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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-01-07 · Heft 2 (7.1.1879) · p. Seite 27

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 2 (7.1.1879)
Date
1879-01-07
Page
Seite 27 (sequence 11)
Language
German
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27 Jeuitteton. Selig Neuman (1790-1871)') Vor einigen Jahren wurde auf den Straßen von Newyork und Brooklyn eine Gestalt gesehen, die Niemand leicht vergessen kann. Das Gesicht, die Figur, der Anzug waren von einer Art, die auffallen mußte. Sie erschien wie ein Nevolutionsheld vielmehr, denn als ein armer Lehrer, wie ein invalider Krieger, den die dankbare 'Nation mit Halbsold pensionirt hat; nicht wie ein Hebraist, dessen Erfolge auf zwei Eontinentcn bekannt waren. Der wahre Gelehrte ist nicht aufdringlich: man sehe nur z. B. Zedner, der anonym ein historisches Textbuch veröffentlicht hat, Steinschneider, der sich genügen läßt, Knaben und Mädchen zu unterrichten. Deutsch, der sein Leben als ein Bibliothekgehülfe zuge bracht hat. Es ist etwas Heroisches in diesen und vielen ihresgleichen, die heut zu Tage niedere Stellungen einnehmen. Auch in Neuinan ist so etwas Heroisches, das sein Leben besonders intereffant macht. Neuman war in Posen 1700 geboren. Posen war damals noch nicht, was es heut 1878 ist. Trotz der Erfolge des siebenjährigen Krieges, brannte doch das polnische Nationalgefühl noch stolz im Herzen seiner Bewohner, so stolz, das; beinahe ein Jahrhundert der Verschmelzung dazu gehörte, es etwas zu verwischen. In dieser Stadt, berühmt als Geburts- und Aufenthaltsort manches modernen Hebraisten,, der den Namen „Pole" reichlich von unverdientem Vorwurf befreite, erhielt Neuman seine erste Erziehung, die viele Jahre währte. Seine erste Neigung galt dem Bibelstudium, und ihm widmete er auch sein ganzes Leben. In manchen ausgezeichneten Menschen sieht man, den Sinn für Musik, Poesie und Kunst besonders früh entwickelt: in diesem Knaben aber lagen die Keime des Bibelstudiums, sein Fortschritt war ebenso schnell, wie sein Interesse für dies Fach lebhaft war. In seinem 28. Jahre wanderte er nach London aus. Es ivar die Neactionsperiode unter der heiligen Allianz von Oesterreich, Preußen und Rußland, und die Zustände in Deutschland geivährten den Juden wenig Aussicht. Bei seiner Ankunft in England ernannte ihn Rabbi Salomon Herschell zum Prediger in der Gemeinde zu Plymouth, einer historischen Gemeinde, die schon seit mehreren Jahrhunderten besieht, aber gleich anderen Alterthümern keine bedeutenden Geldmittel gewährend. Um sein schmales Einkommen zu vergrößern, lehrte Neumau mehrere Jahre an der Universität Oxford das Hebräische, wobei er die Erinnerung an Zeiten lvieder erneuerte, in denen das Hebräische unter der Leitung jener Hochschule fleißig studirt wurde. Seine Religion verwehrte ihm sowohl Th eil des Ertrages dem israelitischen V'ehrer-Unterstützungsvcrein zugute gekommen. Die Aedaclion. l) 'Aus dem Jew. Messenger. | Gehalt Wie den Titel eines Professors, da ein altes englisches! Gesetz Katholiken, Juden und Dissidenten von diesem Amte I ausschloß. Nichtsdestoweniger waren die Spitzen der Universität - durch seine Haltung und sein Talent so günstig gestimmt,!daß sie die hebräischen Studien unter seiner Leitung prote-! girten. Das Auftreten mehrerer getauften Juden in Oxford,! die von kirchlichen Berühmtheiten begünstigt wurden, war der! Grund seines Zurücktretens; aber nicht eher zog er sich zurück, als bis er sich eine große Anzahl Schüler gesichert hatte, darunter bedeutende Kirchenmänner, wie Iw. Tait, der jetzige Erzbischof von Canterbury. Jüdische Geistliche schämten sich nicht, bei ihm Unterricht zu nehmen. Obtvohl bedeutende Christen sich von ihm in der heiligen Sprache unterweisen ließen, scheute er sich'durchaus nicht, seine Religion zu bekennen ^und zu vertheidigen. Vor einigen Jahrzehnten, als die Judenbckehrer in England noch thätigcr waren wie jetzt, veranstalteten sie eine öffentliche Disputation und luden einen ihrer bekanntesten Vorkämpfer ein, um mit Neuman über die messianischcn Prophezeihungen zu streiten. Neuman setzte mehrere Abende hintereinander die Disputationen im Freimaurerhaus in London fort. Der günstige Eindruck, den er hervorrief, ist durch Pie Thatsache bewiesen, daß er später an mehreren nacheinanderfolgenden Sabbathen an der jüdischen Freischule vor einer großen und aufmerksamen Zuhörerschaft seiner Glaubensbrüder predigte. In vorgeschrittenem Alter wanderte Neuman nach Amerika aus. Zweifellos waren es auch die Jahre, die ihn an der Annahme irgend eines öffentlichen' Amtes hinderten. Erbetrieb trotzdem den hebräischen Unterricht mit Eifer, und seine durchgreifende Methode verschaffte ihm eine Menge Schüler, bis Altersschwäche und Krankheit seine Thätigkeit hemmten. Seine veröffentlichten Werke bestehen in einem hebräisch-englischen und englisch-hebräischen Lexicon, einer hebr. Grammatik, die ihrer großen Einfachheit wegen Anerkennung verdient und einer neuen Veröffentlichung würdig lväre; in Verbesserungen der autorisirten engl. Uebersetzung des alten Testaments, von denen einige ausnehmend glücklich sind und der aufmerksamen Beachtung der engl, zu diesem Zwecke niedergesetzten Commission würdig sind; sowie ein Dialog betitelt: „Die angenommene Herausforderung", die ztvischen einem Juden und einem Christen geführt wird, wahrscheinlich die Verhandlungen der Londoner Disputationen enthaltend. Dieser Dialog erschien in einem der früheren Hefte des Messenger und ist ein sorgfältig verfaßtes kleines Buch, das eine weitere Verbreitung verdiente, als es erhalten hat. Neuman starb zu Brooklyn 1871. Er hinterließ eine noch ungedruckte abgekürzte Bibelübersetzung für Schulen und Familien.

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