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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-01-07 · Heft 2 (7.1.1879) · p. Seite 20

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 2 (7.1.1879)
Date
1879-01-07
Page
Seite 20 (sequence 4)
Language
German
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20 Daß der Mensch im Laufe von ungezählten Jahrtausenden endlich dahin gekommen ist, sich aus Eigenem neben den natürlichen noch künstliche Schutzmittel — Kleider — anzu schaffen, kann in den nach unwandelbaren Gesetzen vor sich gehenden Werdeprozeß keine Aendcrung tragen und so wird nach wie vor jedes männliche Kind mit der uns hier interessirendcn Schutzvorrichtung geboren, obgleich es sie eigentlich nicht mehr braucht. Doch sind auch Fälle bekannt, daß Knaben ohne dieselbe geboren wurden. Das erlauchteste Beispiel hiervon ist unser Moses. Näheres hierüber finden Sie im babyl. Talmud, Tractat Sota, Fol. 12. Halten wir nun gegen diesen, in Folge der menschlichen Eultnr bereits imaginär gewordenen Nutzen dieser Haut die eventuelle Schädlichkeit derselben und die Krankheiten, die sie bedingen oder doch schwerer machen kann, so finden wir, daß sie ein Danaergeschenk zu nennen ist. Das von dieser eingehüllte Organ trägt in seiner Axe die Harnröhre und hat durch diese eine für den Organismus höchst wichtige Function, die Entleerung des Harnes. Mit diesem werden ja alle für den Aufbau und die Erhaltung des Organismus schädlichen Stoffe ausgeschieden. Nun denken Sie sich, es fehlte die Vorhautöffnung, und solche Fälle finden wir in der medicinischen Literatur verzeichnet. Der Harn kann nun nicht abfließen und wird auf den Körper höchst nachtheilig einwirken. In einem solchen Falle wird der Arzt die uns beschäftigende Operation sofort vornehmen muffen. Ob eine solche am ersten Tage, wenn auch vom rituellen Beschneider, vorgenommene Circumcision mit der nach der heiligen Schrift am achten Lebenstage vorzunehmenden gleichwerthig ist, ist mir nicht bekannt. — Ein weiteres, durchaus häufiges Vorkommniß ist es ferner, daß die Vorhautöffnung eine auffallend kleine, zum Harnröhrenvolumcn im Mißverhältnisse stehende ist. Die nächste Folge hiervon ist, daß nur ein kleiner Theil des Harnes abfließen kann, ein anderer Theil dringt zwischen Vorhaut und das von ihr bedeckte Organ, bedingt hier eine Zersetzung des hier immer vorräthigen Schmeers und in weiterer Folge Entzündung. Auf diese Entzündung komme ich noch zurück und ich will hier nur noch erwähnen, daß Fälle bekannt tvurden, in denen sich die mineralischen Bestandtheile des Harnes in diesem Vorhautsacke niederschlugen und zur Steinbildung führten. Doch die Harnabsonderung, meine Herren, ist nicht die einzige, die diese enge Straße zu passiven hat. Es gicbt noch eine andere, die zwar nicht für das Individuum, Wohl aber für die Gattung eine weit höhere Bedeutung hat, eine Bedeutung von einschneidendster Wirkung für das bürgerliche Leben. Wie viele Ehen, die alle Chancen für ein ungestörtes Glück boten, wurden getrübt durch die Difformität einer angeborenen Vorhautenge und daraus resultirende Kinderlosigkeit? Viele Träger einer solchen, vielleicht geringen, keine weitere Erscheinungen machenden Difformität, sind sich derselben gar nicht betvußt, nehmen ihre Kinderlosigkeit als eine höhere Fügung hin und erwarten und suchen keine Kunsthülfe, oder wenn betvußt, haben nicht den Muth, sich einer Operation zu unterziehen. Als Beispiel für Letzteres gilt ein gekröntes Haupt auf dem Continente. Ein Jude ist durch die knapp nach seiner Geburt an ihm vollzogene Beschneidung vor solchen: Vorkommniß ein für allemal geschützt. Von ungleich größerer Bedeutung für das Individuum als die angeborene, ist eine in Folge eines Entzündungsproceffes acquirirte Verengerung der Vorhausöffnung. Diese macht unter allen Umständen Erscheinungen, die eine Operation unerläßlich tverden lassen. Lasten Sie mich Ihnen in kurzen Worten den Vorgang schildern, wie eine am inneren Blatte entstandene Reizung zur Entzündung und weiter zur Vorhautenge führen kann. Derjenige Theil des uns hier beschäftigenden Organs, der zu seinem Schutze die vielbesprochene härtige Hülle trägt, sondert beständig aus vielen in seiner Oberfläche gebetteten Dräschen einen Talg ab, der bei genügender Reinlichkeit des Individuums sich nicht übermäßig anhäuft, bei geringer Scrupulosität oder bei einer mäßig verengten Vorhautöffnung sammelt sich dieser Talg käseartig an und wird unter gewissen Umständen, etwa bei Zutritt von Harn, sich zersetzen. Das Zerfetzungsproduct derselben, Ammoniak, wird die zarte innere Haut reizen, zur Entzündung bringen. Die nächste Folge dieser Entzündung wird Schwellung der Vorhaut in uno sein. Diese Schwellung kann so excessiv werden, daß die Vorhaut aufs Zehnfache verdickt, das von ihr eingcfüllte Organ geiviffermaßen erdrückt. Tie Entleerung des Harnes bringt die unsagbarsten Schmerzen, ja wird zuweilen geradezu unmöglich. Ein Schnitt mit dem Bistouri oder ein Schecrenschlag befreit das Organ von seiner gefährlichen Gefangenschaft und macht die Passage für den Harn wieder frei. Doch die an der Vorhaut entstandene Entzündung muß nicht aus diese beschränkt geblieben sein, sie kann bereits auf den Hoden, dessen Ucberzug nur eine Fortsetzung der Vorhaut ist, übergegriffen haben. Die Harnröhre selbst kann bereits in Mitleidenschaft gezogen sein und durch diese weiter die Harnblase. — Sic ersehen bereits aus dem Gesagten, welch' unliebsame Zustände die Vorhaut, dies Vorrecht der Nichtjuden, nach sich ziehen kann. Ein Beschnittener ist vor diesen sicher. Ich bitte, mich nicht falsch zu verstehen! Auch ein beschnittenes Individuum kann eine Harnröhren- oder Vlascnentzündung acquiriren, doch sind dann die veranlassenden Momente ganz andere und ivicder nur solche, die auch beim Unbefchnittenen dieselben Erscheinungen machen. Eine weitere Krankheitsform, die beim Juden unmöglich ist, ist der sogenannte „spanische Kragen." Wieder ist es Entzündung oder Gefchwürsbildung der Vorhaut, die diesen Zustand bedingt, nur war cs dort die

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