii»m, 31. Dec. (Privatmitth.) An nicht wenigen Orten bat das Austrittsgcsetz gerade die entgegengesetzte Wirkung geübte als inan erwartet batte. Gab es vorher sich bekämpfende Parteien, die sich sogar schroff gegenübcrstanden, bei vorkemmenden Wahlen einander ausschloffcn — jetzt, nach dem Erscheinen des Austrittgesetzes, versöhnte man sich und suchte zu einem Compromiß 311 kommen, weil man fühlte, daß, getrennt keine der Parteien die Gemeinde zu erhalten vermöchte, und der Bestand der Gemeinde doch wichtiger war als die Befriedigung des Parteiztvistes. Nicht die Androhung des Austritts, sondern der drohende Austritt brachte die Gemüther zu gegenseitigem Verständnis;. So geschah cs in Schrimm, wo, wie diese Zeitg. zur'Zeit berichtete, der Bruch schon so weit gediehen war. Die Verwaltung ging in angemeffene Hände über und das Friedenswerk begann reichlichen Segen zu bringen. Ohne die Steuerschraube anzuzichen ist unser Gotteshaus renovirt worden, ein Leichenwagen wird Kebaut und der Friedhof, der einer Wüste glich, ist vollständig umgestaltet worden, das Terrain planirt, die verfallenen Gräber mit Nasen belegt und das große Terrain mit lebenden Hecken umgeben. Jetzt gilt es, einen würdigen Rabbiner zu bekommen und Vorstand und Repräsentanten haben das Ihrige durch eine anständige Dotation gethan, wozu noch das Honorar für den Religionsunterricht am Gymnasium und an der Töchterschule kommt. Ich gestehe offen, daß ich diese lvahrheitsgetreue Correspondenz mit der Absicht veröffentliche, tüchtige Männer zur Bewerbung um dieses Amt dadurch aufzumuntcrn. R. TaubcrbischvfShtim, im Januar. (Privatmitth.) Folgende Mittheilung dürfte die Leser Ihres geschätzten Blattes intcresüren, da aus derselben klar hervorgcht, das; wir in unserem engeren Vaterlande Baden in Bezug auf Gleichstellung inuner größere Fortschritte machen. In einem Nachbarorte von hier erlangte die israelitische Gemeinde von der politischen einen Beitrag zum Religionsunterricht. Der Oberschulrath, von dem jeweils die Entscheidung in solchen Fällen abhängt, beschloß, daß die politische Gemeinde für 4 Stunden Religionsunterricht per Woche 100 Mark z>. rr. Vergütung an die israelitischen Mitbürger zu zahlen habe. Der Gcmeinderath, der diese Ausgabe nicht gerne auf die Gemeindecaffe übernehmen wollte, stellte an den Oberschulrath das Gesuch, einen israelitischen Ilnterlehrer anzustellen, der den betreffenden Religionsunterricht in sein Stundendeputat auszunchmen habe. Die Oberschulbehörde willfahrte sofort diesem Gesuche und stellte einen Untcrlehrer jüdischer Eonfession an der Gemeindeschule an, obwohl die Zahl der jüd. Kinder eine Verhältnis,näßig geringe ist. Eure große Zahl der dortigen christlichen Bürger stutzte, als vor einigen Tagen der jüd. Unterlehrer sich dem Bürgermeister vorstellte und seinen Dienst antrat. Es gab wohl einige Renitenten, die ihre Kinder ein oder zweimal nicht in die Schule schickten, aber die Beffergesinnten mahnten von jeder Widersetzlichkeit ab und so fügten sich denn alle dem Gesetze. Darin liegt aber auch der hohe Werth der Simultanschulen, daß Lehrer aller Confessionen an solchen Schulen angestellt tvcrden können und auch angestellt werden. Schon lange besuchen ja unsere Kinder die christlichen Volksschulen, wie ja auch die Mittelschulen schon längst aufgehört hatten, einen confcsstonellen Charakter zu tragen. Aber das Vorurtheil gegen die Juden schivand dadurch nicht, und es kam nicht selten vor, das; die jüd. Kinder beschimpft wurden. Indem aber auch die jüdischen Lebrer den christlichen College»! gleich gestellt werden und die christlichen Kinder mit den jüdischen unterrichten, erkannten die Eltern wie die Kinder, daß die Emancipation eine vollendete Thatsache ist und daß auch der israelitische Mitbürger seinen! Berufe zu obliegen und seinen Verpflichtungen »»achzukommen weiß. Es sind mir Fälle bekannt, daß der jüdische Lehrer wegen seiner Tüchtigkeit und Berufstreue von den christlichen Mitbürgern seinem christlichen Collegen vorge- Zogen wird. — — Hier ertheile ich 4 Stunden Religionsunterricht in der Volksschule, wofür die politische Gcrneinde 200 Mark zu vergüten hat. Seit dem neuen Schuljahr gebe ich auch den Religionsunterricht, bestehend in systematischem Ncligions- und Geschichtsunterricht in zwei wöchentlichen Stunden im Gymnasium selbst (den hebräischen Unterricht ertheile ich wie bisher in der Religionsschule). Mein diesbezügliches Verlangen wurde von der Dircction bei der Oberschulbehörde bereitwilligst unterstützt. Ob ich dafür honorirt werde, kann ich bis jetzt nicht bestinrmt behaupten, doch zweifle ich nicht daran, da, wie ich weiß, eine generelle Verfügung in dieser Sache erlassen werden wird. Die Censuren für den Religionsunterricht trage ich in die allgemeine Censurliste ein und werden dieselben bei der Locierung wie die anderen Noten mitgerechnet. Diese Gleichstellung des jüdischen Religionsunterrichts wirkt »acht nur auf die israelitischen Schüler, sondern auch auf die anderen Confessionen höchst vortheilhaft. Jene veraltete Anschauung, das Judenthum als Aschenbrödel oder als verachtetes Stiefkind zu betrachten, verliert dadurch inuner mehr Boden. M. Frankreich. Paris, 1. Januar. Wie die Arcli. isr. berichten, sind die Zerwürfnisse im Schooße des israelitischen Consistoriutns von Algier zu eine«! Ausgang gekormnen, der in den Annalen des französischen Judenthums noch nicht dagewesen. Das Central-Consisioriuin hat die Auflösung des Consistoriums von Algier beschloffen und diese ist von der Negierung bestätigt worden. Eure Eonsistorial-Comrnission wird provisorisch an die Stelle treten. Crömieux, welcher den Sprengel von Algier i»n Centrat-Conststorium vertritt, hat dieses Mandat niederge